Sexuelle Gewalt in der Bibel
Sonntagsblatt-Serie: Das Beste aus der Bibel
Die Bibel schildert nicht nur gelungenes Leben, sondern nimmt auch die manchmal grausame Wirklichkeit der Welt in den Blick. Dazu gehört auch sexuelle Gewalt.
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 Peter Paul Rubens: Lot verlässt mit seiner Familie Sodom, um 1615, Würzburg.
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Sodomiter wollen Engel schänden - 1 Mose 19
Sodom war ein Sündenpfuhl. Was sich die Bewohner der Stadt dem Mann Lot gegenüber leisteten, brachte Gottes Zorn vollends zum Kochen. Als zwei Engel den rechtschaffenen Lot besuchten, forderten die Bewohner Sodoms deren Herausgabe - sie wollten sich »über sie hermachen«. Lots Reaktion ist ein Beweis schlechter Vaterschaft und Beleg für den frauenfeindlichen Grundton vieler biblischer Berichte: Er bietet dem gewalttätigen Mob seine beiden Töchter an, beide Jungfrauen; mit denen könnten die Sodomiter tun, »was euch gefällt«. Bevor es so weit kommt, schlagen die Engel Gottes die Menge mit Blindheit, sodass sie ihre Pläne nicht weiter verfolgen können. Kurz darauf lässt Gott Pech und Schwefel über Sodom und die Nachbarstadt Gomorra regnen. ( Matthäus 21, 18-21)
Zitat: »Siehe, ich habe zwei Töchter, die wissen noch von keinem Manne; die will ich herausgeben unter euch und tut mit ihnen, was euch gefällt.«
Die Schandtat an Dina - 1 Mose 34
Schon das erste Buch der Bibel berichtet über eine Vergewaltigung. Opfer ist Dina, die Tochter des Stammvaters Jakob und seiner Frau Lea. Ein kanaanäischer Prinz namens Sichem ist angetan von ihr. Statt um sie zu werben, zwingt er sie zum Geschlechtsverkehr. Danach verliebt er sich in sein Opfer und »redet freundlich mit ihr«. Also bittet er bei Dinas Vater Jakob um ihre Hand. Als Dinas Brüder Simeon und Levi von der Schändung ihrer Schwester erfahren, stellen sie eine Bedingung für die Hochzeit: Sichem und alle Männer seines Landes sollen sich beschneiden lassen. So geschieht es - und als alle noch unter den Schmerzen der Beschneidung leiden, erschlagen Simeon und Levi »alles, was männlich war«. Jakob ist mit dem rabiaten Rachefeldzug seiner Söhne nicht einverstanden. Die beiden betrachten es aber als brüderliche Ehrensache: »Durfte er denn an unserer Schwester handeln wie an einer Hure?« ( Matthäus 21, 18-21)
Zitat: »Als Sichem sie sah, nahm er sie, legte sich zu ihr und tat ihr Gewalt an.«
Vergewaltigt in Gibea - Richter 19
Dieser namenlosen Frau geschah Furchtbares: Als Gattin eines (ebenfalls namenlosen) Leviten genießt sie die Gastfreundschaft eines alten Mannes in dem Ort Gibea. Dortige »ruchlose Männer« umstellen das Haus und wollen sich über den Leviten »hermachen«. Um dem zu entgehen, stellt der Levit der geifernden Horde seine Frau zur Verfügung - sie wird die ganze Nacht lang vergewaltigt. Erst »als die Morgenröte anbrach, ließen sie sie gehen«. Erschöpft sinkt das Vergewaltigungsopfer vor der Tür der Herberge nieder und stirbt. Ihr Mann, der Levit, bringt die Leblose auf seinem Esel in seinen Heimatort und »zerstückelte sie Glied für Glied in zwölf Stücke und sandte sie in das ganze Gebiet Israels«. Er möchte den Stämmen damit zeigen, was für ein grausames Verbrechen von Angehörigen des Stammes Benjamin verübt wurde. Die Folge: Das vereinte Heer der Stämme Israels vernichtet Gibea und andere Städte der Benjaminiten. ( Matthäus 21, 18-21)
Zitat: »Sie machten sich über sie her und trieben ihren Mutwillen mit ihr die ganze Nacht bis an den Morgen.«
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 Lot und seine Töchter (um 1600): Dieses Bild aus einer privaten Sammlung wurde wegen der Signatur »C. v. Harlem P.« bis in jüngste Zeit dem Maler Cornelis van Haarlem zugeschrieben, nun aber als Gemälde des Jan Harmenszoon Muller (1571-1628) identifiziert, der seine Werke häufig mit der Signatur anderer Maler versah - unter anderem der seines Vaters.
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Israeliten schänden Frauen - Hesekiel 33, 26
Der Prophet Hesekiel lebte unter jenen Israeliten, die sich in babylonischer Gefangenschaft zurück in die Heimat sehnten. Nicht alle waren deportiert worden. Auch an die noch in den Trümmern Israels Lebenden richtet Hesekiel sein Wort. Sie unterstehen ebenfalls dem Gericht Gottes, betont er, und zählt deren Sünden auf. Zu denen gehören auch sexuelle Gewalt gegen Frauen - wofür die Bibel oft das Wort »Schändung« gebraucht. ( Matthäus 21, 18-21)
Zitat: »Ihr Einer schändet die Frau des andern - und dann wollt ihr das Land besitzen?«
Vom eigenen Bruder vergewaltigt - 2 Samuel 13
Amnon, ältester Sohn König Davids, verliebte sich hoffnungslos in seine schöne Halbschwester Tamar, die noch Jungfrau war. Sein Freund Jonadab gab ihm einen bösen Rat: Er solle sich krank stellen und bei David um Tamar als Pflegerin bitten. So geschah es. Während sich Tamar hilfsbereit um ihren vermeintlich kranken Halbbruder kümmerte, ihn sogar fütterte, »überwältigte er sie und wohnte ihr bei«. Absalom rächte seine Schwester und ließ Amnon im betrunkenen Zustand töten. ( Matthäus 21, 18-21)
Zitat: »Nicht doch, mein Bruder, schände mich nicht!«
Kriegsvergewaltigungen - Klagelieder 5, 11; Sacharja 14, 2; Jesaja 13, 16
Schon in biblischen Zeiten gehörten Vergewaltigungen zum Kriegsgeschehen. Der Prophet Jesaja berichtet, dass feindliche Soldaten die Frauen Israels und Judas geschändet haben. Somit hat sich eine Vorhersage des Propheten Sacharja erfüllt. Er hatte prophezeit, dass Jerusalem erobert, »die Häuser geplündert und die Frauen geschändet werden«. Andererseits droht Gott dem feindlichen Babel Gleiches an: Es sollen auch ihre Kinder vor ihren Augen zerschmettert, ihre Häuser geplündert und ihre Frauen geschändet werden. ( Matthäus 21, 18-21)
Zitat: »Sie haben die Frauen in Zion geschändet und die Jungfrauen in den Städten Judas.«
Knabenschänder - 1 Korinther 6, 9-11
Auch in antiken Zeiten gab es Knabenschänder. Der im griechischen Originaltext stehende Begriff »arsenokoites« weist auf die im griechischen Kulturraum gängige Praxis der Verfügbarmachung von jungen Sklaven durch ihre Herren hin. Der Apostel Paulus wendet sich strikt gegen diese damals gesellschaftlich tolerierte Form der Päderastie; er sagt, Knabenschänder werden genauswenig das Reich Gottes »ererben« wie Unzüchtige, Götzendiener, Ehebrecher, Lästerer, Räuber und andere offensichtlich sündhafte und reulose Menschen. Jedoch zeigt Paulus einen Ausweg: Wer »reingewaschen « ist »durch den Namen des Herrn Jesus Christus und durch den Geist unseres Gottes«, dürfe auf Vergebung hoffen. ( Matthäus 21, 18-21)
Zitat: »Lasst euch nicht irreführen! Weder Unzüchtige noch ... Knabenschänder ... werden das Reich Gottes ererben.«
| BIBLE'S DIGEST
Alle » Folgen der Serie »Das Beste aus der Bibel« finden Sie » hier...
»Das Beste aus der Bibel« - eine Bibelkunde der besonderen Art.
Der Theologe Uwe Birnstein macht sich in der Sonntagsblatt-Serie »Das Beste aus der Bibel« Woche für Woche auf die Suche nach den bewegendsten und außergewöhnlichsten Geschichten der Bibel. »Das meistgedruckte Buch der Welt verstaubt in den Bücherregalen«, klagt er. Der Grund: Die Heilige Schrift ist kein Roman und eignet sich nicht zur raschen Lektüre. Die Perlen, die sie birgt, müssen erst entdeckt werden. »Das Buch der Bücher birgt Geschichten, die es mit jedem Liebesroman und jedem Thriller, mit jedem Krimi und jeder Generationen-Saga mühelos aufnehmen kann.« Das Beste der Bibel - eine Bibelkunde der besonderen Art.
SEX AND CRIME
Vielleicht ist die Bibel nur deshalb ein glaubwürdiges Buch des Friedens, weil sie Gewalt nicht verschweigt. So kommt es, dass Gewalt in unzähligen Geschichten der Bibel Thema ist. Auch Vergewaltigungen werden geschildert. Die Opfer, stets Frauen, müssen nach den Gewalttaten oft auch noch gesellschaftliche Ächtung ertragen. Doch enthält die Bibel auch viele Hinweise zur Überwindung von Gewalt. Der bekannteste findet sich im Alten wie im Neuen Testament: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« ( 3 Mose 19, 18; Matthäus 22, 39).
Zum Weiterlesen: Walter Dietrich u. a.: Gewalt und Gewaltüberwindung in der Bibel, Zürich 2005
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