Der Sozialbischof
Nikolaus Schneider ist der amtierende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland
Er gilt als sozial engagierter Arbeiterbischof. Der gebürtige Duisburger Nikolaus Schneider ist der stellvertretende Ratsvorsitzende der EKD. Nach dem Rücktritt von Margot Käßmann wird er bis zur nächsten EKD-Synode, die im November in Hannover stattfinden soll, an der Spitze des Leitungsgremiums der Protestanten stehen.
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 »Westerwelle kennt die Welt draußen nicht«: Nikolaus Schneider.
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Schneider ist seit 2003 Präses, und damit leitender Geistlicher der Evangelischen Kirche im Rheinland: Sein Amt entspricht dem eines Landesbischofs, doch die calvinistisch geprägte rheinische Kirche verzichtet auf den Bischofstitel.
Im persönlichen Gespräch wirkt der Theologe jovial, nach außen strahlt er rheinische Gemütlichkeit aus. Sein Aufwachsen im Ruhrgebiet, wo der Sohn eines Stahlarbeiters von 1976 bis 1984 Pfarrer von Rheinhausen war, und an der Seite der Arbeiter für den Erhalt von Arbeitsplätzen im Steinkohlebergbau kämpfte, hat er nicht vergessen. Nikolaus Schneider spricht die Sprache der einfachen Leute und kann Gefühle in Worte bringen.
Deutlich wurde das bei der wohl größten Tragödie, die ihn bislang im eigenen Leben traf: Seine Tochter Meike, die wie ihr Vater Theologie studierte, starb 2005 an Leukämie. In einem 2006 veröffentlichten Buch schrieben der rheinische Präses und seine Gattin Anne Briefe an die viel zu früh Verstorbene. »Gott begegnet uns nicht allein als der liebe Gott«, heißt es darin. »Gottes Weg mit Meike und mit uns bleibt uns rätselhaft und erschreckend befremdlich.« Und Schneider stellt die Frage, die wohl alle Eltern beim Verlust eines Kindes stellen: »Warum hat er nicht geholfen? Er hätte es doch gekonnt!«
Eine Antwort darauf fand der rheinische Präses nicht. Doch er konnte glaubwürdig den Trost vermitteln, seine Tochter in der Hand Gottes geborgen zu wissen. Vielen anderen, die ebenso vom frühen Tod eines Familienmitglieds betroffen waren, gab der rheinische Präses damit neue Hoffnung.
Am Herzen liegt Nikolaus Schneider auch die Ökumene: Obwohl ihm im Kölner Erzbistum mit dem katholischen Kardinal Joachim Meisner ein ausgesprochener Hardliner auf katholischer Seite gegenübersteht, pflegen Schneider und Meisner eine gute Beziehung. Regelmäßig zu Beginn der Advents- und der Passionszeit feiern beide leitenden Geistlichen gemeinsame Andachten.
Politisch engagierte sich der stellvertretende Ratsvorsitzende der EKD in den letzten Monaten vor allem in Sozial- und Umweltfragen. Die Äußerungen von Bundesaußenminister Guido Westerwelle zum Lebensunterhalt von Hartz-IV-Empfängern zeigten, dass Westerwelle die »Welt draußen nicht kennt«, sagt Schneider, der als Vorsitzender des Diakonischen Rates auch eine Art Vorsitzender des Aufsichtsrates des Diakonischen Werks der EKD ist. Und unter dem Eindruck der Wirtschaftskrise warnte der Theologe vor neu aufziehender sozialer Kälte im Land und einer Finanzierung der Krise durch Sozialabbau. Und als Aufsichtsratsvorsitzender des Evangelischen Entwicklungsdienstes (EED) engagiert sich Schneider für die Dritte Welt: Nachdrücklich warnte er vor der in den Koalitionsverhandlungen diskutierten Fusion des Entwicklungshilfeministeriums mit dem Außenministerium.
Auch in die von Margot Käßmann vorangebrachte Debatte um den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr hat sich Nikolaus Schneider eingeschaltet. Dabei gehörte er zu den Kirchenleitern, die der zurückgetretenen Ratsvorsitzenden öffentlich den Rücken stärkten. »Ich denke Frau Käßmann hat eine Debatte noch mal richtig losgetreten, die nötig ist«, sagte er Ende Januar in der SWR-Fernsehsendung »2+Leif«. »Deutlich zu machen, dass in Afghanistan wirklich Krieg ist, das ist wichtig.« Den Einsatz selbst beurteilte Nikolaus Schneider indes anders als die Bischöfin aus Niedersachsen: Angesichts der Gewalt der Taliban gegen die eigene Bevölkerung sei der Einsatz militärischer Gewalt in Afghanistan »zumindest nicht kategorisch abzulehnen«, sagte Schneider auf der Rheinischen Landessynode in Bad Neuenahr-Ahrweiler. Andere Themen Käßmanns, etwa die von ihr stark geförderten Babyklappen, hat der Theologe dagegen bislang ignoriert.
Das macht deutlich, dass in der EKD nun die Karten neu gemischt werden, vielleicht sogar noch etwas stärker als im letzten Herbst in Ulm, wo Margot Käßmann als Nachfolgerin des bisherigen Ratsvorsitzenden Wolfgang Huber in das Spitzenamt der EKD gewählt wurde. Denn der Rat der EKD besteht auch weiterhin aus 14 Mitgliedern, die politisch wie kirchlich für die unterschiedlichsten Positionen stehen.
Da ist es gut möglich, dass neben dem sozial engagierten Rheinischen Präses auch andere Ratsmitglieder aus dem Schatten hervortreten, den die hannoversche Bischöfin und ihr Amtsvorgänger Wolfgang Huber bislang geworfen haben, und die Lücken füllen, die Margot Käßmann mit ihrem Rücktritt hinterließ. | KÄSSMANN-RÜCKTRITT
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