Von der Freiheit einer Christin
Zu Margot Käßmanns Rücktritt als Bischöfin und Ratsvorsitzende
Von
Lutz Taubert
Tagelang Käßmann auf allen Kanälen. Zwei Seiten kirchenpolitische Homestory in der Bild am Sonntag; Titelgeschichte im Spiegel. Mehr Interesse einer säkularen Öffentlichkeit an einem kirchlichen Thema war schon lange nicht mehr, vielleicht noch nie.
Es ist zwar verständlich, aber eben auch paradox und kurios, dass ein EKD-Reformprozess »Kirche der Zukunft«, ein kirchliches Statement zur Lage der Christen im Irak oder der Weltgebetstag der Frauen nicht auch nur ansatzweise damit mithalten können, dass die Bischöfin und Ratsvorsitzende Margot Käßmann nach einer Alkoholfahrt von allen ihren Ämtern zurücktritt.
Ein entschlossener Rücktritt, und gewiss die richtige, die überzeugende, ja die unvermeidliche Lösung für sie und für die Kirche. Warum? Sie hat sich in diesen drei, vier Monaten in ihr Ratsvorsitzenden-Amt nicht als Funktionärin, schon gar nicht als Apparatschik eingeführt, sondern - ein besserer Ausdruck fällt uns nicht ein, auch wenns banal klingt - als Mensch.
Und das heißt: authentisch, im kirchendeutsch: glaubwürdig zu sein. Wenn sie über Afghanistan predigte oder über die Babyklappe und Kinderarmut nachdachte, ob sie auf die Frage, was man vom Vatikan in Sachen Ökumene erwarten könne, spontan das Wörtchen »Nichts!« in die Talkshowrunde warf, oder wie sie sich zu den Themen »Scheidung« und »Krebserkrankung« äußerte: Stets anwortete sie zuerst als Margot Käßmann, zwar theologisch klug, aber eben auch mit ihrem Herzen und emotional, spontan und ohne daran zu denken, wem man jetzt ans Schienbein treten könnte. Und dann und in zweiter Linie erst handelte und äußerte sie sich als Frau ihrer Kirche, die EKD-Denkschriften und Synodalbeschlüsse im Kopf hat.
Um dieser menschlichen Glaubwürdigkeit willen trat sie zurück. Indem sie sagte: »Ich habe das Amt und meine persönliche Autorität beschädigt«, unterschied sie genau zwischen Amt und Person. Bliebe sie im Amt, hätte sie künftig nicht mehr die »nötige Freiheit, ethische Herausforderungen und gesellschaftliche Missstände zu benennen«, so Käßmann.
Eine stringente Logik, auf sich selbst angewandt. Die Frau klebt nicht an ihrem Sessel und erweist durch ihren allseits respektierten Rücktritt sich selbst und dem bundesdeutschen Protestantismus einen Dienst.
Krankheit, Scheitern, Schuld: drei große Themen im Leben der Margot Käßmann. Nun also auch im Umgang mit Schuld ist sie vorbildlich, denn sie hat einen Vorfall, den mancher als »Kavaliersdelikt« hätte stehen lassen, als persönlichen Fehler gewertet. | KÄSSMANN-RÜCKTRITT
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