Afrika im Kleinen
»Das Flüstern der Frauen«: Die Liturgie zum Weltgebetstag kommt aus Kamerun
Von
Von Renate Haller
Die Liturgie für den Weltgebetstag der Frauen am 5. März kommt in diesem Jahr aus Kamerun. Die Frauen des Landes haben die Gebetsordnung unter das Motto »Alles was Atem hat, lobe Gott« gestellt.
 Foto:
vario-images
 Blick nach Afrika: Der ökumenische Weltgebetstag der Frauen beschäftigt sich mit dem westafrikanischen Land Kamerun.
|
Trockenes und feuchtes Klima, Savannen im Norden, Regenwald im Süden, Küste und Bergwelt: Kamerun hat auf einer Fläche von rund 475.000 Quadratkilometern fast alles zu bieten, was der afrikanische Kontinent bereithält. »Afrika im Kleinen« wird das Land wegen seiner geografischen, ethnischen und religiösen Vielfalt denn auch genannt. Ureinwohner auf dem Gebiet des heutigen Kamerun sind Pygmäen, die in den dichten Regenwäldern des Südens lebten. Zum großen Teil verdrängt wurden sie ab etwa 1000 nach Christus, als sich in dem Gebiet auch Bantu-sprechende Völker niederließen. Diese lebten weitgehend vom Ackerbau und der Viehzucht.
Erster Europäer auf dem heutigen Staatsgebiet war wohl der portugiesische Seefahrer Frenao do Póo, der 1471 an der Küste anlandete. Da er an einer Flussmündung auf einen ungewöhnlichen Reichtum an Krabben stieß, nannte er das Land »Rio dos Camaroes«, woher sich vermutlich der heutige Name Kamerun ableitet.
 Foto:
sob
 Die Flagge Kameruns.
|
Die wechselvolle Geschichte des Landes unter fremder Herrschaft beginnt im 15. Jahrhundert mit den Portugiesen. Diese haben 1495 die westafrikanische Festlandküste zwischen dem Nigerdelta bis hinunter zum Kap Santa Clara annektiert. Portugiesen und einheimische Stämme handelten mit Elfenbein, Palmöl und mit Sklaven. Ab etwa 1600 waren am Sklavenhandel auch die Niederländer beteiligt.
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts tauschen die Portugiesen ihren Teil Kameruns mit Spanien gegen Gebiete in Brasilien ein. Ein Jahrhundert später dann gewinnt auch Großbritannien Einfluss in der Region. Nach Angaben des Internet Länder-Lexikons sorgen die Briten für ein Ende des Sklavenhandels.
Die Deutschen machen sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der Region breit. Deutsche Kaufleute etablieren sich an der Küste, später werden Protektoratsverträge zwischen Vertretern der deutschen Regierung und Stammesvertretern geschlossen. Gegen den Widerstand der einheimischen Bevölkerung legen die Deutschen große Kakao-, Palmen- und Kautschukplantagen an.
 Foto:
sob
 Schneiderinnen und Näherinnen zeigen selbst genähte Kleider in Bafut, Kamerun.
|
Die deutsche Herrschaft in Kamerun endet während des Ersten Weltkriegs. Mit dem Vertrag von Versailles wird Kamerun zum Besitz des Völkerbundes erklärt. Dieser überträgt Verwaltungsmandate an Großbritannien und Frankreich. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg werden die beiden Mandate in Treuhandmandate umgewidmet, deren Ziel die Selbstverwaltung der Gebiete ist. Nach wiederholten Kämpfen und Unruhen wird der französische Teil 1960 unabhängig. Der Norden des britischen Mandatsgebiets schließt sich Nigeria an, der südliche Teil dem jungen Staat Kamerun. Folge der vorangegangenen Teilung sind noch heute die beiden Amtssprachen Französisch und Englisch.
Kamerun ist heute eine Präsidialrepublik mit einem Mehrparteiensystem. Vor Korruption (das heißt dort »motivation«) und Armut schützt dieses freilich nicht. Obwohl Kamerun reich ist an Bodenschätzen wie Öl, Gas, Bauxit, Gold und auch Diamanten, leben rund 40 Prozent der Menschen unterhalb der Armutsgrenze. »Die Korruption regiert in allen Lebensbereichen«, sagt Iris Pupak, Mitglied im Vorstand des Deutschen Weltgebetstagskomitees. Selbst wenn sie wollten, hätten die Menschen keine Chance, sich der Korruption zu entziehen. »Ohne jemanden Geld zuzustecken, kommen sie nicht ans Ziel. Auch dann nicht, wenn es um ein Bett in einem Krankenhaus geht«, sagt sie. Kamerun ist ein junges Land. Der Anteil der unter 15-Jährigen liegt bei 45 Prozent, entsprechend hoch ist die Geburtenrate mit durchschnittlich 4,7 Kindern je Frau. Die Säuglingssterblichkeit liegt für 1000 Geburten bei 74. In Deutschland sterben vier von 1000 Säuglingen.
 Foto:
sob
 »Alles was Atem hat, lobe Gott« - Der Weltgebetstag und Kamerun: Maka-Frau in der östlichen Provinz.
|
Die Einschulungsquote ist mit knapp 80 Prozent für afrikanische Verhältnisse hoch. Der Schulbesuch ist kostenlos, aber die Eltern müssen für Schulmaterial, Uniform und die Verpflegung aufkommen. Von der Land- und Forstwirtschaft leben rund 44 Prozent der Bevölkerung, Dienstleistungen und Handel tragen mit 36 Prozent zum Bruttosozialprodukt bei, das produzierende Gewerbe mit 17 Prozent. Relativ groß ist der »informelle« Sektor. »Die Menschen sind sehr kreativ, wenn es um die Bestreitung ihres Lebensunterhalts geht«, sagt Iris Pupak. Sie arbeiten als Straßenhändler, eröffnen kleine Läden oder fahren Taxi. Auch gut ausgebildete Akademikerinnen verdingten sich nicht selten als Zwischenhändlerinnen. Frauen und Mädchen leisten 80 bis 90 Prozent der Lebensmittelversorgung.
Die Gleichstellung von Mann und Frau ist zwar seit 1994 gesetzlich festgeschrieben, bis es tatsächlich so weit ist, sei aber noch ein weiter Weg zurückzulegen, urteilt Pupak. Ein häufiges Problem seien häusliche Gewalt gegen Frauen sowie Genitalverstümmelungen.
Die Wurzeln der Weltgebetstagsbewegung reichen in Kamerun zurück in das Jahr 1927. An der Liturgie für den diesjährigen Weltgebetstag haben etwa fünfzig Frauen aus elf Kirchen mitgeschrieben. Zu dem Motto »Alles was Atem hat, lobe Gott« haben sie eine Gebetsordnung erarbeitet, in der der Lobpreis eine große Rolle spielt. Trotz ihres oft schweren Lebens, so Iris Pupak, singen und tanzen sie und loben Gott. »Offensichtlich«, so Pupak, »gibt es ihnen Kraft.« In der Liturgie heißt es an einer Stelle: »In Kamerun hört man nicht auf die Stimmen der Frauen. Aber Gott hört ihnen zu, selbst wenn sie nur flüstern oder seufzen.« | KAMERUN IN ZAHLEN
Fläche: 475000 Quadratkilometer (Ein Drittel größer als Deutschland)
Bevölkerung: 19 Millionen Menschen. 45 Prozent der Bevölkerung sind unter 15 Jahre alt, nur 4 Prozent über 65 Jahre.
Ethnien: Kamerun setzt sich aus 286 verschiedenen Volks- und Sprachgruppen zusammen. Europäische Einflüsse sind in verschiedenen Sprachen nachweisbar. »Break« bezeichnet z.B. in Ngemba Brot, »Fara« in Ewondo den Pfarrer, »Karl« in Bassa den französischen Vornamen Charles.
Religion: In Kamerun sind rund 50 Prozent der Bevölkerung Christen, die Hälfte Protestanten, die andere Hälfte Katholiken. Etwa 20 Prozent sind Muslime, 30 Prozent Anhänger afrikanischer Religionen.
Lesen Sie jede Woche auch das Sonntagsblatt-Titelthema, viele weitere interessante Artikel und Terminhinweise. Auch vor Ort immer gut informiert mit dem Sonntagsblatt: Sechs Regionalausgaben berichten über das, was an Ihrem Wohnort wichtig ist im evangelischen Bayern. Mit Gottesdienst-Anzeiger (München/Oberbayern, Nürnberg, Augsburg).
|
| |
|
 |