Für Osteuropa
Viele segensreiche Projekte angestoßen
Von
Wolfgang Weissgerber
Der Mensch braucht Rituale. Sie geben ihm Halt und Orientierung und das beruhigende Gefühl, das Richtige zu tun. Das Wissen um den Ursprung der Rituale indes geht mitunter verloren im Lauf der Zeit. Deshalb müssen Rituale nicht schlecht sein. Aber es lohnt sich, hin und wieder über sie nachzudenken.
Die jährliche Spendenaktion »Hoffnung für Osteuropa« ist so ein Ritual. An diesem Wochenende wird sie zum 17. Mal eröffnet. Warum eigentlich ausgerechnet Osteuropa?
Vor 20 Jahren ist der Eiserne Vorhang gefallen, mit ihm zerbröselte die einst so mächtige Sowjetunion. Neue Staaten entstanden, die sich mit den einstigen Satelliten des kommunistischen Riesenreichs plötzlich in einem System von Freiheit und Unabhängigkeit wiederfanden, das sie noch nie oder schon lange nicht mehr erlebt hatten. Manche der jungen Demokratien mutierten alsbald zu Autokratien. Nicht alle, aber die meisten - Weißrussland zum Beispiel nicht - schafften ihre alte Planwirtschaft ab.
Der neue Turbokapitalismus machte manche Menschen sehr reich und viele sehr arm. Vor allem die Renten lösten sich durch rasende Geldentwertung mitunter in nichts auf. Mit dem Zerfall des repressiven, aber zugleich fürsorglichen Staatswesens waren Alte, Kranke und sozial Schwache auf sich gestellt.
Die evangelischen Kirchen in Deutschland und ihre Diakonischen Werke beantworteten dies mit der Aktion »Hoffnung für Osteuropa«. Dahinter verbarg sich ein Bündel diffuser Verpflichtungen und Verantwortungsgefühle, in denen sich Deutschland - durchaus zu Recht - gegenüber Osteuropa sah und sieht.
Über viele Völker des Ostens hat Hitler-Deutschland unsägliches Leid gebracht, bevor sie - auch dies als Folge des Zweiten Weltkriegs - unter dem Joch des sowjetischen Diktators Stalin landeten. Die Deutschen haben zwar die Teilung, ebenso aber ihre Wiedervereinigung der Sowjetunion zu verdanken, die der friedlichen Revolution in der DDR ihren Lauf ließ. Nach deren Ende galt es als sicher, dass die fünf neuen Bundesländer an der Seite des reichen Westdeutschlands ungleich bessere Startchancen in der wiedergewonnen Freiheit haben würden als die einstigen sozialistischen Brudervölker. Diesen wollte man nun Hoffnung geben.
Das ist auf vielfältige Weise geschehen. Die Aktion »Hoffnung für Osteuropa« hat segensreiche Projekte angestoßen: Betreuung und Adoptionsvermittlung von Waisenkindern in Bulgarien, Aidshilfe in der ukrainischen Hafenstadt Odessa, Hospizarbeit in Rumänien, Frauengleichstellung in St. Petersburg - die Liste scheint endlos, die Aufgaben sind noch längst nicht erledigt. |