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Dieser Artikel: Ausgabe 09/2010 vom 28.02.2010
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Schule auf Medaillenkurs

Christliche Christophorus-Schulen Berchtesgaden fördern junge Spitzensportler

Von Susanne Petersen

Dieses Wochenende gehen in Vancouver die Olympischen Winterspiele zu Ende. Auf drei deutsche Goldmedaillen-Gewinner ist man im oberbayerischen Berchtesgaden besonders stolz: Rennrodler Felix Loch, Skirennfahrerin Maria Riesch und Langläuferin Evi Sachenbacher-Stehle haben an den Christophorus-Schulen auf dem Obersalzberg die Schulbank gedrückt. Seit 40 Jahren bietet das christliche Jugenddorfwerk (CJD) ein Schulkonzept für junge Leistungssportler an.

»Abi zuerst«: Leistungssportler Sandra Winkler und Julian von Schleinitz.
Foto: Petersen
   »Abi zuerst«: Leistungssportler Sandra Winkler und Julian von Schleinitz.

        

Vor einer Woche hat Julian von Schleinitz seine Mathe- und Physikklausuren geschrieben - mitten in den Faschingsferien. »Im Winter bin ich kaum im Schulunterricht, da trainiere ich für meine Wettkämpfe«, erklärt der amtierende Junioren-Weltmeister im Rennrodeln - doch Abitur machen will er trotzdem.

Julians Schule macht's möglich: Die Christophorus-Schule Berchtesgaden, eine Einrichtung des Christlichen Jugenddorfwerks Deutschland (CJD), bietet Olympia-Hoffnungen von morgen seit 40 Jahren maßgeschneiderte Stundenpläne und flexible Unterrichtszeiten. So können die jungen Leistungssportler Schule, Training und Wettkampf miteinander vereinbaren. Die Liste medaillendekorierter Schulabgänger ist lang: Hilde Gerg, Georg Hackl, aber auch die frisch gekürten Olympiasieger von Vancouver, der Rennrodler Felix Loch und die Skifahrerin Maria Riesch, haben ihre Mittlere Reife oder ihr Abi an den Schulen auf dem Obersalzberg gemacht.

Vormittags Schule, nachmittags Kraftraum: Für einen schnellen Start im Eiskanal braucht Rodel-Juniorenweltmeister Julian von Schleinitz Kraft in den Armen. 100 Kilo stemmt er beim Training auf der Hantelbank.
Foto: Petersen
   Vormittags Schule, nachmittags Kraftraum: Für einen schnellen Start im Eiskanal braucht Rodel-Juniorenweltmeister Julian von Schleinitz Kraft in den Armen. 100 Kilo stemmt er beim Training auf der Hantelbank.

        

Dafür nehmen die Schüler einiges in Kauf: »Wenn wir auf Lehrgängen oder Wettkämpfen sind, bekommen wir Unterrichtsmaterial per Mail oder über das Internet und lernen dann am Abend«, sagt Sandra Winkler, Europacup-Vierte im Skeleton. Gelernt wird immer dann, wenn es der Trainingsplan erlaubt: »Im Winter bin ich an der Eisbahn, und auch im Sommer ist jeden Nachmittag Training. Ich versuch halt, dass ich an den Wochenenden und zwischendurch Zeit zum Lernen hab - irgendwie schaffen wir's immer«, sagt Rennrodler Julian. Auch die Osterferien opfern die Schüler dem Sport: In zwei Wochen wird dann der verpasste Unterricht der Wintersaison nachgeholt. Dafür können sie an langen Wettkampf-Wochenenden freitags oder montags ganz offiziell Schule schwänzen - Klausuren werden im Wohnzimmer des Lehrers nachgeholt, sobald der Terminkalender eine Lücke lässt. Ein straffer Zeitplan, der wenig Raum lässt für andere Hobbys, doch Julian ist zufrieden: »Mir fehlt nichts, ich bin rundum glücklich.«

Seit 1970 ist die Christophorusschule des Christlichen Jugenddorfwerks Berchtesgaden Olympiastützpunkt und »Eliteschule des Sports«.
Foto: Petersen
   Seit 1970 ist die Christophorusschule des Christlichen Jugenddorfwerks Berchtesgaden Olympiastützpunkt und »Eliteschule des Sports«.

Die Flexibilität, die junge Leistungssportler im Alltag brauchen, boten vor 40 Jahren in Bayern nur die privaten Christophorus-Schulen des CJD. Damals suchten die deutschen Wintersportverbände nach Schulpartnern für ein Förderkonzept. »Die Funktionäre haben damals gemerkt, dass sie mit den Kaderschmieden der DDR und den österreichischen Skischulen nicht mehr mithalten können«, berichtet Erich Güll, Konrektor der Christophorus-Realschule.

Die ungewöhnliche Verknüpfung von christlicher Schule und Leistungssport hatte mehrere Ursachen: 1970 stammten viele Spitzenfunktionäre des Deutschen Skiverbands und des Bob- und Schlittenverbands aus Berchtesgaden; hier konzentrierten sich obendrein die Leistungszentren des Wintersports; und hier gab es mit den Christophorus-Schulen bereits eine komplette Infrastruktur von Unterrichtsräumen, Lehrern und Internat.

»Man darf auch mal schlecht sein, das ist nicht der Weltuntergang«

Schon seit 1953 betrieb das Christliche Jugenddorfwerk Schulen auf dem sogenannten »Dürreck-Lehen« am Obersalzberg, das eine wechselvolle Geschichte hinter sich hat. 1384 dem Fürstpropst von Berchtesgaden, einem Domherrn aus Salzburg, zugeschlagen, wurde das Land zunächst von Erbbauern beackert. Als der Obersalzberg im 19. Jahrhundert erst zum Ausflugsziel prominenter »Sommerfrischler« und später zum Zweitwohnsitz Adolf Hitlers wurde, geriet auch das Lehen am Dürreck in die Mühlen der Geschichte. Die Besitzer mussten ihr Land an Hitlers Reichsminister Martin Bormann verkaufen. Nach Kriegsende stand das Dürreck-Lehen unter amerikanischer Verwaltung, wurde aber schon 1949 an den Freistaat Bayern zurückgegeben. Der »Verein zur Förderung von Werkschulheimen« erwarb das Gelände, musste aber 1953 aus wirtschaftlichen Gründen wieder verkaufen - an das Christliche Jugenddorfwerk Deutschland.

In der Vitrine im Foyer erinnern Pokale an die Erfolge der Schülerinnen und Schüler.
Foto: Petersen
   In der Vitrine im Foyer erinnern Pokale an die Erfolge der Schülerinnen und Schüler.

Nach den ersten Aufbau-Jahren war der Betrieb der Christophorus-Schulen so gefestigt, dass das CJD 1970 gern auf die Anfrage der Sportverbände einging und sein Konzept erweiterte - und zwar nicht nur um die Sportförderung, sondern zugleich auch um die Betreuung chronisch asthmakranker Schüler. So entstand 1970 hoch über Berchtesgaden die einzige »Eliteschule des Wintersports« in Bayern, an der seither Schüler aus der Region zusammen mit asthmakranken Jugendlichen und Hochleistungssportlern unterrichtet werden.

Rennrodler Julian von Schleinitz findet diese Mischung sinnvoll: »Es wäre nicht gut, wenn nur Sportler beisammen sind - so sieht man auch mal was anderes.« Und Skeleton-Pilotin Sandra Winkler erzählt, dass sich in ihrer Trainingsgruppe auch asthmakranke Jugendliche bäuchlings und Kopf voraus in den Eiskanal stürzen. »Das funktioniert gut«, sagt die 18-Jährige - und es erinnert sie daran, dass körperliche Fitness keine Selbstverständlichkeit ist. Vielleicht ist das - neben täglichen Gebetszeiten und Gottesdiensten zu Festtagen - das wichtigste Merkmal der christlichen Sportschule: Ein Menschenbild, das Leistung nicht über alles andere stellt.

Nicht nur im Eiskanal ist Julian ein Ass - auch die naturwissenschaftlichen Fächer haben es ihm angetan. Nach dem Abitur will er Studium und Leistungssport verbinden.
Foto: Petersen
   Nicht nur im Eiskanal ist Julian ein Ass - auch die naturwissenschaftlichen Fächer haben es ihm angetan. Nach dem Abitur will er Studium und Leistungssport verbinden.

Trotzdem ist Peter Althaus, dem stellvertretenden Realschulleiter, klar, dass es Leistungssport ohne Leistungsdruck nicht gibt. »Die Anforderungen an die Athleten sind im Laufe der letzten 40 Jahre immer größer geworden.« Wer mit 6 Jahren anfängt und mit 12 schon Leistungssportler werde, sei den Druck gewohnt. Entscheidend sei die Wertehaltung in der jeweiligen Trainingsgruppe, ergänzt sein Kollege Erich Güll: »Dort muss deutlich werden, dass man auch mal schlecht sein darf, und dass das kein Weltuntergang ist.« Auch beim Thema Doping seien in erster Linie die Trainer gefragt. Dennoch glaubt Peter Althaus, dass die Persönlichkeitsentwicklung auf der Grundlage eines christlichen Menschenbilds den Jugendlichen helfen kann. »Wer so eine Wertehaltung kennengelernt hat - sei es über die Schule oder das Elternhaus - wird nicht so schnell zum Doping verführt werden«, ist seine Überzeugung.

Auf Julian und Sandra scheint das zuzutreffen. »Ich halte von Doping überhaupt nichts«, sagt der 18-jährige Rodler, »erstens ist es gesundheitsschädlich und zweitens bringt es in meiner Sportart überhaupt nichts, wenn man zwar dicke Oberarme hat, aber kein Körpergefühl mehr - ich denke, beim Rodeln sind alle sauber.«

Die zu Ende gehenden Olympischen Spiele von Vancouver haben genügend Gold-Stars aus Berchtesgaden hervorgebracht, denen junge Nachwuchssportler nachfiebern könnten. »Man ist schon stolz, wenn man sieht, dass so viele von hier auf dem Podest stehen - das motiviert natürlich«, sagt Sandra. Dennoch belegt olympisches Gold auf ihrem Zukunfts-Wunschzettel nicht Platz eins. »Das Abi steht für mich momentan an erster Stelle«, sagt die Skeleton-Fahrerin, »denn ohne guten Schulabschluss steht man später auf der Straße.« Die Pläne, anschließend in eine Sport-Einheit der Bundespolizei zu gehen, hat sie geändert - Sandra will studieren und den Sport so gut wie möglich nebenbei betreiben. Auch Julian hat die Universität im Blick: »Ich will Naturwissenschaften studieren, vielleicht Physik.«

Stolz auf die erfolgreichen Olympioniken aus Berchtesgaden: Skeletonfahrerin Sandra im Kraftraum.
Foto: Petersen
   Stolz auf die erfolgreichen Olympioniken aus Berchtesgaden: Skeletonfahrerin Sandra im Kraftraum.

        

Wie man den Lernalltag so organisiert, dass man einen Abschluss schafft und im Eiskanal trotzdem zur Goldmedaille rast, weiß der Absolvent der Christophorus-Schule dann ja schon.christliches jugenddorfwerkDas Christliche Jugenddorfwerk wurde 1947 von dem württembergischen Pastor Arnold Dannemann gegründet. Sein Ziel war es, Jugendliche zu fördern. So kümmern sich heute 8000 Mitarbeiter an 150 Standorten in Deutschland vor allem um die Ausbildung von Jugendlichen mit Lernschwierigkeiten, um Asthmakranke und Hochbegabte, um junge Migranten und Kinder mit Behinderung. Das CJD ist Mitglied im Diakonischen Werk Deutschland und im CVJM.

Die Christophorus-Schulen in Berchtesgaden bieten sowohl Grund-, Haupt- und Realschule sowie ein Gymnasium. An allen Schularten werden Schüler aus der Region, asthmakranke Jugendliche und junge Leistungssportler gemeinsam unterrichtet.

Am 1. März veranstaltet das Asthmazentrum Berchtesgaden einen Skimarathon. Schirmherrin ist die ehemalige Skirennläuferin und CJD-Absolventin Hilde Gerg. Bei dem Marathon wollen die Jugendlichen zehn Stunden lang Ski fahren und gemeinsam 2500 Kilometer sammeln. Asthmatiker würden oft für nicht belastbar gehalten, sagt Josef Lecheler, Direktor des Asthmazentrums. Dabei sei Sport gerade für sie wichtig, um gut mit der Krankheit zurechtzukommen. »Mit dem Skimarathon wollen wir sie zum Sport motivieren.«

Vormittags Schule, nachmittags Kraftraum: Für einen schnellen Start im Eiskanal braucht Rodel-Juniorenweltmeister Julian von Schleinitz Kraft in den Armen. 100 Kilo stemmt er beim Training auf der Hantelbank. Fotos: PetersenSeit 1970 ist die Christophorusschule des Christlichen Jugenddorfwerks Berchtesgaden Olympiastützpunkt und »Eliteschule des Sports«. In der Vitrine im Foyer erinnern Pokale an die Erfolge der Schülerinnen und Schüler.Nicht nur im Eiskanal ist Julian ein Ass - auch die naturwissenschaftlichen Fächer haben es ihm angetan. Nach dem Abitur will er Studium und Leistungssport verbinden.
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abgerufen 07.02.2012 - 10:08 Uhr

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