Einen Sommer am Puls der Geschichte
Pfarrer i. R. Karl Ermann (98) ist der vielleicht letzte lebende Zeitzeuge der Bekenntnissynode von Barmen
Im vergangenen Jahr erinnerte sich das evangelische Deutschland an die Bekenntnissynode von Barmen, die im Jahr 1934 stattfand. Die Synode war der sichtbarste und nachhaltigste Versuch, dem vordringenden Nationalsozialismus die theologische Stirn zu bieten. 76 Jahre nach den turbulenten Ereignissen gibt es nur noch wenige Zeitzeugen. Vielleicht ist Pfarrer Karl Ermann (98) aus Hersbruck sogar der Letzte.
 Foto:
Sauerbeck
 Karl Ermann erlebt die Barmer Bekenntnissynode von 1934. Heute lebt der 98-jährige Ruhestandspfarrer mit seiner Frau in einem Hersbrucker Seniorenheim.
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Freilich, so leicht, wie es in Guido Knopps Dokumentationen ausschaut, ist das mit dem Erinnern nicht. Karl Ermann sitzt in einem kleinen Appartement im Hersbrucker Sigmund-Faber-Heim, die Tageszeitung auf dem Tisch, im Schrank die Fotoalben, die gerahmten Bilder an der Wand, ein freundlicher Herr mit einer großen Brille und einer großen kultivierten Ausstrahlung.
98 Jahre sind eine lange Zeit, in der wahnsinnig viel passiert ist auf der Welt und im Leben von Karl Ermann. Irgendwo in seinem Gedächtnis ist alles sauber abgelegt, jedes Jahr, jedes Erlebnis, man spürt es. Aber es ist wie mit einem Schrank mit vielen Schubladen voller Kostbarkeiten, von denen aber die meisten gerade abgesperrt sind. Manchmal hilft sein Sohn Martin oder Schwiegertochter Marianne beim Öffnen: Mit einem Fotoalbum oder dem Tagebuch, das Martin vor Jahren ins Reine übertrug, das aber keinen Blick ins innerste Erleben seines Verfassers zulässt.
Im vergangenen Mai ging eine Schublade plötzlich auf. Das ZDF sendete einen Fernsehgottesdienst aus der Gemarker Kirche in Barmen, 75 Jahre nach der berühmten Bekenntnissynode, und Karl Ermann eröffnete seinem erstaunten Sohn: »Da war ich dabei.«
Damals, vom 29. bis 31. Mai 1934, trafen sich 139 Delegierte aus ganz Deutschland, um die theologischen Fundamente der Bekennenden Kirche zu formulieren. Unter maßgeblichem Einfluss von Karl Barth entstand die »Barmer Theologische Erklärung«, die heute als wichtigste evangelische Bekenntnisschrift des 20. Jahrhunderts gilt. Es stehen mutige Sätze wie dieser darinnen: »Wir verwerfen die falsche Lehre, als dürfe die Kirche die Gestalt ihrer Botschaft und ihrer Ordnung ihrem Belieben oder dem Wechsel der jeweils herrschenden weltanschaulichen und politischen Überzeugungen überlassen.«
Unter den Delegierten war auch Julius Schieder, seinerzeit Direktor des Nürnberger Predigerseminars. Seine Kandidaten, ungefähr 15 waren es, nahm er mit nach Wuppertal. »Er wollte, dass wir Zeugen dieser Auseinandersetzung werden«, rekapituliert Ermann. Im Evangelischen Vereinshaus diskutierten die Promis der Bekennenden Kirche, darunter der westfälische Präses Karl Koch, der Hamburger Pastor Hans Christian Asmussen und besagter Karl Barth, den man erst in letzter Minute per Telegramm nach Barmen beordert hatte.
Wenige Wochen später, als der sogenannte Kirchenkampf in Bayern losbrach, musste Ermann sich gar handgreiflich für die Bekenntnisfront bewähren: Schieder hatte ihn mit einigen anderen zur geistlichen Eskorte des Maxfelder Pfarrers Heinrich Schick erklärt. Als der braune »Frankenbischof« Hans Sommerer von den Deutschen Christen (DC) Schick mitten im Gottesdienstes unterbrach, schritten die Wachmänner aus dem Predigerseminar ein, wie Ermann in seinem Tagebuch vermerkt hat: »Als sie Schick vom Altar wegdrängen wollten, gingen wir nach vorn und verhinderten es.« Von der Beerdigung des Mönchsrother DC-Pfarrers Karl Brunnacker auf dem Friedhof in Döckingen, auch dies ein zentrales Ereignis jener Jahre, schrieb Ermann den Bericht für den Landeskirchenrat.
Karl Ermann wurde Präfekt des Oettinger Johannespensionats, dann Vikar und Pfarrer in Bad Steben, Erbendorf, Leipheim, Pasing und Oberaudorf. Zwischendurch begleitete er in Landsberg am Lech als Gefängnispfarrer die letzten zum Tode verurteilten NS-Kriegsverbrecher zum Galgen.
Viele Jahre lebte er mit seiner heute 97-jährigen Frau Emma im Ruhestand in Kufstein, seit 2007 in Hersbruck. Vor zwei Jahren haben sie Gnadenhochzeit gefeiert. Das allerdings erzählt schon alles der Sohn. Die jüngste Zeit verschwindet im Nebel. Vielleicht, weil es auch nicht mehr so wichtig ist und so spannend wie damals, als er für ein paar Monate den Puls der Kirchengeschichte spürte.
Karl Ermann setzt sich noch einmal ans Klavier und spielt, und zwar nichts weniger als eine Beethoven-Sonate. Dann aber schweigen beide.
Mit 98 hat man viel Zeit zum Schweigen. Die Schubladen sind für heute zu. | |
Kirche und Nationalsozialismus
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