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Aktuelle Ausgabe: 10 vom 07.03.2010
Dieser Artikel: Ausgabe 06/2010 vom 07.02.2010
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Neue Ausdruckskraft für die Oper

Vor 125 Jahren wurde der Komponist Alban Berg geboren - »Wozzeck« machte ihn berühmt


Ganze 137 Orchesterproben waren nötig, bevor Alban Bergs Oper »Wozzeck« 1925 an der Berliner Staatsoper uraufgeführt wurde. So ungewohnt, so schwierig war die Partitur, auch für die besten Musiker. Inzwischen gehört dieses Meisterwerk zu den meistgespielten Opern des 20. Jahrhunderts. Selbst kleine Bühnen bewältigen heute die musikalischen Schwierigkeiten wie jüngst die Theater in Gießen, Regensburg oder Gera. In diesem Jahr findet Berg besondere Aufmerksamkeit, denn 2010 ist ein Alban-Berg-Jahr: Vor 125 Jahren, am 9. Februar 1885, ist er in Wien geboren, vor 75 Jahren, am Heiligen Abend 1935, an einer Blutvergiftung in Wien gestorben.

Kostümaquarelle von Joseph Lewin für die Leningrader Aufführung von Bergs »Wozzeck« im Jahr 1927.
Foto: akg
   Kostümaquarelle von Joseph Lewin für die Leningrader Aufführung von Bergs »Wozzeck« im Jahr 1927.

Alban Berg war neben Anton Webern (1883-1945) der wichtigste, in seiner künstlerischen Entwicklung eigenständigste Schüler Arnold Schönbergs (1874-1951). Er hat sich wie sein Lehrer von der Tonalität gelöst und zum Beispiel die ganze Oper »Lulu« aus einer Zwölf-Ton-Reihe entwickelt. Bergs Sinn für Klangfarben, für Klangsymbolik und sein starker Ausdruckswille haben ihn mit den neuen musikalischen Mitteln undogmatisch und frei umgehen lassen.

Zum Opernkomponisten von herausragendem Rang wurde er aber auch durch die intuitiv sichere Wahl seiner literarischen Vorlagen mit ihren fast mythischen Titelgestalten. Ihn beeindruckte Woyzeck aus Georg Büchners (1813-1837) gleichnamigem Dramenfragment: ein geschundener, für medizinische Zwecke missbrauchter, von seiner Geliebten Marie betrogener Soldat.

Ähnlich faszinierte ihn Lulu, das von Männern begehrte und wieder verstoßene »schöne wilde Tier« aus den Dramen »Erdgeist« und »Die Büchse der Pandora« von Frank Wedekind (1864-1918). Bergs zweite Oper »Lulu« hat längere Zeit gebraucht, um sich durchzusetzen, wird inzwischen aber auch häufig aufgeführt.

Das Fragment zur Vollendung geführt

Alban Berg (1885-1935).
Foto: PD
   Alban Berg (1885-1935).

Alban Berg war bei beiden Opern sein eigener, ganz vorzüglicher Librettist. Aus Büchners Fragment formte er durch Kürzungen und eine neue Anordnung der Szenen ein auch musikalisch streng gebautes Drama von drei Akten mit je fünf Szenen, das unausweichlich auf die Katastrophe zuläuft: Wozzeck tötet Marie und ertrinkt selbst bei der Suche nach dem Mordmesser. Alle Figuren sind durch die Musik charakterisiert. Die Emotionen kommen vor allem aus dem Orchester, besonders im Zwischenspiel nach Wozzecks Tod - eine der intensivsten Trauermusiken der Operngeschichte. Sie steht in d-Moll, Berg war sich also der Ausdruckskraft der Tonalität durchaus bewusst.

Die Uraufführung, dirigiert von Erich Kleiber, war ein Triumph. Die Oper wurde schnell nachgespielt, kam bis Leningrad und New York. Es gab aber nicht nur Lob, ein Berliner Kritiker schrieb: »Ich halte Alban Berg für einen musikalischen Hochstapler und für einen gemeingefährlichen Tonsetzer.« Hier ahnt man schon das Verbot der Oper zu Zeiten der NS-Diktatur voraus. Unter Hitler galten Bergs Werke als »entartete Kunst«.

Lulu ist bei Berg, wie schon bei Wedekind, eine unheimliche, schillernde Verführerin, die sich selbst und andere zerstört. Durch die Ausschöpfung aller stimmlichen Möglichkeiten übertrifft die Oper an Wirkungskraft sogar noch das Schauspiel. Als Alban Berg starb, war die Instrumentierung des 3. Aktes noch nicht fertig. Das Fragment wurde 1937 in Zürich erfolgreich uraufgeführt, die von Friedrich Cerha hergestellte komplette Fassung erst 1979 in Paris, dirigiert von Pierre Boulez.

Requiem im Todesjahr

Von den Orchester- und Kammermusik-Werken Bergs, die immer etwas im Schatten der Opern standen, sind vor allem zwei ins Repertoire eingegangen: Die Lyrische Suite von 1926, die durch ihren Reichtum an Farben und Stimmungen besticht, und das Violinkonzert. Dafür unterbrach Berg 1935 für vier Monate die Arbeit an »Lulu«.

Das Werk ist »dem Andenken eines Engels« gewidmet - der im Alter von 18 Jahren gestorbenen Manon Gropius, Tochter von Walter Gropius und Alma Mahler. Berg zitiert in dem Violinkonzert den Bach-Choral »Es ist genug«. Heute hört man das Konzert, das er in seinem Todesjahr schrieb, auch als Requiem für Alban Berg selbst.

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Wilhelm Roth

 


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abgerufen 11.03.2010 - 07:02 Uhr

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