Pulsschlag einer lebendigen Beziehung
Sonntagsblatt-Sprechstunde
Warum eine Ehe einen Rhythmus von Auseinandergehen und wieder Aufeinanderzugehen braucht, um lebendig zu bleiben.
Wir, mein Mann und ich, sind sehr auf uns selbst bezogen. Vor allem im ersten Jahr unserer Beziehung war das auch schön. Wir waren alles füreinander, Bruder und Schwester, Vater und Mutter, Geliebter und Geliebte, Seelsorger und Seelsorgerin. Immer waren wir füreinander da. Wir freuten uns aneinander, wenn wir am Morgen aufwachten und empfanden es als beglückend, gemeinsam einzuschlafen.
Dann begann es sich zu ändern. Zunächst schlichen sich Langeweile und Routine ein. Dann kam mehr und mehr Irritation auf und schließlich ein kaum zu verbergender Überdruss aneinander.
Eine ganze Zeit lang haben wir versucht, uns sehr auf die Arbeitsseite unseres Lebens zu konzentrieren. Wir sind unseren beruflichen Pflichten nachgekommen und haben uns auf unsere Aufgaben konzentriert. Aber das hat uns nicht satt gemacht. Dann haben wir uns in Aktivitäten gestürzt. Sind viel gereist, haben viel unternommen, waren ständig beim Shopping, beim Kino- oder Theatergucken, aber auch das blieb irgendwie unbefriedigend.
Den Gedanken, dass wir auseinandergehen könnten, haben wir nie so richtig zugelassen. Das hängt wohl auch damit zusammen, dass unserer beider Eltern sich unter sehr qualvollen Bedingungen getrennt haben und sich schließlich scheiden ließen, und dass wir beide darunter sehr gelitten haben.
Frau B.
Ihre Eltern sind, für Sie sehr schmerzvoll, auseinandergegangen. Ihre Antwort darauf hieß: Wir nicht! Wir bleiben zusammen, so eng wie möglich zusammen. Eine Zeit lang ging das gut, dann kam die Entfremdung, deren Stationen Sie aufmerksam beschreiben. Auch die Versuche damit umzugehen - Ersatzbefriedigungen, die nicht satt machten.
Nein, die Lösung muss an einer anderen Stelle, sie muss in der Beziehung liegen. Prüfen wir doch bitte nochmals den Gedanken, den Sie nie so richtig zulassen konnten: Wir gehen auseinander. Sie haben dies immer sofort verworfen, weil sie es mit der Scheidung Ihrer Eltern gleichgesetzt haben. Aber so muss es nicht sein. Ich kann Auseinandergehen auch so verstehen, dass die Paarbeziehung nicht die einzige Quelle von Wärme und Geborgenheit sein kann. Mein Partner, meine Partnerin allein kann mein Bedürfnis nach Zuwendung nicht erfüllen. Er oder sie ist damit überfordert. Deswegen müssen wir als Paar immer wieder auseinandergehen, um andere Quellen zu finden, aus denen wir auch schöpfen können.
Manchmal werden wir dies zu zweit tun, werden uns für andere Paare öffnen, mit ihnen austauschen, geistig, emotional, religiös oder auch zu ganz praktischen Fragen. Solche freundschaftlichen Beziehungen von Paar zu Paar beleben eine Partnerschaft. Darüber hinaus dürfen beide Partner auch für sich Freunde und Freundinnen haben. Andere Kontakte sprechen andere Seiten in uns an, die in unserer Partnerschaft vielleicht nicht so berührt sind. Sie stärken uns in unserer Persönlichkeit, und das wiederum fließt in unsere Partnerschaft zurück.
Dieser Rhythmus von Auseinandergehen und wieder Aufeinanderzugehen ist der Pulsschlag jeder lebendigen Beziehung. Und es ist die Alternative zu dem, was Sie beide in Ihren Elternhäusern so leidvoll erlebt haben. | SONNTAGSBLATT - SPRECHSTUNDE
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