ZEITZEICHEN
Folgende Szene ist nicht hundertprozentig belegbar, es gibt keine Tonbandaufzeichnungen, auch wurden uns keine Bilder versteckter Kameras zugespielt, selbst auf in manchen Kreisen übliche Bekennerschreiben können wir nicht zurückgreifen, dennoch haben nachstehende Aussagen, von denen wir über Dritte erfahren haben, einen hohen Wahrscheinlichkeitsgrad.
In einer aus Gründen der Vertraulichkeit nicht genannten Bildungsstätte unserer Kirche sitzt ein Dutzend Geistlicher für die Dauer zweier Januarwochen in Klausur, meditiert Gott und die Welt, reflektiert sowohl Bürden des Berufs als auch Freuden des Privatlebens und tauscht Bekenntnisse schöner Seelen aus. Wie bei Vertretern des Geistlichen Standes mit Fug und Recht zu erwarten, kommt man auch auf Versäumnisse und Verfehlungen des Lebens zu sprechen, bald ergibt ein Geständnis das nächste.
Ein hoher protestantischer Würdenträger gesteht, wie er seit Monaten sein nicht ausschließlich dienstlich genutztes Handy an der Steckdose des Dienstzimmers aufgeladen hat und wie ihn der Gedanke zutiefst erschreckt, dass er, wäre er in der sogenannte Freien Wirtschaft tätig und entdeckt worden, nun fristlos gekündigt auf der Straße stünde, ja unter der Brücke läge, bar jeder Barschaft.
Der Bann schien gebrochen, und alle Teilnehmer erinnerten sich erschüttert daran, wie sie vor (!) einem Neujahrsempfang Weintrauben vom Kalten Büffet genascht oder nach (!) einem Gemeindefest restlichen Wackelpudding, früher Götterspeise, aufgegessen haben. Ein aus dem Schwäbischen stammender Prälat musste zugeben, dass er sich einst an Maultaschen vergriffen hatte. Dem Vernehmen nach haben die Geistlichen am Ende der Tagung Disziplinarverfahren gegen sich beantragt. |
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