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Dieser Artikel: Ausgabe 06/2010 vom 07.02.2010
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Noch nicht alles verloren

Spielsüchtige lernen in der Therapie »echtes Leben«

Von Jutta Olschewski

Sie wünschen sich, irgendwann einmal die Maschine zu kontrollieren, beschreibt Wolf-Michael Schreiber, Facharzt für Neurologie und Psychiatrie in der Fachklinik »Römerhaus« seine spielsüchtigen Patienten. »Es war bisher ein Riesenproblem, Spielsüchtige stationär zu behandeln«, sagt der Geschäftsführer der Landesstelle, Andreas Czerny. Im gesamten Bundesgebiet gebe es bisher nur eine Handvoll Spezialkliniken. Nun können pathologische Spieler in ländlicher Idylle im ehemaligen Jodbad Sulzbrunn behandelt werden.

In diesem gemütlichen Haus in ländlicher Idylle auf dem Gelände des »Römerhauses« in Sulzbrunn bei Sulzberg im Allgäu sind die Glücksspielsüchtigen während ihrer Therapie untergebracht.
Foto: Olschewski
   In diesem gemütlichen Haus in ländlicher Idylle auf dem Gelände des »Römerhauses« in Sulzbrunn bei Sulzberg im Allgäu sind die Glücksspielsüchtigen während ihrer Therapie untergebracht.

        

»Einmal wollen sie den Jackpot holen und schwören, dann hören sie auf.« Aber ein Leben ohne Glücksspiel sei für sie nicht mehr vorstellbar, stellt Arzt Schreiber fest. Glücksspielsüchtige würden alle Symptome einer Sucht haben, erklärt Lehner, der Leiter des »Römerhauses«, einer Einrichtung des Diakonissen-Mutterhauses Hensoltshöhe. Allerdings würde in der Öffentlichkeit Spielsucht sehr häufig noch nicht als Krankheit angesehen, sondern eher als individuelles Fehlverhalten. Doch Suchtmittel seien dadurch gekennzeichnet, dass man über ihren Konsum die Kontrolle verlieren könne. Deshalb könne jeder Mensch abhängig werden.

Ernährungsprobleme, soziale und eben die finanziellen Folgen gehen mit der Sucht einher. Sie hätten Spielsüchtige erlebt, erzählen die Therapeuten, die beinahe verhungert wären, weil sie kein Geld mehr für Lebensmittel verwendeten. Das Spiel erzeuge psychische Wirkungen, die denen des Kokains ähneln sollen, meint Lehner.

Psychotherapeutin Heike Lassak versucht, den Patienten in der Therapie wieder »echtes Leben« zu vermitteln. Gruppen- und Einzelgespräche, Kreativ- und Arbeitstherapie, Sport und Vorträge über den Umgang mit Geld gehören zum Therapiekonzept. Für ihre Freizeit nach der Therapie sollen die Klienten neue Impulse bekommen. »Vor allem lernen meine Patienten, was Kommunikation bewirken kann«, sagt Lassak.

Die Arbeit mit den Glücksspielsüchtigen unterscheidet sich deutlich von der mit Abhängigen von Alkohol oder harten Drogen, stellen die Mitarbeiter fest. Carin Ambros ist Beschäftigungstherapeutin und malt und werkelt mit den Patienten. »Sie sind wacher, lebendiger und sehr schnell im Handeln und Agieren.« Gärtnermeister Dieter Holzberger, der mit den Abhängigen in den Gewächshäusern Feldsalat oder Petersilie anbaut, fügt hinzu: »Die können dir auch mal was vorspielen, das schaffen Drogenabhängige nicht.«

Kreativität und Intelligenz zeigen sich in Versuchen der Patienten, den Spielzwang trotz strenger Regeln auch in der Klinik zu befriedigen: Für ein Schachspiel oder ein Tischtennismatch werden da schon mal Wetten platziert, erzählen die Therapeuten.

Zwölf bis 16 Wochen dauert die Spielertherapie. Klaus U. ist einer der Ersten, der das »Römerhaus« wieder verlassen hat. »Ich habe jetzt nicht mehr diesen Stress im Kopf«, erzählt er lächelnd. Geholfen haben ihm auch seine Kollegen, die ihm seine völlig vermüllte Wohnung entrümpelten. Auch sein Chef wusste von seiner Sucht und unterstützte ihn. Mit den Leidensgenossen, die er in der Therapie kennengelernt hat, verabredete er. »Wir bleiben in Verbindung und helfen uns, wenn einer in ein Loch fällt.«

Auf seinem Weg in die Arbeit kommt U. täglich an einer Spielhölle vorbei. »Das reizt mich nicht mehr«, behauptet er. Stefan Becker von der Beratungsstelle der Diakonie in Neu-Ulm ist skeptisch. Spielernaturen müssten ihr Leben lang aufpassen. »Schon ein Schafkopfspiel um kleine Einsätze ist da grenzwertig«, sagt er. Den »trockenen« Spielern rät Becker deshalb, sich einer Selbsthilfegruppe, wie den »Anonymen Spielern« anzuschließen.

ONLINE-SPIELSUCHT

Die Fachklinik Römerhaus richtet sich auch darauf ein, in Zukunft Patienten zu behandeln, die unter Online-Sucht leiden. Wobei der Gebrauch des Begriffs »Sucht« in diesem Zusammenhang unter Experten umstritten ist.

Wenn der Gedanke, nicht online gehen zu können, auf Betroffene bedrohlich wirkt, kann das ein Anzeichen eines problematischen Gebrauchs des Internets sein, stellt das Therapiekonzept des Römerhauses fest. Schädlicher Gebrauch von Internet oder Computer können vorliegen, wenn die Betroffenen völlig die Kontrolle über ihre Zeit verlieren. Wenn es in der Partnerschaft wegen des Computers zu kriseln beginnt, wenn Enagement im Beruf nachlässt, wenn das Interesse am »realen Leben«, an Familie und Hobbys stark zurückgeht.

Im Bezirkskrankenhaus Augsburg gibt es seit Herbst 2009 eine Gruppen-Therapiegruppe für Jugendliche, die nach Online-Rollenspielen süchtig sind. Auch hier geht es darum, den Betroffenen wieder die Lust am »realen Leben« zu vermitteln.

SPIELSUCHT

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abgerufen 07.02.2012 - 10:15 Uhr

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