Home Artikel-ID: 2010_06_01_01
Diese Woche - die aktuelle Ausgabe
Themen
E-Paper: Sonntagsblatt digital
Jetzt im Sonntagsblatt-Shop bestellen!
Archiv
Die Redaktion
Abo-Service
Das Sonntagsblatt-Blog
Anzeigen-Service
Leserreisen
Zeitvertreib
Leserbriefe
Impressum

    
Heute: 10.03.2010
Aktuelle Ausgabe: 10 vom 07.03.2010
Dieser Artikel: Ausgabe 06/2010 vom 07.02.2010
Alle Artikel der » Ausgabe 06/2010 im Archiv aufrufen.
  Druckversion


Krankhafte Jagd nach dem Jackpot

Glücksspiel ist ein Suchtmittel, für das mancher sogar kriminell wird

Von Jutta Olschewski

»Verspiel nicht dein Leben« - ist das Motto einer neuen Kampagne der »Landesstelle Glücksspielsucht« in Bayern. Denn was als scheinbar harmlose Freizeitbeschäftigung beginnt, kann schließlich Existenzen zerbrechen, wie zwei Betroffene schildern.

Zigaretten und Kaffee hielten ihn wach. Klaus U. verspielte jeden Tag viel Geld an Automaten.
Foto: Zoepfs
   Zigaretten und Kaffee hielten ihn wach. Klaus U. verspielte jeden Tag viel Geld an Automaten.

        

Drei Monate war er mit der Miete im Rückstand, Schulden hatten sich angehäuft, seine Wohnung war vermüllt. Ständig ratterten durch seinen Kopf die Bilder und Lichter aus den Glücksspielautomaten, dudelte die eintönige Melodie dazu.

An Schlafen war nicht mehr zu denken. Klaus U. erzählt, er sei mit den Nerven völlig am Ende gewesen. 24 Stunden ununterbrochen im Spielsalon, das war sein trauriger Rekord. »Wenn das Geld weg war, war ich regelrecht erleichtert.«

Zwischen 100.000 und 290.000 Menschen, so heißt es im »Glücksspielreport 2010« seien in Deutschland süchtig nach dem Spiel, die meisten nach dem Zocken am Automaten. Klaus U. lacht bitter über diese Zahl. 70 Prozent aller Leute, die in den Spielhallen vor den Maschinen säßen, hätten seiner Ansicht nach eine Therapie nörig.

Der Leiter der Fachklinik »Römerhaus« des Diakonissen-Mutterhauses Hensoltshöhe, Gotthard Lehner, glaubt auch, dass die Zahl der pathologischen Spieler höher ist als offiziell bekannt. Bis zu 100.000 Menschen könnten allein in Bayern betroffen sein, meint er. Nur drei bis zehn Prozent seien Frauen.

Sein Haus im Oberallgäu behandelt seit vergangenem Sommer stationär Männer mit der Diagnose »pathologisch glücksspielsüchtig«. Damit ist das »Römerhaus« in Sulzberg die erste Fachklinik bayernweit, die eine solche Therapie anbietet.

Philipp A. (Name geändert) hat nach eigenen Angaben 80 Therapeuten angerufen, weil er seine Spielsucht bekämpfen wollte. Keiner habe sich kompetent gefühlt, dem 28-Jährigen zu helfen.

Spielen bis zum Zusammenbruch.
Foto: epd-bild
   Spielen bis zum Zusammenbruch.

        

Bereits die Hälfte seines Lebens hat er damit zugebracht, Spielautomaten mit Münzen zu füttern. Der jüngste pathologische Glücksspieler in einer Therapiegruppe im »Römerhaus« hat wie viele seiner Leidensgenossen ein Doppelleben geführt. »Zocken, arbeiten, krank feiern, zocken«, so sah sein Leben noch vor ein paar Wochen aus. »Man lügt, man hält geheim, man pumpt die Verwandten an«, erzählt er. Dass er auch die Kreditkarte des Bruders genommen hat, um an Geld zu kommen, hätte ihn ins Gefängnis bringen können.

Einmal hat Philipp an einem Abend 6000 Euro verzockt. Vielleicht, rechnet er nach, habe er im Laufe der Zeit ein Eigenheim verspielt. Zurzeit hat er 15.000 Euro Schulden.

Auch wenn das Erbe verzockt ist und der Dispo-Kredit ausgeschöpft ist, können Spielsüchtige nicht aufhören. Im Gegenteil: »Das hole ich mir wieder«, sei oft ihr Vorsatz, weiß Stefan Becker von der Glücksspielsuchtberatung der Diakonie in Neu-Ulm.

Zigaretten und Kaffee hielten ihn wach

Viele rutschen in die Kriminalität ab. In den Polizeiberichten der Tageszeitungen ist wöchentlich von Fällen die Rede, in denen Taxifahrer oder Juweliere Opfer der Geldbeschaffungstaten von Spielsüchtigen werden. Zigaretten und Kaffee hielten ihn wach, wenn er vor den Automaten saß. Schlafstörungen waren die Folge, Philipp kümmerte sich nicht mehr um Mahlzeiten und eines Tages suchte er alle Tabletten zusammen, die er nur finden konnte, um sich das Leben zu nehmen.

»Wenn irgendwann das soziale Umfeld komplett zusammenbricht, dann versuchen viele der Jungs, sich das Leben zu nehmen«, weiß auch Gunter Lehner. Er zitiert eine Studie des Therapiezentrums Münzesheim, die zu dem Ergebnis kommt, dass 71 Prozent der glücksspielsüchtigen Probanden bereits Suizidgedanken hatten oder konkret Suizidversuche hinter sich haben. Anfangs seien Kasino und Spielsalon oft ein Flucht- oder Betäubungsmittel, um den Problemen im Alltag zu entfliehen, sagt Lehner. Klaus U. hatte eine Scheidung hinter sich, als er vor vier Jahren anfing, exzessiv zu spielen. Wenn er Ärger am Arbeitsplatz hatte, flüchtete er zu den Automaten. »Es war da immer warm, du bekommst kostenlos Kaffee, du lebst in einer anderen Welt, ohne Tag und Nacht«, beschreibt er seine damalige Welt.

Dass er zur Ruhe gekommen ist in der Therapie, sei für ihn das Wichtigste, erklärt Philipp A. »Ich hoffe, dass ich wieder anfangen kann zu leben«. Bei seiner ersten Heimfahrt habe er allerdings zu Hause auf dem Sofa gelegen und nichts mit sich anzufangen gewusst. Er sei froh gewesen, danach schnell wieder wieder in die Klinik zu kommen.

SPIELSUCHT

Krankhafte Jagd nach dem Jackpot. Glücksspiel ist ein Suchtmittel, für das mancher sogar kriminell wird. Von Jutta Olschewski. » lesen!

Es klingeln die Münzen im Automaten. Die Zahl der pathologischen Spieler hat auch in Bayern stark zugenommen. » lesen!

Noch nicht alles verloren. Spielsüchtige lernen in der Therapie »echtes Leben«. » lesen!

 

»Basiswissen Christentum« - der Glaubenskurs im Sonntagsblatt. Lesen Sie mit, machen Sie mit, diskutieren Sie mit!
 

 

Der Sonntagsblatt-Shop und das Sonntagsblatt-Blog.
 

 

Lesen Sie jede Woche auch das Sonntagsblatt-Titelthema, viele weitere interessante Artikel und Terminhinweise. Auch vor Ort immer gut informiert mit dem Sonntagsblatt: Sechs Regionalausgaben berichten über das, was an Ihrem Wohnort wichtig ist im evangelischen Bayern. Mit Gottesdienst-Anzeiger (München/Oberbayern, Nürnberg, Augsburg).
 

 

 


Valid HTML 4.01 Transitional

/news/aktuell/2010_06_01_01.htm
abgerufen 10.03.2010 - 04:06 Uhr

© Sonntagsblatt 1998-2010, ImpressumWebmaster
Angebote für Webmaster