Anstoß einer überfälligen Debatte
Wenn eine Bischöfin über das Militärische predigt, klingeln die politischen Alarmglocken
Von
Lutz Taubert
Bischöfin Margot Käßmann machte sich in einer Predigt ein paar kritische Gedanken zum deutschen Militäreinsatz in Afghanistan, und seither streiten sich Politiker mit ihr und über sie, und der Verteidigungsminister suchte den »Meinungsaustausch« mit der EKD-Ratsvorsitzenden. Ganz gleich, ob man nun die friedenspolitische Einschätzung der EKD-Ratsvorsitzenden für richtig oder falsch hält, für naiv pazifistisch oder ethisch konsequent, eines ist der Kirchenfrau in jedem Fall gelungen: Sie gab den Anstoß zu einer offenbar überfälligen Debatte. Die Frage lautet: »Was machen wir eigentlich in Afghanistan?«
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 Was machen wir in Afghanistan? Bischöfin Margot Käßmann stellt die Frage nach der ethischen Rechtfertigung des Einsatzes am Hindukusch - Anstoß einer überfälligen Debatte.
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Bei anderen Amtsträgern nimmt die Öffentlichkeit gerne die ersten 100 Tage im Amt als Anlass zur Erörterung, was der Mensch in seiner neuen Funktion denn schon bewirkt habe beziehungsweise dabei sei, auf den Weg zu bringen. Nun, Bischöfin Margot Käßmann, noch keine 100 Tage im Amt als Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, hat andere Sorgen als die, womöglich nicht ausreichend medial wahrgenommen zu werden.
Das Gegenteil ist der Fall: Seit die Theologin in zwei Gottesdiensten - in der Dresdener Frauenkirche und im Berliner Dom - quasi von der Kanzel herab gesagt hatte, dass Waffen offensichtlich keinen Frieden in Afghanistan schafften und deshalb »mehr Fantasie für den Frieden« von nöten sei, gibt es Politikerstatements pro und kontra en masse. »Nichts ist gut in Afghanistan«, hatte Käßmann gepredigt (Ausgangspunkt dieser Neujahrspredigtpassage waren übrigens Spruchkarten mit dem Aufdruck »Alles wird gut« im Stile einer Nina Ruge, was die EKD-Ratsvorsitzende genüsslich mit der Jahreslosung »Euer Herz erschrecke nicht« in Beziehung setzte.) Also: »Nichts ist gut in Afghanistan«, so Käßmann. »All diese Strategien, sie haben uns lange darüber hinweggetäuscht, dass Soldaten nun einmal Waffen benutzen und eben auch Zivilisten getötet werden. Wir brauchen Menschen, die nicht erschrecken vor der Logik des Krieges, sondern ein klares Friedenszeugnis in der Welt abgeben, gegen Gewalt und Krieg aufbegehren...«. In einem Interview legt sie noch ein wenig nach und präzisierte: Ein Militäreinsatz wie jener in Afghanistan sei nur zu rechtfertigen, »wenn der zivile Teil klar dominiert«, sagte sie der BILD. Diesen Vorrang des Zivilen sieht Käßmann beim Bundeswehreinsatz in Afghanistan aber längst in Frage gestellt.
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 Die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischöfin Margot Käßmann, nach ihrer Neujahrspredigt in der Dresdner Frauenkirche.
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Nun, um das vorläufige Ende des Themas »Frau Käßmann und Afghanistan« vorwegzunehmen: Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) und die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) kamen zu einem »Meinungsaustausch über den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr« zusammen, was vielleicht das Gespräch am deutlichsten beschreibt: Unterschiedliche Meinungen gab man sich gegenseitig zur Kenntnis. Von Guttenberg ließ verlautbaren, er sehe das Gespräch als Teil der notwendigen gesellschaftlichen Debatte um den Einsatz.
So dürfte, im Effekt, das Gespräch viel mehr als nur ein Meinungsaustausch gewesen sein. Eher schon könnten wir es als ein Spitzentreffen zwischen christlicher Ethik und verantwortlicher Politik nennen. Mit konkreter Auswirkung etwa auf die anstehende internationale Afganistan-Konferenz Ende des Monats in London.
Keine Abzugsstrategie
Käßmann hatte, nicht zuletzt diese Konferenz im Blick, dem Minister »die Sorge der evangelischen Kirche darstellen können, dass das Verhältnis von militärischem und zivilem Einsatz nicht mehr stimme, wenn vor allem über Truppenaufstockungen diskutiert werde, nicht aber über die Verstärkung des zivilen Engagements«. Dies gab sie nach dem als vertraulich eingestuften Gespräch dem epd zu Protokoll. Aus Sicht der Kirche müsse über eine »klare Abzugsstrategie« gesprochen werden. Das erste Mandat für Afghanistan 2001 sei für sechs Monate erteilt worden. Inzwischen sei die Bundeswehr acht Jahre in dem Land. Guttenberg seinerseits habe sehr deutlich gemacht, dass er über diese Fragen nachdenke, und sei ihr auch »als katholischer Christ« begegnet, der die friedensethischen Positionen der Kirchen und seine eigene Verantwortung ernst nehme, so Käßmann.
Wenn das Gespräch tatsächlich so stattgefunden hat, kann man die Bischöfin nur beglückwünschen: Bemerkenswert, ja fast schon amüsant ist der Hinweis auf die katholische Friedensethik, die sich von der evangelischen im entscheidenden Punkt einer Rechtfertigung des Kriegs nicht um ein Jota unterscheidet. Denn der katholische Militärbischof (und Augsburger Oberhirte) Walter Mixa hatte, fast zeitgleich mit Käßmanns Neujahrspredigt, inhaltlich mehr oder weniger dasselbe wie die evangelische Ratsvorsitzende gesagt: nämlich dass die Politikverantwortlichen nun endlich die Frage klären müssten, ob der Afghanistan-Einsatz noch gerechtfertigt sei, nachdem man derzeit nicht mehr von einem Stabilisierungseinsatz sprechen könne. Wie die Süddeutsche Zeitung ironisch feststellte, passierte daraufhin etwas sehr Merkwürdiges: »Niemand kritisiert Bischof Mixa. ... Über Bischöfin Käßmann aber fallen die Politiker aus der Union und auch der SPD her, als hätte sie gerade die Auflösung von Bundeswehr und Nato bis Ostern gefordert.«
Friedensethik, angewandt in und um Kundus
Friedensethik wird entfaltet und verkündet in Oberseminaren der systematischen Theologie, in Synoden und EKD-Denkschriften oder eben auch in einer Neujahrspredigt. Zur Anwendung kommt und bewähren muss sie sich wo anders, nämlich in Afghanistan, und das verlangt einen ziemlich krassen Szenenwechsel oder auch Rollentausch: Gerhard Ried, langjähriger Synodaler der bayerischen Landeskirche, der schon manche friedensethische Proklamation des bayerischen Kirchenparlaments mit beschlossen hat, ist - sozusagen in hauptamtlicher Rolle - Berufssoldat, der im Dezember von einem zweimonatigen Einsatz in Kundus und Mazar-e-Sharif im Norden Afghanistans zurückkam und dort, soviel und dann aber auch nicht mehr darf er sagen, eine »sicherheitsempfindliche Tätigkeit« im Bereich der Elektronischen Kampfführung (EloKa,) versah.
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 Bundeswehrsoldaten auf einer Marktstraße in Taloqan bei Kundus auf Streife.
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Die Aufgabe der etwa 1000 Bundeswehrsoldaten in Kundus ist ganz klar als »Stabilisierungseinsatz« definiert, und am schönsten ist so eine zivil-militärische Tat ins Bild gesetzt, wenn einige Bundeswehrsoldaten durch einen Ort im Hindukusch marschieren, und eine Schar von Kindern hinter ihnen herlaufen, denen man ansieht, dass sie sich ihres Lebens freuen, weil sie sich sicher fühlen dürfen (unser Foto).
In der Realität gilt es freilich, mit ein paar tausend Soldaten ein riesiges Land zu sichern. Ein »Stabilisierungseinsatz« in einer Region, die grob geschätzt 600 Kilometer sich von West nach Ost spannt und 300 Kilometer in der Tiefe misst und wo die insgesamt 4300 Bundeswehrsoldaten (neben ein paar weiteren Kontingenten anderer Nationen der ISAF-Truppen, der internationalen Staatengemeinschaft) in drei Lagern konzentriert ihren Dienst tun. Aus dem Lager heraus und ins Land hinein kommen übrigens weit weniger als die Hälfte aller Soldaten, die Mehrheit ist praktisch die logistische Nachhut, die den Außeneinsatz vom Lager aus ermöglicht und sichert. Um Kundus herum also geht es erst einmal darum, in einigen wichtigen Ortschaften auf Patroille Präsenz zu zeigen und die wenigen Hauptstraßen erster Ordnung über Land zu sichern.
Dabei gehört es zum Alltag der stets mit Sprengschutzwesten bewährten Soldaten, dass sie auf ihren Patroillen »angesprengt« werden und unter jedem merkwürdig geschichteten Steinhaufen neben der Straße eine elektronische Sprengfalle vermuten müssen, die ein Taliban aus vielleicht tausend Meter Entfernung mit einem Handy zündet, dessen SIM-Karte er danach sogleich wegschmeißt oder wechselt. Gerhard Ried, der übrigens nicht zum ersten Mal als Soldat »out of area« im Einsatz war, beschreibt die psychologische Lage der Soldaten so: »Die Situation im Lager, die ständige Angst und Ungewissheit, was Leib und Leben angeht. Wenn täglich Raketen in Lagernähe einschlagen, Sprengfallen gezündet werden und Selbstmordattentäter auf der Lauer liegen. Körperliche, psychische und seelische Belastungen kommen hinzu. Viele kommen traumatisiert zurück, brauchen Betreuung und Begleitung.« Mit anderen Worten: Die Militärseelsorge, die nach Rieds Einschätzung eine nicht nur hervorragende, sondern geradezu zwingend nötige Aufgabe erfüllt, hat genug zu tun und wird übrigens massiv, von Christen und allen anderen, angenommen, ja beansprucht.
Im Lager Kundus ist ein Ehrenhain eingerichtet, wo die Namen der gefallenen Soldaten verzeichnet sind. Inzwischen haben 30 Soldaten bei Auslandseinsätzen ihr Leben verloren. Wie beantwortet da Gerhard Ried die Frage nach Sinn und Zweck von Auslandseinsätzen, die geradezu biblische Frage nach dem Sinn eines solchen Todes? Verblüffend pragmatisch: »Sicherheit und Wiederaufbau sind zwei Seiten derselben Medaille. Ohne Sicherheit kann es keinen Wiederaufbau, ohne Wiederaufbau keine Sicherheit geben. Herstellung und Erhalt von Sicherheit - auch mit militärischen Mitteln - und der zivile Wiederaufbau gehen Hand in Hand.« Für Gerhard Ried ist deshalb die »Zivil-Militärische Zusammenarbeit« (oder im ISAF-Kürzel: CIMIC für Civil-Military Co-operation) der entscheidende und auch den Einsatz in Afghanistan letztlich ethisch rechtfertigende Grund.
Freilich: Zulange schon, acht Jahre nämlich, währt das Dasein der Bundeswehr in Kundus, Mazar-e-Sharif und Faisabad, ohne dass ein rechter Fortschritt gerade im Bereich der zivilen Sicherheit zu erkennen ist. Im Gegenteil: Die Aktivitäten der Taliban nehmen wieder zu, und der Rückfall in eine menschenrechtsverachtende Gesellschaft wird offenbar. Gerhard Ried nennt gar, resignierend, Afghanistan »ein Fass ohne Boden«. So dauert der Krieg, wenn wir ihn so nennen, an, ohne dass er seinen Zweck erfüllt, nämlich das Land wiederaufzubauen. Ginge man aber von heute auf morgen raus, »lassen wir die Bevölkerung in Afghanistan im Stich«. Ein ethisches Dilemma.
Wir sind wieder in Deutschland, wo die Bischöfin und der Verteidigungsminister sich zum ethischen Diskurs über den Krieg trafen. »Es ist zu lange über die Ziele des Einsatzes in Afghanistan geschwiegen worden«, sagte Margot Käßmann nach dem Gespräch. Sie selbst hatte das Schweigen mit einer Predigt gebrochen, die bei vielen Politikern die Alarmglocken klingeln ließ, weil die Bischöfin sich nach Ansicht der Politiker in Dinge einmischte, die sie nichts angingen. Und hat gerade damit eine längst überfällige Debatte angefacht. | AFGHANISTAN
Anstoß einer überfälligen Debatte Wenn eine Bischöfin über das Militärische predigt, klingeln die politischen Alarmglocken. Von Lutz Taubert. » lesen!
Ausstieg nur mit Plan. Gerhard Ried, Soldat und engagierter Christ, über Afghanistan. Interview » lesen!
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