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Dieser Artikel: Ausgabe 02/2010 vom 10.01.2010
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Außer Balance

Wirtschaften im Gemeinsinn und im Eigensinn

Von Wolfgang Weißgerber

Früher sprach man fürnehm-frankophon vom Bankier. Das klang auch ein wenig ehrfürchtig. An die Stelle des seriösen Sachwalters fremden Geldes ist, englisch-schnoddrig, der Banker getreten. Das klingt dynamisch. Es impliziert zugleich dessen vorrangiges Interesse an der Mehrung des eigenen Wohlstands. Das hat zu einem rapiden Ansehensverlust dieser Branche geführt und ist symptomatisch für Wirtschaft und Gesellschaft insgesamt.

Angesichts der von ihrem Berufsstand maßgeblich herbeigeführten Finanzkrise ist es billig und bequem, auf »die Banker« einzudreschen. Völlig aus der Luft gegriffen ist es aber auch nicht. Ein immer kurzatmigeres Streben nach Rendite hat zum Verlust fast aller Hemmungen geführt, Gewinne dadurch zu erzielen, dass andere übervorteilt werden.

Die Orientierung am »Shareholder Value«, die als Unternehmensziel allein die Mehrung des Wohlstands seiner Eigentümer kennt und diesem alles unterordnet, blendet die Interessen der Beschäftigten, der Umwelt, der nachfolgenden Generationen völlig aus. Hinzu kommen einige Exzesse: irrwitzige Abfindungen für unfähige Firmenchefs, Steuerflucht und Steuerbetrug hochbezahlter Führungskräfte und die Eitelkeiten von Blendern, die sich vor dem Abgang aus ihren heruntergewirtschafteten Konzernen mit großspurigen Spenden aus der Firmenkasse noch schnell klangvolle Titel sichern. Die Namen Funke, Zumwinkel oder Middelhoff stehen für viele andere, die es ihnen gleichtaten.

Die halbstaatlichen IKB-Banker, die in der bankrotten Lehman-Bank über 300 Millionen Euro versenkten, kamen ungeschoren davon. Auch Siemens-Vorstände, die ein Netz der Korruption um die halbe Welt gesponnen hatten, gehen wohl straffrei aus. Zugleich verloren eine Kassiererin wegen zweier Pfandbons, eine Altenpflegerin wegen einer Portion Maultaschen und eine Sekretärin wegen einer Frikadelle trotz jahrelanger untadeliger Tätigkeit ihre Arbeitsplätze.

So etwas ist Gift für den Zusammenhalt der Gesellschaft. Es zerstört das Empfinden für Gerechtigkeit. Viele Unternehmen haben das erkannt. »Corporate Gouvernance« heißt das Zauberwort, das für die selbst auferlegte Verpflichtung steht, die Firma anständig zu führen.

Eigentlich eine Selbstverständlichkeit - und nicht zuletzt auch gut fürs Geschäft. Oder ist es tatsächlich der Versuch, »Gemeinsinn und Eigensinn in eine Balance« zu bringen? Genau dies haben die evangelischen Kirchen gerade zum x-ten Mal gefordert. Zurzeit ist diese Balance gestört.

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abgerufen 09.02.2012 - 00:43 Uhr

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