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Dieser Artikel: Ausgabe 02/2010 vom 10.01.2010
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Ethik mit Rendite

Kirchliche Geldanlagen bewegen sich auf einem schmalen Grat

Von Axel Reimann

Die Ansprüche an kirchliche Geldverwalter sind gewachsen: Rendite und Moral, Vermögenserhalt und Einflussnahme auf die Wirtschaft wünschen sich die Anleger. Und dies mit möglichst wenig Risiko. Am Beispiel des INIK-Fonds der bayerischen Landeskirche werden die Grenzen und Möglichkeiten nachhaltigen Investments deutlich.

Was ist »nachhaltig«, »ethisch« oder »sozial«, wenn es um die Geldanlage geht? Wie nachhaltig legt die bayerische Landeskirche ihr Geld an?
Foto: vario images
   Was ist »nachhaltig«, »ethisch« oder »sozial«, wenn es um die Geldanlage geht? Wie nachhaltig legt die bayerische Landeskirche ihr Geld an?

Die Häme war groß: »Wenn das der Papst wüsste«, »Die schmutzigen Geschäfte der Kirchenbank«, »Um Gottes willen: Fonds der katholischen Pax-Bank investiert in Rüstung, Tabak und Verhütung« ... Das Nachrichtenmagazin Spiegel hatte sich Fonds der katholischen Banken Pax und Liga angeschaut. Die Journalisten stießen auf Investments, die im Widerspruch zur offiziell vertretenen Moral stehen: Geldanlagen in Rüstungs- und Tabakkonzerne ebenso wie in einen Pharmakonzern, der auch Anti-Baby-Pillen produziert.

Bewegten sich die »Fehltritte« auch nur im Promille-Bereich des Geschäftsvolumens, hatten die Banker ihren Skandal, der nur durch öffentliche Reue entschärft werden konnte: Es seien leider Investments getätigt worden, »die nicht dem hohen ethischen Anspruch der Bank entsprechen. Die entsprechenden Werte wurden heute verkauft«, teilte die Pax-Bank mit.

Auch die krisengeschüttelte Finanzbranche bemüht sich zunehmend, das eigene Image zu verbessern und einer wachsenden Nachfrage nach ethisch einwandfreien Finanzprodukten zu begegnen. Was in den 1970er-Jahren als Protest begann (»Kein Investment in Apartheid«) und in den 1990er-Jahren zum Nischenprodukt für ökologisch orientierte Geldanleger wurde, ist inzwischen im Massenmarkt angekommen: nachhaltiges oder auch ethisches Investment genannt. Offene und geschlossene Fonds, Zertifikate, Direktinvestitionen, Anleihen, Sparbücher, Kleinkredite - sie alle werden inzwischen dafür genutzt, um Kapital gezielt nach ethischen Gesichtspunkten in bestimmte Verwendungen zu lenken.

Die Ansprüche an kirchliche Geldverwalter sind gewachsen.
Foto: plainpicture
   Die Ansprüche an kirchliche Geldverwalter sind gewachsen.

        

Doch: Was ist eigentlich »nachhaltig«, »ethisch« oder »sozial«, wenn es um die Geldanlage geht? Eine Umfrage des Vermögensberatungsunternehmens Feri unter Investoren ergab, dass »Nachhaltigkeit« überwiegend unverständlich bleibt. Und wer sagt beim nachhaltigen Investment, was gut und böse ist? Was verändert nachhaltiges Investment wirklich in der Welt? Soll es das überhaupt?

Die Öko-Investments haben quasi ihren Wald abgeholzt«: Claus Meier, Finanzreferent der bayerischen evangelischen Landeskirche.
Foto: McKee
   Die Öko-Investments haben quasi ihren Wald abgeholzt«: Claus Meier, Finanzreferent der bayerischen evangelischen Landeskirche.

Eine Antwort auf diese Fragen gibt Oberkirchenrat Claus Meier: »Eine nachhaltige Geldanlage sieht so aus, dass der Wald morgen noch wächst.« Meier leitet die Finanzabteilung der bayerischen Landeskirche, verwaltet ein Vermögen von rund einer Milliarde Euro und hat im Jahr 2003 den INIK-Fonds mitinitiiert, einen Nachhaltigkeits-Mischfonds. INIK steht für »Initiative für nachhaltiges Investment der Kirche«, ein Publikumsfonds mit einem Volumen von rund 100 Millionen Euro.

Die INIK-Fondsbroschüre spricht von einer »nachhaltigen Vermögensanlage im Sinne einer christlichen Interpretation«. Das Portfolio des Fonds sah zum 31. Mai 2009 so aus: 74,1 Prozent Unternehmens- und Staatsanleihen, 22,2 Prozent Zertifikate, der Rest war Kasse. Unter den Unternehmensanleihen waren Papiere von BHP Billiton (Eisen, Diamanten, Kohle, Erdöl, Uran, Kupfer, Bauxit, Nickel), Suez Environment und Veolia Environment (beide Wasser und Entsorgung), der britischen Supermarktkette Tesco, von Bayer (Pharma), BASF (Chemie), E.ON und Shell (Energie), BMW (Automobil) und ArcelorMittal (Stahl). Es gab im Fonds Staatsanleihen aus Deutschland und Frankreich sowie Zertifikate verschiedener Großbanken.

Sieht so also ein christlicher Fonds aus? »Was ist ein christlicher Fonds?«, fragt Oberkirchenrat Meier, »gibt es christliches Geld?« Christlich bezieht sich seiner Ansicht nach auf Botschaften und Inhalte und nicht auf die »hard facts« in der Welt. »Das ist ein Fonds, der nach professionell-ethischen Anlagegesichtspunkten gemanagt wird. Wenn Sie mit Ihrem Geld Gutes tun wollen und sonst keine Verpflichtungen damit erfüllen müssen, dann gibt es viele Möglichkeiten, dieses Geld zu verschenken.«

Zu verschenken hat Meier aber nichts: Mit dem in den INIK- (und andere) Fonds investierten Kapital und seinen Erträgen müssen die langfristigen Verpflichtungen der Landeskirche finanziert werden. Dafür sind 4,5 Prozent Rendite pro Jahr nötig. »Nachhaltigkeit« kann deshalb nur ein Aspekt der Investment-Entscheidungen sein, die anderen sind klassisch: Ertrag und Risiko; deshalb vor allem Bewährtes in den Nachhaltigkeitsfonds: Bayer, BASF, E.ON, RWE - alter Wein in neuen Schläuchen?

»Natürlich fahren wir eine grenzwertige Umsetzung«, sagt Meier, »weil wir nicht sofort die Welt in die Guten und die Bösen unterscheiden. Nach dem Motto: Ich arbeite nur mit den Guten. Das haben die Öko-Investments der 90er-Jahre des letzten Jahrhunderts versucht, und die sind fast alle auf null gegangen. Die haben quasi ihren Wald abgeholzt.« Die Botschaft: Weil sich reine Öko-Investments zu sprunghaft entwickeln, braucht es verlässlichere Renditebringer - auch in Nachhaltigkeitsfonds, etwa Chemiefirmen, Energiekonzerne und Konsumgüter-Unternehmen.

Landminen, Tabak, Stammzellenforschung und Pornografie dürfen nicht in den Fonds

Doch auch die sollen auf den Weg des Guten gebracht werden, und zwar, indem sie in ihrer jeweiligen Branche um den Titel des Klassenbesten in Sachen ökonomischer, ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit konkurrieren. Dafür sorgt der »best-in-class-Ansatz«, mit dem auch für den INIK-Fonds ein Anlageuniversum erstellt wird. Für den INIK macht das »Sustainable Asset Management« (SAM) in Zürich. Für internationale Konzerne gehört es inzwischen zum guten Ton, hier notiert zu sein.

Sind die dann alle nachhaltig? »Es gibt nur Firmen auf dem Weg«, sagt Stefan Peller von SAM. »Die Ansprüche wachsen in der Entwicklung dorthin.« SAM bewertet die ökonomischen, ökologischen und sozialen Leistungen der Unternehmen auf der Basis von Fragebögen, die von den Unternehmen ausgefüllt werden. Für den INIK-Fonds stellt SAM ein Anlageuniversum von rund 600 Namen zur Verfügung. Ausgeschlossen haben die kirchlichen Initiatoren des Fonds Unternehmen, die sich in der embryonalen Stammzellforschung betätigen, in der Rüstung, in der Porno-Industrie sowie Tabak-Firmen.

Das klingt nach klarer Ansage, ist es aber nur zum Teil. »Bei einem erlaubten Umsatzanteil für Waffenproduktion von null hatten wir aufgrund eines verfeinerten Prüfverfahrens plötzlich kaum noch Banken im Anlageuniversum, warum auch immer«, wundert sich INIK-Fondsmanager Frank Schröder von HSBC Trinkaus. »Wir haben praktikabel reagiert und das sehr enge Waffenkriterium leicht angepasst.« Stefan Peller von SAM ergänzt: »Wenn ein Unternehmen seinen Umsatz durch einen geringen Umsatz mit Rüstungsgütern verdient, ist das nicht schädlich für die Bewertung im INIK. Aber wenn das Unternehmen innerhalb dessen Dinge tut, die unter die Ausschlusskriterien fallen, dann ist Schluss. Und das heißt: keine Landminen, keine Nuklearwaffen und keine Streubomben.«

Aber auch ohne Rüstungskonzerne ließe sich am INIK-Portfolio Anstoß nehmen: Investitionen in Wasserkonzerne (»Menschenrecht Wasser«), in Uran-Produzenten, in umstrittene Supermarktketten, in Chemie- und Pharmakonzerne. Fondsmanager Schröder zieht sich auf seinen ökonomischen Standpunkt zurück und sagt: »Ihr wollt ein Ergebnis zwischen Geldmarktverzinsung und sechs Prozent. Und jetzt wollt ihr noch diesen und jenen Titel ausschließen. Wenn Sie am Schluss mit zehn Namen dastehen, die ganz sauber sind, kann es Ihnen passieren, dass Sie Ihr Geld verlieren.«

Die großen Entscheidungen über die Fondspolitik des INIK trifft zwei Mal jährlich der Anlageausschuss, in dem Vertreter von bayerischer Landeskirche und HSBC Trinkaus sitzen. Ein Anlagebeirat steuert theologischen Sachverstand bei. »Sie werden bei uns keine US-amerikanischen Staatsanleihen finden«, erklärt Claus Meier. »Weil wir durch diese Staatsanleihen keinen Krieg mitfinanzieren wollen. Und weil ich das amerikanische Wirtschaftsgebaren für fragwürdig halte.«

Mit seinen Anlageformen macht der INIK-Fonds die Welt nicht automatisch grüner, sozialer oder nachhaltiger. »Macht haben wir zwar keine, aber Einfluss nehmen können wir schon«, sagt Meier. Zum Beispiel, wenn es um umstrittene Bauprojekte wie das Kernkraftwerk Belene in Bulgarien geht. RWE wollte dort im Erdbebengebiet Atomstrom produzieren. »Ich habe denen dann geschrieben«, erzählt Meier: »Wir haben bei euch investiert. Wir haben gehört, dass ihr in einem erdbebengefährdeten Gebiet ein Kernkraftwerk bauen wollt. Warum wollt ihr so was machen? Wir wollen euch jedenfalls klarmachen, dass uns das nicht gefällt.«

Auch der Aufsichtsratsvorsitzende von RWE bekam Post aus dem Kirchenamt. RWE will sich inzwischen möglicherweise vom Belene-Projekt verabschieden. »Ich wage nicht zu behaupten, dass das wegen unseres Schreibens passiert«, sagt Meier, »aber es könnte die Summe der Argumente sein, die das Unternehmen erreicht hat.« Die Landeskirche hat deshalb offene Ohren für Kritik an Unternehmen, die in INIK vertreten sind. Damit kann SAM seine Datenbasis erweitern. Gibt es ihn also doch, den Weg zu einer gerechteren Welt plus 4,25 Prozent Verzinsung im Jahr?

BUCHTIPP

Mechthild Upgang: Gewinn mit Sinn; München 2009 oekom Verlag, 192 Seiten, 18,90 Euro. ISBN: 978-3-86581-174-5.

Geldanlage mit gutem Gewisssen, ist das möglich? Dieser Frage geht die Finanz- beraterin Mechthild Upgang in dem Buch »Gewinn mit Sinn« nach. Der Finanzratgeber gibt Tipps und Ratschläge für den sicheren Umgang mit Geld nach ethischen und ökologischen Kriterien. Upgang führt in verschiedene Finanzmarktprodukte ein und erläutert Risiken und Renditechancen. Sie benennt und vergleicht nachhaltige Anlageformen und Möglichkeiten der Altersvorsorge. Ein Buch für mündige Anlegerinnen und Anleger, die überzogene Renditen hinterfragen und Verantwortung für ihr Geld übernehmen wollen.

  Mechthild Upgang: Gewinn mit Sinn; München 2009 oekom Verlag, 192 Seiten, 18,90 Euro. ISBN: 978-3-86581-174-5.

 

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abgerufen 08.02.2012 - 23:36 Uhr

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