»Lass es uns versuchen«
Der Weihnachtsfilm 2009: »Albert Schweitzer - ein Leben für Afrika«
Von
Markus Springer
»Ehrfurcht vor dem Leben bedeutet: Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.« Albert Schweitzer (1875-1965), der »Urwalddoktor« von Lambarene, der Theologe, Musiker, Philosoph und Friedensnobelpreisträger hat diesen Satz als zentrale Botschaft seines Denkens hinterlassen. Neben Gandhi, Einstein und Martin Luther King gehört er zu den bedeutendsten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Zu Weihnachten kommt sein Leben ins Kino.
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NFP / Stefan Falke
 Lambarene ist gerettet: Jeroen Krabbè als Albert Schweitzer.
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Albert Schweitzer und Albert Einstein - zwei Männer in ihren besten Jahren, das eigenwillige volle weiße Haar nach hinten gebürstet, blitzende Augen unter buschigen Augenbrauen und ein üppiger Seehund-Schnauzbart unter der Nase: Die beiden Ikonen des 20. Jahrhunderts sehen sich zum Verwechseln ähnlich, und genau das beklagt der eine Albert auch: »Ich werde immer mit dir verwechselt«, sagt der Film-Einstein in New York zum Film-Schweitzer, lacht und zieht erst mal die Schuhe aus bei seinem Besuch in dessen Hotelsuite.
Es ist die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Albert Schweitzer und seine Frau Helene werben um Spenden für das damals schon weltberühmte Urwaldkrankenhaus Lambarene. Es ist aber auch die Zeit des beginnenden kalten Krieges, der antikommunistischen Hexenjagd des Senators McCarthy - und Albert Einstein ist im Visier der Geheimdienste, weil er sich gegen die Atombombe ausspricht.
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 Fiktives Treffen während der antikommunistischen Hexxenjagd in den USA des Senators McCarthy: Albert Schweitzer (Jeroen Krabbè) und Albert Einstein (Armin Rohde).
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Mit dem fiktiven Treffen zwischen den beiden bringt der Film »Albert Schweitzer - ein Leben für Afrika« seine Geschichte in Gang. Zwar kannten und schätzten sich Einstein und Schweitzer tatsächlich sehr. Und beide sprachen sich auch immer wieder deutlich gegen die atomare Rüstung aus. Doch zu einer persönlichen Begegnung ist es wohl nur vor dem Krieg gekommen. Im Film gerät - weil ein Spielfilm ohne Schurken nun einmal schlecht geht - durch das Treffen auch Albert Schweitzer in das Visier der antikommunistischen Verschwörer, die fortan seinen Ruf und sein Lebenswerk Lambarene bedrohen.
Man kann es vorweg sagen: Die Dramaturgie dieser Geschichte aus dem Haus der Produktionsfirma NFP ist weniger schlüssig als die von deren beiden anderen Spielfilmversuchen über große deutsche Protestanten: »Luther« (2003) und »Bonhoeffer - die letzte Stufe« (1999). Bemerkenswert ist aber, wie sich die NFP und die Brüder Thies für diese Art von eher sperrigen Stoffen engagieren und damit auch auf dem amerikanischen Markt Erfolg haben (siehe Interview). Man braucht jedoch nur einmal Albert Schweitzers 1933 handgetippten Lebenslauf zu überfliegen, um festzustellen, dass, wenn es so etwas wie Dramen in diesem an Talenten übervollen Leben gab, diese in einem Spielfilm allenfalls angedeutet werden können.
Vielleicht ist es ein elsässisches Schicksal, immer zwei Welten anzugehören. Als Albert Schweitzer am 14. Januar 1875 in Kayersberg geboren wurde, war man dort gerade deutsch. Vier Jahre zuvor hatte das Deutsche Reich nach seinem Sieg über Frankreich Elsass und Lothringen annektiert. In Schweitzers Elternhaus, einem evangelischen Pfarrhaus, wurde ganz selbstverständlich neben elsässisch und deutsch auch französisch gesprochen. Schweitzer wuchs mit einem jüngeren Bruder und drei Schwestern in dem kleinen Vogesendorf Günsbach bei Colmar auf, wo sein Vater Pfarrer war. Hier besuchte er die Volksschule. In der Dorfkirche lernte er Orgel spielen - der Beginn einer lebenslangen Liebe.
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 Albert Schweitzer (Jeroen Krabbè) ist auch ein gefeierter Interpret von Bachs Orgelwerken.
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Theologie- und Philosophiestudium in Straßburg, preußischer Militärdienst, nebenher ein Orgelstudium in Paris bei dem berühmten Organisten Charles-Marie Widor - alles (außer Hebräisch) scheint Schweitzer mit Leichtigkeit zu absolvieren: Mit 27 Jahren ist er zweifach promoviert, habilitiert und Interimsleiter des theologischen Thomasstifts in Straßburg. Intensiv beschäftigt er sich nun mit der Gestalt des historischen Jesus, veröffentlicht unter anderem eine »Skizze des Lebens Jesu«. Wenig später wird er Direktor des Studienstifts. 1905 erscheint sein großes musikwissenschaftliches Werk über Johann Sebastian Bach - auf französisch unter dem Titel »Le Musicien-Poète«.
Intensiv kniet er sich nun in das Problem des »historischen Jesus«, arbeitet die »Leben-Jesu-Forschung« auf. Nebenher gibt er sein Bach-Buch auf Deutsch heraus und schreibt die »Deutsche und französische Orgelbaukunst und Orgelkunst«, das vielleicht auch deshalb bis heute ein Standardwerk geblieben ist, weil Schweitzer als Elsässer beides war: ein französischer und ein deutscher Orgelkünstler.
Doch am Ende steht eine vor allem theologisch begründete Lebenswende, bei der es aus der Frage nach der »Endzeit« heraus letztlich um die Frage nach dem »Reich Gottes« geht.
Jesus habe voll und ganz in den messianischen Erwartungen des Spätjudentums gelebt, erkennt Schweitzer: »Das Reich Gottes, das er predigt, ist das himmlische, messianische Reich, das bei der Ankunft des Menschensohnes am Ende der natürlichen Weltzeit auf Erden anbrechen wird. Ständig heißt er seine Hörer für alsbald des Gerichts gewärtig zu sein, durch das die einen zur Herrlichkeit des messianischen Reiches und die anderen zur Verdammnis eingehen werden. (...) Jesus lässt also die spätjüdische messianische Erwartung in allen ihren Äußerlichkeiten gelten. In keiner Weise unternimmt er es sie zu vergeistigen.«
Der entscheidende Punkt für Schweitzer: »Zu einer bestimmten Zeit - ob dies Wochen oder Monate nach seinem Auftreten war, wissen wir nicht - hat Jesus die Gewissheit, dass die Stunde des Anbruchs des Reiches gekommen sei. (...) Seine Erwartung verwirklicht sich aber nicht.« Und auch nicht die Erwartung der frühen Christen nach dem Tod Jesu, ihr Meister werde bald, in unmittelbarer Zukunft wiederkehren, um dann endgültig als Messias über die Welt zu richten.
Schweitzer bringt auf den Punkt, worüber bis heute viele stolpern: »Anstoß bereitet vielen, dass der historische Jesus irrtumsfähig gelten müsse, weil das übernatürliche Reich Gottes dessen Erscheinen er für alsbald verkündigte, ausgeblieben ist.« Wenn der Mensch Jesus irrte, welche Folgen hat das für die Christen? Seinen eigenen Standpunkt bezeichnet Schweitzer als »konsequente Eschatologie«, als »fortgeführte Endzeitlichkeit«. Gerade »in der Tatsache des Nichteintreffens« der Wiederkunft Jesu, die bis heute andauert und die die Theologen als »Parusieverögerung« bezeichnen sieht Schweitzer »das im Sinne Jesu 'historische Faktum'«. Denn »die ganze 'Geschichte des Christentums' bis auf den heutigen Tag, die innere, wirkliche Geschichte desselben beruht auf der 'Parusieverzögerung', das heißt auf dem Nichteintreffen der Parusie, dem Aufgeben der Eschatologie, der damit verbundenen fortschreitenden und sich auswirkenden Ent-Eschatologisierung der Religion.«
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 »Ehrfurcht vor dem Leben« als konkreter Weg christlicher Praxis: Albert Schweitzer (Jeroen Krabbè) behandelt ein junges Mädchen.
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Das bedeutet für Schweitzer aber keineswegs, damit auch die eigene Jesus-Beziehung zu lösen oder dessen Ruf zum Reich Gottes preiszugeben: »Im letzten Grunde ist unser Verhältnis zu Jesus mystischer Art. Keine Persönlichkeit der Vergangenheit kann durch geschichtliche Betrachtung oder durch Erwägungen über ihre autoritative Bedeutung lebendig in die Gegenwart hineingestellt werden. Eine Beziehung zu ihr gewinnen wir erst, wenn wir in der Erkenntnis eines gemeinsamen Wollens mit ihr zusammengeführt werden (...) und uns selbst in ihr wiederfinden.«
Das ist der Weg, der Schweitzer weg von der kirchlichen Theologie 1913 in sein Urwaldkrankenhaus nach Gabun, ans Ufer des Ogooué-Flusses, nach Lambarene führt. Diesen Weg muss man kennen, um Schweitzers Philosophie der »Ehrfurcht vor dem Leben«, in der sein Denken mündet, richtig zu verstehen.
»Als wir bei Sonnenuntergang gerade durch eine Herde Nilpferde hindurch fuhren, stand urplötzlich, von mir nicht geahnt und nicht gesucht, das Wort 'Ehrfurcht vor dem Leben' vor mir. Der Pfad im Dickicht war sichtbar geworden. Nun war ich zu der Idee vorgedrungen, in der Welt- und Lebensbejahung und Ethik miteinander enthalten sind.« So beginnt der Film »Albert Schweitzer« mit einer Andeutung.
Trotz seiner konstruierten Handlung gelingt es dem in diesem Sommer in Südafrika gedrehten Film aber neugierig zu machen: Ehrfurcht zu wecken vor diesem faszinierenden Christenmenschen, gläubigen Skeptiker und tätigen Beter, französischen Deutschen (oder deutschen Franzosen), Musikgenie, praktischem Philosoph und dienendem Patriarchen, dem wir in Gestalt des Niederländers Jeroen Krabbé gerne zusehen.
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 Der Preis, den die Familie eines modernen Heiligen zu bezahlen hat: Helene Schweitzer (Barbara Hershey) und ihre Tochter Rhena (Jeanette Hain).
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Albert Schweitzer ist so etwas wie ein schwieriger Heiliger der liberalen protestantischen Tradition. Dabei zu sein, wie die nächsten Angehörigen eines solchen »Heiligen« der Nächstenliebe unter dessen Einsatz für alle anderen, nur nicht für Frau und Kind zu leiden haben, macht die Sache anschaulich. Denn um so deutlicher wird, welch immensen Anteil an Albert Schweitzers »Werk« seine Ehefrau Helene Bresslau hat - in Afrika, als Spendensammlerin, als diejenige, die viele Fäden zusammenhielt. Viel wäre noch zu sagen über die jüdische Herkunft Helene Bresslaus, über die Flucht vor den Nationalsozialisten, über die von der ganzen Familie geliebte Herrnhuter-Siedlung Königsfeld im Schwarzwald, die man sich als Refugium in Deutschland ausgewählt hatte.
Schweitzers Enkelin Christiane Engel, die schon in frühester Jugend ihren Großvater begleitete und - es ist kaum zu glauben - sowohl Konzertpianistin als auch Ärztin ist, hat Lambarene einmal als »Versuch eines gelebten Ethos« bezeichnet. Wie treffend das nicht nur für Schweitzer selbst ist, sondern auch für jede Auseinandersetzung mit diesem überreichen Leben, zeigt der Name des Ortes Lambarene: In der Sprache der Galoa heißt »lembareni« - »Lass es uns versuchen«. | »ALBERT SCHWEITZER«
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