Hildebrandts Buspredigt
Eine »ökumenische Stadtrundfahrt« mit Prominenten im Vorfeld des Münchner Kirchentags
Oberbürgermeister Christian Ude, Alt-OB Hans-Jochen Vogel mit Ehefrau Liselotte, Altabt Odilo Lechner und Kabarettist Dieter Hildebrandt, dazu sieben teils historische Omnibusse, darin 300 evangelische und katholische Münchner, sowie vier Kirchen-Stationen: Das waren die Zutaten einer ökumenischen Stadtrundfahrt, mit der sich Münchner Innenstadtgemeinden beider Konfessionen gemeinsam auf den Weg in Richtung »Ökumenischer Kirchentag 2010« machten.
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Günter Muy
 Zwei Männer mit Bus: Der Kabarettist Dieter Hildebrandt (l.) im Gespräch mit Erlöserkirchenpfarrer Gerson Raabe.
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Selber in einem der sieben Busse bei der ökumenischen Stadtrundfahrt mitfahren kann Münchens Oberbürgermeister Christian Ude leider nicht. Aber in der Schwabinger Kreuzkirche, die Ausgangspunkt der Tour und seine Heimatgemeinde ist, nimmt sich Ude die Zeit für einen sehr persönlichen Tour d'horizon in Sachen Kirche und Glaube. Was ihm als Protestanten der (katholische) Münchner Dom mit seiner »kraftvollen Erdverbundenheit und der Unverwechselbarkeit der welschen Hauben« bedeutet, wie er als Kind die »wilde« orthodoxe Kirche von Väterchen Timofei auf dem Oberwiesenfeld entdeckte, berichtet Ude. Und natürlich von der alten Kreuzkirche, einer »kargen Hinterhofkirche«, in der sich der Schwabinger Bub »trotz quälender Zweifel« konfirmieren ließ.
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 Religionsunterricht als Lernerfahrung, »wen man in der Pause verhauen muss«: Münchens OB Christian Ude in der Schwabinger Kreuzkirche.
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Das kabarettistische Talent Udes versetzt das ökumenische Publikum in der Kreuzkirche immer wieder in Heiterkeit. Ans Ende stellt Ude den Religionsunterricht - als ökumenische und interreligiöse Frage, und sie ist ihm ernst: »Die erste Lektion, die wir als Kinder durch den Religionsunterricht gelernt haben, war, wen man in der Pause verhauen muss.« Statt, wie in Berlin, einen »Plakatkrieg« um den Religionsunterricht zu führen, solle man »die ganze Sache etwas gelassener und ökumenischer angehen«. Besser ein Religionsunterricht für alle also?
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 Passanten, die das rote Ungetüm sehen, winken: Der rote 1952er-Mercedesbus hält vor St. Bonifaz.
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Dann geht es zu den Bussen. Die größte Aufmerksamkeit zieht Bus Nummer drei auf sich: ein sorgfältig restaurierter Mercedes, Baujahr 1952, mit langer Schnauze, viel Chrom und roten Kunstlederbänken. Kabarettist Dieter Hildebrandt sitzt mit Pfarrer Gerson Raabe von der Erlöserkirche gleich hinter dem Fahrer. Während Passanten mit dem Finger deuten oder winken, fachsimpelt Hildebrandt mit Fahrer Walter Mühldorfer über unsynchronisierte Getriebe, die sich nur mit Zwischengas schalten lassen. Der Fahrer verrichtet derweil an der Lenkung Schwerstarbeit - und verfährt sich, weil er dem Bus vor sich folgt.
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 Aufruf zu mehr ökumenischer Beweglichkeit: Alt-OB und Ex-SPD-Chef Hans-Jochen Vogel in St. Anna.
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Verspätet und zur Erheiterung der Busfahrer-Gemeinde treffen beide Busse in St. Bonifaz ein. Hier stellt Altabt Odilo Lechner »seine« Kirche aus ökumenischer Perspektive vor und bemüht dabei den ganz großen historischen Horizont. Er erinnert an König LudwigI., der Bayern rekatholisieren wollte, und seine evangelische Gemahlin Therese. Hier, in St. Bonifaz, sind beide begraben, doch Therese musste fast 150 Jahre unsichtbar und recht würdelos im Keller unter ihrem Gemahl ruhen. Erst um die Jahrtausendwende habe man sich »ökumenisch besonnen«: 2002 bettete man die Überreste der Königin in einem Akt ökumenischer Gastfreundschaft einen Stock höher neben Ludwigs Klenze-Sarkophag. Mit dabei war damals auch Landesbischof Johannes Friedrich. Er hatte es nicht weit: Das Landeskirchenamt liegt in unmittelbarer Nachbarschaft von St. Bonifaz. Und jeden Dienstag gibt es hier um 12.15 ein ökumenisches Mittagsgebet, wie die evangelische Stadtdekanin Barbara Kittelberger ergänzte.
Ob St. Bonifaz damit ein »Paradebeispiel« für die Ökumene abgibt, wie Odilo meinte? Ihre Geschichte ist jedenfalls ein beredtes Zeugnis für das Verhältnis der beiden großen Konfessionen in München, Bayern und überhaupt.
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 Das gemischtkonfessionelle Ehepaar Vogel (in der Mitte Liselotte Vogel, evangelisch) und Odilo Lechner, Benediktinerabt im Ruhestand.
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Bei einer Blitzumfrage unter den Businsassen (Katholiken und Protestanten halten sich im Mercedes etwa die Waage) überwiegt Unverständnis und Frust über konfessionelle Hartleibigkeiten bei denen »oben«. »Unten«, an der Basis, geht zwar viel mehr, als der katholischen Kirchenleitung recht sein dürfte, aber der Elan ist erschlafft. Die Erfahrung »als Christen gemeinsam unterwegs zu sein« wirkt da sichtlich stimulierend und passt gut in das Vorfeld des Ökumenischen Kirchentags im nächsten Jahr.
Weiter geht es ins Lehel: In St. Anna, seiner langjährigen Heimatgemeinde, lässt der ehemalige SPD-Chef und Münchner Alt-Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel (83) seiner Frau Liselotte (82) den Vortritt. Die beiden berichten, wie es in ihrer »ökumenischen Ehe« aussieht. Noch heute, im Altenheim Augustinum, laute die Regel: »Einen Sonntag gehen wir in die eine, einen Sonntag in die andere Kirche«, so Liselotte Vogel. Allerdings bleibe sie in »seiner« Kirche bei der Eucharistie sitzen, während er zum Abendmahl mitgehe.
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 Sonderlinie: Sieben Ökumene-Busse unterwegs durchs nächtliche München.
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Am Ende, in der Schwabinger Erlöserkirche, steht dann keine Bus-, sondern eine Bußpredigt - gehalten von Dieter Hildebrandt.
Der in »eine komplizierte Mischehe« hineingeborene, evangelisch getaufte Oberschlesier eröffnet dem Publikum einen Blick auf die nationalsozialistischen Dämonen seiner Jugend und erläutert, warum er - Ökumene hin oder her - der Sache mit Gott seit den Schützengräben des Zweiten Weltkriegs und dem Holocaust nur noch wenig abgewinnen kann.
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 Furioses Finale in der Kreuzkirche mit dem Altmeister des Kabaretts, Dieter Hildebrandt.
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Am Ende steht bei ihm die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise, deren Verhältnis zur Konjunktur der Religion der Kabarett-Altmeister aufklärerisch so auf den Punkt bringt: »Wenn der Glaube an das Wachstum schwindet, wächst der Schwindel mit dem Glauben nach.«
Ökumenisch wirksamer dürfte dagegen das Schlusswort Hans-Jochen Vogels in St. Anna gewesen sein. »Seiner« katholischen Kirchenleitung schrieb er deutliche Worte ins Gebetbuch: »Ich habe protestantische Bischöfinnen predigen hören. Da fehlt uns etwas und da entgeht uns etwas: Das Priesteramt von Frauen, das wäre eine große Bereicherung.«
Für die Ökumene, so Vogel, mache die gemeinsame Busfahrt an diesem Abend Mut - gerade weil sich der ein oder andere Bus verfahren habe: »Diese Rundfahrt mit ihren kleinen Schleifen ist insofern symbolisch, als wir ja das Ziel erreicht haben.« |
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