Revolutionärer Geist der Liebe
Wie die Siebdruck-Werkstatt der Münchner »Jungen Arbeit« T-Shirts für das Sonntagsblatt produziert
Jesus Christus ist der revolutionäre Geist der Liebe: Das drückt das neue Sonntagsblatt-T-Shirt aus, auf dem sich Christi Dornenkrone mit der plakativen Ästhetik der Revolutions-Ikone Che Guevara verbindet. Hergestellt wurden die T-Shirts von der »Jungen Arbeit«, einem Jugendhilfebetrieb der Diakonie im Münchner Brennpunktviertel Hasenbergl.
Sabrina (21) steht an der Druckpressmaschine und sorgt dafür, dass die Farbe gut in den T-Shirt-Stoff eindringt. Hinten in der Siebdruckwerkstatt der »Jungen Arbeit« im Münchner Hasenbergl stehen Mahir, Sascha und Vulkan am »Karussell« und sorgen für Nachschub: Einer spannt die roten T-Shirts auf, dreht weiter, der nächste »rakelt« die Farbe durch das Sieb in den Stoff. Dann kommen die T-Shirts zum Trocknen auf die »Horde«. Die drei arbeiten flüssig und routiniert.
 Foto:
Springer
 Siebdruck-Werkstatt der »Jungen Arbeit« im Münchner Hasenbergl: Mahir (23) prüft am »Karussel« die Druckqualität der Sonntagsblatt-T-Shirts.
|
Sabrina hat ihre Ausbildung zur Siebdruckerin erst im September begonnen. Sie kommt von hier, aus dem Hasenbergl. Das Hasenbergl hat einen Ruf in München. Sozialpädagogen nennen die Menschen, die hier leben »sozial benachteiligt«. Und Sabrina kommt aus einer derjenigen Straßen im Hasenbergl, die dafür bekannt sind, dass in ihnen besonders viele »sozial Benachteiligte« leben.
Alexander Fischer - klein, Nickelbrille, Seehundbart - ist der Siebdruckmeister der »Jungen Arbeit« und freier Künstler. Er ist stolz auf seine fünf »Azubis«, besonders auf Sabrina. Sie hat es von einer Schnupperzeit über »MAW Light« bis zur Lehre geschafft, sagt Fischer. »MAW Light« bedeute, dass jemand erst einmal überhaupt »an Arbeitsprozesse herangeführt« werden müsse. »Das heißt: Händ' waschen, Schuh' zubinden, Grüß Gott sagen«, sagt Fischer salopp.
Dass Fischer ein bekennender Kuba-Fan und -Kenner ist, passt zu den Sonntagsblatt-T-Shirts, die gerade in der Werkstatt der »Jungen Arbeit« produziert werden.
1960 drückte der kubanische Fotograf Alberto Korda bei einer Kundgebung in Havanna auf den Auslöser seiner Kamera. Der Schnappschuss mit dem Schattenriss-Konterfei Che Guevaras wurde zum meistkopierten Foto der Geschichte. Auch noch nach einem halben Jahrhundert wirkt es »jung« und ziert - oft zusammen mit Bob Marley, einer weiteren fast religiös verehrten Gestalt der Pop-Rebellion - bis heute Zimmer von Jugendlichen in der ganzen westlichen Welt.
 Foto:
Springer
 Sabrina gibt den T-Shirts an der Druckpressmaschine den »letzten Schliff«.
|
Auf dem Sonntagsblatt-T-Shirt verbindet sich diese ikonenhafte Bildsprache des 20. Jahrhunderts mit sehr viel älteren christlichen Kunsttraditionen. Und auch Kunst spielt keine geringe Rolle in der Siebdruckwerkstatt der »Jungen Arbeit«. »Generell hat jeder, der hier arbeitet einen sozial beeinträchtigten Hintergrund«, sagt Fischer: »Schulabbruch, Drogen, Armut - die ganze Bandbreite.« Die Jugendlichen kommen nicht nur aus dem Hasenbergl wie Sabrina, sondern aus ganz München. Rund die Hälfte von ihnen hat einen Migrationshintergund.
»Zu 'Kunst' und dergleichen haben die am Anfang überhaupt keinen Zugang. Für sie ist Kunst 'Verarsche'«, sagt Fischer. Doch dann stellten sie fest, das Siebdrucke aus der »Jungen Arbeit« bei Münchens Oberbürgermeister Christian Ude auf dem Flur hängen, Sachen, die ihre Vorgänger gemacht haben. Und immer wieder gibt es Ausstellungen, »Havanna-Hasenbergl« heißt das jüngste Projekt. »Im dritten Lehrjahr fragen sie dann, wie sie selber eine Ausstellung machen können.«
Erfolg auf dem Arbeitsmarkt
Und die »Junge Arbeit«, zu der auch noch eine Schreinerei und eine Malerwerkstatt jeweils mit mehreren Ausbildungs- und Qualifizierungsplätzen gehören, ist erfolgreich. Nicht nur auf dem Markt, wo man sich als »die letzte verbliebene Kunstsiebdruckwerkstatt in München« unter Künstlern und Werbeagenturen einen guten Namen gemacht hat, wie Fischer sagt.
»Fast alle unserer Azubis schaffen die Gesellenprüfung im ersten Anlauf«, und darauf ist Fischer besonders stolz: »Mindestens 70 Prozent kommen im Anschluss an die Ausbildung auf dem ersten Arbeitsmarkt unter - nicht unbedingt als Siebdrucker, aber in artverwandten Berufen.« Von den letzten vier Auszubildenden haben zwei bei den Prüfungen einen so guten Notendurchschnitt erreicht, dass ihnen dafür die Mittlere Reife zuerkannt wurde.
Gute Chancen also auch für Sabrina. |