Evangelisches Hauptstück
Glaubenskurs Teil 27: Martin Luther: gerechtfertigt allein im Glauben durch die Gnade
Von
Heiner Aldebert
Luther scheiterte auf dem Weg der Selbsterlösung völlig. An diesem Nullpunkt angekommen, schwebte er in höchster Gefahr. Doch sein Zusammenbruch wurde zum Durchbruch. Was bedeutet seine Rechtfertigungstheologie heute?
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 Christus in der Mitten, Martin Luther als Prediger: Predella des Cranach Altars in der Stadtkirche St. Marien der Lutherstadt Wittenberg, 1547.
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Im Jahr 1545, ein Jahr vor seinem Tod, blickt der 62-jährige Martin Luther im Vorwort zur ersten Auflage seiner gesammelten Werke auf das zurück, was bis heute als epochaler Umbruch in der abendländischen Christentumsgeschichte gilt, als Geburtsstunde der Evangelischen Kirche. Luther schreibt: »Mit so großem Hass, wie ich zuvor das Wort ‚Gerechtigkeit Gottes' gehasst hatte, mit so großer Liebe hielt ich jetzt dieses Wort als das allerliebste hoch. So ist mir diese Stelle des Paulus in der Tat die Pforte des Paradieses gewesen.«
Mit der »Stelle des Paulus« meint Luther das berühmt gewordene Zitat aus dem Brief des Apostels an die Römer, Kapitel 1, Vers 17: »Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben; wie geschrieben steht: Der Gerechte wird aus Glauben leben.«
Wodurch wurde dieses Wort für Luther zur Pforte des Paradieses? Die Epochenwende und gleichzeitig die persönliche Lebenswende des Dr. Martin Luther bestand formal in einer grammatikalischen Nuance, die es aber in sich hatte: »Gerechtigkeit Gottes« wurde traditionell von mittelalterlichen Menschen so verstanden, dass damit die unparteiische Gerechtigkeit des richtenden Gottes im Endgericht gemeint war. Gott selbst war Subjekt dieser Gerechtigkeit. Die Schärfe des Richters und seiner Gerechtigkeit, vor der von sich aus eigentlich niemand bestehen konnte, hatte Luther täglich vor Augen, wenn er an der Wittenberger Stadtkirche vorbeiging. Dort hing ein Steinrelief, das Christus als den endzeitlichen Weltenrichter darstellte. Aus seinem Mund wuchsen scharfe, flammende Schwerter, vor denen sich der junge Augustinermönch Martin zu Tode ängstigte. Aus dieser Angst, einem Gefühl von Unvermögen, wuchs Luthers Selbsthass, aber auch Hass gegen einen Gott, dem man es einfach nicht recht machen konnte. Gleichzeitig trieb den jungen Mann Luther eine unbändige Sehnsucht, dass es anders sein sollte.
Luthers Entdeckung war zu seiner Zeit unerhört
Am Ende seines Lebens, nach inneren und äußeren Kämpfen, stand dem Reformator dann eine neue, eine alternative Lesart für die Genitivkonstruktion »Gerechtigkeit Gottes« klar vor Augen, die als »Rechtfertigungslehre« zum Markenzeichen des Protestantismus werden sollte: Mit Gerechtigkeit Gottes ist für Luther nach der reformatorischen Wende nicht mehr eine Eigenschaft Gottes gemeint, sondern vielmehr eine Gabe, ein Geschenk, das von ihm zu uns kommt.
Die Gerechtigkeit Gottes bezeichnet so verstanden bedingungslose Annahme und tiefstes Geborgensein, im Leben und im Sterben. Gerecht sind wir vor Gott völlig unabhängig von allem, was wir selbst tun und können. Der Mensch ist in dieser Lesart Objekt, Nutznießer der Gerechtigkeit. Glauben als Geschenk, das Vertrauen in die Güte Gottes ist gleichzeitig Ausdruck und Erscheinungsform der Gerechtigkeit Gottes.
Luthers Entdeckung war zu seiner Zeit nicht nur neu, sondern unerhört. Mit einem Schlag wird das festgefügte Fundament der christlichen Moral erschüttert. Das Prinzip von Lohn und Leistung, so lange unwidersprochen der Grundantrieb menschlichen Handelns, war von Grund auf in Frage gestellt. Den guten Werken, deren Unverzichtbarkeit für das Seelenheil die Kirche bezeugt hatte, war die Basis entzogen.
Martin Luthers schillernde Persönlichkeit, sein gut dokumentiertes inneres Ringen lassen die reformatorische Wende, insbesondere die Einsicht in die Rechtfertigung des Sünders allein aus Glauben, zunächst als sehr persönliche Erfahrung einer religiösen Ausnahmefigur erscheinen. Es macht aber die Faszination Luthers aus, dass seine Biografie gleichzeitig zum Kristallisationspunkt eines weit über seine Persönlichkeit hinausreichenden geistesgeschichtlichen, sozialen und politischen Umbruchs wurde. Dieser Umbruch hat das gesellschaftliche Leben, zumal in Deutschland, bis heute nachhaltig beeinflusst. Allerdings wird man 500 Jahre danach auch fragen, ob moderne Protestanten Luthers innere Kämpfe und Einsichten auch für sich selbst nachvollziehen sollen/müssen, um richtige Lutheraner/innen zu sein. Sicher ist: Wir müssen Luther aus seiner Zeit heraus verstehen, um entscheiden zu können, welche seiner Kämpfe und Einsichten ins Mittelalter gehören und auch dort bleiben können und welche auch im 21. Jahrhundert nach wie vor aktuell sind?
MARTIN LUTHER wurde als Sohn von Hans und Margarethe am 10. November 1483 in Eisleben geboren und am darauf folgenden Martinstag (11. November 1483) getauft. Seine Familie schrieb ihren Nachnamen abwechselnd Lüder, Luder, Loder, Ludher, Lotter, Lutter oder Lauther. Die heute bekannte Form des Namens wählte Martin erst später, wohl schon als Doktor der Theologie, als Ableitung vom griechischen Wort eleutheros, frei. Sein Name sollte Programm sein: Martin Luther, der Freie.
Martin wuchs im thüringischen Mansfeld auf, wo sein Vater als Hüttenmeister im Kupferschieferbergbau einigen Wohlstand erworben hatte. Von 1501 bis 1505 studierte er an der Universität Erfurt und erlangte den Titel eines »Magister Artium« an der philosophischen Fakultät. Auf Wunsch seines Vaters begann er anschließend ein Jurastudium.
Doch am 2. Juli 1505 kam es bei Stotternheim zu einer ersten Lebenswende. Von einem schweren Gewitter mit heftigem Blitzschlag überrascht, rief Luther voller Todesangst zur heiligen Anna, der Schutzheiligen der Bergleute: »Heilige Anna, hilf! Lässt Du mich leben, so will ich ein Mönch werden.« Was den 22-jährigen Martin dazu brachte, dieses Gelübde abzulegen und es dann auch zu erfüllen, ist in der Forschung umstritten. Dass er aber gerade die heilige Anna anrief, deutet eine Richtung an. Luther kannte von seinem Vater her die unsäglichen Bedingungen, unter denen der Bergbau zu seiner Zeit betrieben wurde. Grubenunglücke mit vielen Toten waren an der Tagesordnung. Wer die heilige Anna anrief, tat es aus einem Gefühl tiefsten Ausgeliefertseins heraus. Unbeherrschbare Mächte drohten die eigene Existenz zu vernichten. Das war mehr und reichte tiefer als nur das Gewitter. Jedenfalls trat Martin am 17. Juli 1505 gegen den Willen seines Vaters in das Kloster der Augustinereremiten in Erfurt ein.
Der Glaube an Gott als inneres, intimes Geschenk
Aber auch dorthin verfolgten ihn seine Ängste. Sie nahmen nur eine mönchstypische Form an. Luther wünschte sich sehnsüchtig einen gnädigen Gott. Der Weg dahin führte nach den Lehren der katholischen Kirche über die Absolution, zu der man durch das Sakrament der Buße Zugang erlangte. Vorbedingung war aber die aufrichtige Reue und zwar aus Liebe zu Gott, nicht aus Angst vor Gottes Bestrafung. Außerdem gehörte dazu die Beichte aller, auch der heimlichsten Sünden.
Als sensibler, skrupulöser, hundertfünfzigprozentiger Mönch konnte Luther an diesen Vorbedingungen nur scheitern. Sein Beichtvater und Förderer Johann Staupitz, der auch später einer seiner engsten Vertrauten blieb, versuchte Luther mit dem Gedanken zu trösten, die tiefsten Anfechtungen dienten immer dazu, wahre Demut in einem Menschen zu wecken. Staupitz erkannte aber auch, dass er den suchenden Geist seines Schülers damit auf Dauer nicht zufriedenstellen können würde. So schickte er ihn 1508 zum Theologiestudium an die Universität Wittenberg, wo Luther schon bald als Doktor der Theologie selbst zu lehren begann.
In den Jahren als akademischer Lehrer in Wittenberg reiften dann seine reformatorischen Grundeinsichten heran. Im Jahr 1515, als Luther eine Vorlesung über den Römerbrief zu halten hatte, lag sein neues Verständnis der Rechtfertigung des Menschen allein aus Gnade Gottes bereits ausformuliert vor. Gleichzeitig beschäftigte sich Luther intensiv mit den Werken der deutschen Mystik. 1516 veröffentlichte er sogar die »Theologia deutsch«, das Werk eines unbekannten Mystikers. Worin bestand der Zusammenhang zwischen Luthers reformatorischer Wende und dem mystischen Weg der selbstverlassenen, gelassenen Innerlichkeit? Vor allem darin, dass der Glaube, die intime Nähe zu Gott bei beiden ganz als inneres Geschenk verstanden wurde, wozu die Vernunft oder philosophische Theorien nichts beitragen können. Aus moderner Sicht klingt diese Einsicht wie eine Selbstverständlichkeit.
Die mittelalterliche Schultheologie dagegen war auf einem ganz anderen Fundament gebaut. Für sie ließen sich Glauben und Vernunft aufs Trefflichste miteinander vereinbaren. Oberster Repräsentant dieser sogenannten Scholastik war der Dominikanermönch Thomas von Aquin (1225-1274) gewesen. Thomas hatte mit seinen fünf Gottesbeweisen und seinem Hauptwerk Summa Theologica zu seiner Zeit unter Rückgriff auf Aristoteles eine intime Verbindung zwischen Theologie und Philosophie geknüpft, wobei der Philosophie als Magd der Theologie eine dienende Funktion zugeschrieben wurde. Das mittelalterliche Gedankengebäude des Thomas von Aquin und der anderen Kirchenlehrer hatte die Welt überschaubar strukturiert. Man wusste ziemlich genau, wie das Verhältnis von Welt und Himmel organisiert war, man kannte das Maß der Höllenstrafen wie auch der himmlischen Freuden. Alles schien plausibel, vernünftig geordnet. Der katholischen Kirche kam es zu, durch die Verwaltung der heiligen Sakramente den Zugang zum Himmel zu regulieren. Die Kirche besaß das Petrus-Amt der Schlüssel.
WIE KAM LUTHER DAZU, dieses gut funktionierende System in Frage zu stellen? Er kam dazu nicht aus Überheblichkeit oder spontaner Einsicht, sondern weil er schon seit seiner Studienzeit in Erfurt von einer tiefen Skepsis gegen die weit ins Jenseits ausgreifende, spekulative Schul-Theologie befallen worden war.
An der Erfurter philosophischen Fakultät herrschte damals die Überzeugung, dass die Philosophie mit Hilfe der Vernunft nur diesseitige Phänomene erfassen könne, nämlich das, was man mit Hilfe von Erfahrungen nachvollziehen kann. Der ganze Bereich der Theologie, Gott, das Jenseits, die Hölle und der Himmel, letztlich der christliche Glaube als solcher sei dagegen weder für Erfahrungen noch für die Vernunft zugänglich. Damit war das Tischtuch zwischen Philosophie und Theologie durchschnitten.
Für die Kirche galt der Nominalismus als gefährlich, weil er den gewohnten Durchgriff auf Himmel und Hölle zunehmend verwehrte. Der berühmteste Vertreter des Nominalismus, Wilhelm von Ockham (1290-1349), wurde denn auch für seine Ansichten vom Papst eingekerkert und konnte sich nur durch Flucht nach München retten. Die Zeit der alten scholastischen Wohlgeordnetheit war aber trotzdem abgelaufen.
Der nominalistische Kahlschlag im Weltgebäude der Scholastik hatte aber auch bedenkliche Folgen. Der Hohlraum des nicht mehr überzeugend katholisch wohlgeordneten Jenseits füllte sich nämlich neu an, und zwar mit Ängsten, mit Projektionen und entsprechend dem Zeitgeist, mit Dämonen. Die phantastischen, erschreckenden Dämonenbilder eines Hieronymus Bosch (1450-1516) zeugen vom Boom dieser Entwicklung. Die Welt des Himmels und damit letztlich auch Gott selbst, war unberechenbarer geworden. Das ist der Hintergrund auch für Martin Luthers bekannte Teufels- und Dämonenängste.
Berühmt geworden ist die Szene, in der er auf der Wartburg mit dem Tintenfass nach dem Teufel warf. Eine treffliche Legende über die Waffen eines Intellektuellen. Die Angst des großen Reformators vor dem Teufel begleitete ihn trotz aller reformatorischer Zuversicht bis zuletzt, wie sich am Schlusssatz seines bereits oben zitierten Rückblicks von 1545 zeigen lässt: »Leser, sei dem Herrn befohlen, und bete für den Zuwachs der Verkündigung gegen den Satan. Denn der ist mächtig und bösartig, gerade jetzt gefährlicher denn je, weil er weiß, dass er nur noch eine kurze Frist wüten kann.«
Wofür steht der Teufel? Dafür, dass Luther eben doch noch ein mittelalterlicher Mensch war, dessen Weltbild uns einfach fremd bleiben muss? Einerseits vielleicht ja. Vielleicht lassen sich durch Luthers Angst vor einem teuflischen Chaos ja seine Ausfälle gegen Juden, gegen die Bauern und gegen Muslime erklären. Entschuldigen lassen sie sich dadurch nicht. Der Teufel könnte aber - in moderner Perspektive - auch für die Entmachtung des Menschen stehen.
Luthers Einsicht, dass der Mensch von sich aus nichts zu seiner Seligkeit tun kann, wurde schon zu seiner Zeit auch als Demütigung eines optimistischen Menschenbildes erfahren. Er stritt darüber mit dem Humanisten Erasmus von Rotterdam. Für moderne leistungsorientierte Menschen ist der Gedanke eigener Machtlosigkeit bis heute eine Herausforderung. Vielleicht könnte in bestimmter Hinsicht die Entmachtung des Menschen aber auch seine Befreiung, eine Entlastung sein, etwa von dem Zwang, sich selbst nur noch als Rädchen in einem alles Leben dominierenden Marktgeschehen zu verstehen.
Der Mensch ist, wie Luther an anderer Stelle geschrieben hat, ein doppeltes Reittier, entweder von Gott oder vom Teufel geritten. Wie tief der Abstieg des Menschen, sein persönlicher Abstieg sein musste, damit sich die Pforte des Paradieses für ihn neu auftun konnte, deutet Luther an, indem er rückblickend die Umstände seiner reformatorischen Erkenntnis beschreibt: »Dise kunst hatt mir der Spiritus Sanctus auf diss Cloaca eingeben«. Diese Ortsangabe der tiefsten Einsicht über den Menschen, die Kloake, fügt der Entmachtung des Menschen noch die Schande hinzu. Für mittelalterliche Menschen war die Kloake, der Abort, der Ort menschlicher Erniedrigung und zugleich das Sammelbecken des Teufelsdrecks. Aber genau an dieser Stelle kommt es zur Wende. Hier entdeckt Luther, dass er mit Jesus Christus, im Glauben, einen mächtigen Helfer an seiner Seite hat, der den Widersacher, welche Maske er auch immer aufsetzen mag, in seine Schranken weist. Wir würden heute vielleicht sagen: Der uns ein Gefühl tragenden Sinns in unserem Leben gibt. Luthers Erfahrung war: Für den Heiligen Geist gibt es keinen unheiligen Ort. In der Kloake wird für ihn die Freiheit des Menschen geboren, seine Gotteskindschaft allein aus Glauben.
LUTHERS WIDERSPRUCH gegen den Ablasshandel, gegen die Werkgerechtigkeit, der Thesenanschlag vom 31. Oktober 1517, seine Auseinandersetzung mit dem Papsttum, seine Überzeugung, dass der Mensch im Glauben von Gott her gegenüber allem anderen absolut frei ist, das alles entstand aus seiner Einsicht in die Annahme des scheiternden Menschen. Daraus hat Luther dann auch das vielschichtige Gebäude seiner Theologie entwickelt, eine neue Gottesdienstordnung, eine positive Pädagogik und weitreichende Aussagen zur Ethik. Durch seine Bibelübersetzung prägte er wie kein anderer die deutsche Sprache. Als Luther starb, nahm die Evangelische Kirche langsam Gestalt an.
Obwohl Luther in einen tiefen Abgrund geblickt hatte, war er den Genüssen des Lebens durchaus zugetan. Er liebte seine Frau, seine Kinder, die Musik. Später meinten wohlmeinende Luthernachfolger, die Anstößigkeit des Kloakenerlebnisses abmildern zu müssen. Die reformatorische Einsicht über die Rechtfertigung des Menschen wanderte daher in der Tradition hoch hinauf in die keimfreie Studierstube Luthers unter dem Dach des Wittenberger Kloakenturmes. Vielleicht wurde sie dadurch allzu oft auch von einem lebendigen Erfahrungswissen zu einem dogmatischen Lehrstück »verrichtigt«. Vom Teufel war dann auch kaum mehr die Rede. In den Händen des toten Luther fand sich am 18. Februar 1546 ein Zettel mit seinen letzten geschriebenen Worten: »Wir sind Bettler, das ist wahr.« |
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