Archetyp eines Pfarrers
Lindauer »Düsenwilli« Wilhelm Horkel feiert 100. Geburtstag
Wenn es den Archetypen eines evangelischen Pfarrers gibt, dann verkörpert ihn Wilhelm Horkel: Der Theologe arbeitete als Seelsorger in einem Dorf bei Nürnberg und in der St. Matthäuskirche in München, gründete Vereine, installierte Kirchenfenster und verfasste unzählige Predigten, Bücher und besinnliche Schriften. Pfarrer Wilhelm Horkel, den seine Lindauer Gemeindeglieder als »Düsenwilli« bezeichneten, feiert am 3. Dezember seinen 100. Geburtstag.
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Harmsen
 Wilhelm Horkel in seiner Wohnung in München-Nymphenburg.
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Wer Wilhelm Horkel in seiner Wohnung in München-Nymphenburg besucht, erlebt einen überaus vitalen Herren, der sich mal eben ans Klavier setzt und eine Etüde von Bach spielt oder aus dem Gedächtnis Autoren der Weltliteratur zitiert.
Elf Bücher und 28 Hefte hat Horkel geschrieben. Vor einem Jahr erschien »Luther zu Ehren - Erzählgedichte über Luther und die Reformation« im Freimund Verlag, über 55.000 Exemplare wurden bislang verkauft, die zehnte Auflage ist in Planung. »Ich war es leid, dass Luther in der Öffentlichkeit verschwiegen wird«, erklärt er die Entstehung des Bändchens, »es geht mir nicht um Ruhm, ich sehe das als Dienst an der Gemeinde.« Gedichte schreiben, das habe ihm schon immer Freude bereitet, und »Schreiben, das geht doch von alleine«, fügt er hinzu.
Horkel stammt aus einer Augsburger Kaufmannsfamilie. Die erste Zigarette klaute er im Zigarrenladen seines Vaters, doch schmeckte sie so grauslich, dass er nie wieder zu Tabak griff. Mit acht Jahren entdeckte er eine Postkarte, auf der ein nackter blutverschmierter Mann abgebildet war. »Ich lief entsetzt nach Hause, und meine Mutter, die gerade am Gasherd stand und kochte, erzählte mir von Jesus Christus.« Horkel war fasziniert von den biblischen Geschichten, und so studierte er Theologie in Göttingen, Erlangen und Tübingen.
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Harmsen
 Wilhelm Horkel und seine Frau Käthe.
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Pfarrer Horkel hat viele Landesbischöfe kommen und gehen sehen. Von Landesbischof Hans Meiser, der von 1933 bis 1955 die bayerische Landeskirche leitete, ist Horkel ein »großer Verehrer«. Eine Kritik an den antisemitischen Äußerungen Meisers will er nicht gelten lassen: »Meiser musste einen schmalen, schweren Weg gehen«, sagt Horkel.
Die Kriegszeit verbrachte Horkel als Pfarrer in der Rhön. »Ich war ausgemustert worden wegen meiner Nierensteine«, erzählt er. Einmal habe er verbotenerweise das Kind einer jungen Kriegsgefangenen getauft, die in der Schweinfurter Kugellagerfabrik arbeiten musste. Daraufhin sei er angezeigt worden. Zum Glück habe man die Gerichtsverhandlung gegen ihn nach kurzer Zeit wieder eingestellt. »Die belastenden Akten waren bei einem Bombenangriff zerstört worden«, erzählt Horkel. 1952 zog Wilhelm Horkel nach Lindau. »Das war die wichtigste Station in meinem Leben«, erinnert er sich. Im Maria-Martha-Stift »hing keine Glühlampe mehr, und die Heizkörper waren im Bodensee versenkt«. Horkel kümmerte sich um die Gründung von Haushaltsschule und Altenheim.
Den Künstler Adolf Kleemann beauftragte er damit, neue Fenster für den Chorraum von St. Stephan zu schaffen, die einzige Aktion, mit der er bei seiner Gemeinde aneckte, schließlich war der Stil des zeitgenössischen Künstlers nicht jedermanns Sache. Ehefrau Käthe kämpfte derweil als parteilose Stadträtin um Kindergärten und Sozialeinrichtungen und leitete als Vorsitzende die Geschicke des Martin Luther Vereins.
Für Vortragsreisen durch ganz Deutschland sorgte eine kuriose Leidenschaft des Pfarrers. In der festen Überzeugung, dass es übersinnliche Kräfte wie Gedankenübertragung, Hellsehen, Geister oder Spukhäuser gibt, publizierte Horkel im Jahr 1975 »Botschaft von Drüben - Parapsychologie und Christenglaube«. Das Buch wurde rund 15.000 mal verkauft und erscheint heute im Reichl-Verlag. Die »außersinnliche Welt« sei durchaus real, gleichwohl biete sie kein »neues Evangelium«, schreibt Horkel und fordert seine Leser auf, zur »Botschaft Christi zurückzukehren«. |
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