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Dieser Artikel: Ausgabe 48/2009 vom 29.11.2009
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Kirche im dritten Jahrtausend

Schon vor ihrer Eröffnung zieht die Jugendkirche in Nürnberg junge Menschen an

Von Helmut Frank

Bayerns erste evangelische Jugendkirche wird am 1. Adventssonntag in Nürnberg eröffnet. Die »LUX - Junge Kirche Nürnberg« richtet sich an junge Leute zwischen 15 und 29 Jahren. Für die Jugendkirche wurde die ehemalige Gemeindekirche St. Lukas am Nürnberger Nordostbahnhof grundlegend umgebaut.

»Es werde Licht« - Wie die Junge Kirche Nürnberg an den Start geht.
Foto: LUX Junge Kirche Nürnberg
   »Es werde Licht« - Wie die Junge Kirche Nürnberg an den Start geht.

        

Das Stadtviertel rund um den Nordostbahnhof gehörte lange nicht gerade zu den ersten Adressen Nürnbergs. Das Ensemble aus den 30er-Jahren war jahrzehntelang eine gutbürgerliche Arbeitersiedlung, doch irgendwann wurden die kleinen und einfachen Wohnungen zu eng. Wer etwas mehr Geld hatte, zog weg, und es kamen Menschen mit kleineren Einkommen.

»Drohende Gettoisierung«, »Sozialer Brennpunkt« oder »Glasscherbenviertel« waren die Szenarien für den Nord-Ost-Bahnhof. Die städtische Wohnungsbaugesellschaft wbg reagierte - und hat in den vergangenen zehn Jahren über 70 Millionen Euro in die Wohnanlage investiert. Sozialprojekte und Kulturläden begleiten den Wandel. Es entwickelt sich etwas im Nordosten. Und die Kirche ist mit einem bemerkenswerten Projekt mittendrin. In den Räumen der St.-Lukaskirche an der Leipziger Straße startet am 1. Adventssonntag »LUX - die Junge Kirche Nürnberg«.

Konzerte, Events und Partys sind neben den Gottesdiensten ein wesentlicher Bestandteil des aktuellen Programms.
Foto: LUX Junge Kirche Nürnberg
   Konzerte, Events und Partys sind neben den Gottesdiensten ein wesentlicher Bestandteil des aktuellen Programms.

        

Sankt Lukas, Baujahr 1963, Stahlbeton. Kann man daraus eine einladende Jugendkirche machen? Man kann: Im Eingangsbereich steht ein großer Tresen, dahinter lockt eine gemütliche Café-Lounge in stylischem Ambiente mit Cappuccinobar. Im Kirchenraum liegt fußbodenbeheizter Guss-Asphalt, von der Decke hängt ein Stahlgerüst mit Lichtanlage und Lautsprecherboxen, Sitzecken laden zum »Abhängen« ein.

Die alten Kirchenbänke wurden gegen eine Spende verschenkt oder zu Regalen für das Blindenzentrum umgeschreinert. Es ist also nun vieles anders in Sankt Lukas, aber es ist auch vieles geblieben: Kanzel, Altar, Taufstein und Orgel haben ihren Platz in diesem hypermodernen Raum.

Das Besondere: Die Jugendlichen haben vieles an der Jugendkirche selbst in die Hand genommen. »Hier bekommt man nichts vorgesetzt«, sagt Pfarrer Tobias Fritsche, seit März 2008 Teamleiter der Jugendkirche. Fritsche und sein Team haben es geschafft, bereits in der Aufbauphase 80 Jugendliche zu gewinnen, die bei der Entwicklung und Realisierung des Projekts engagiert waren. 60 bis 200 kamen zu den Gottesdiensten, die im Provisorium der Baustelle einen eigenen Charme ausstrahlten.

In der Jugendkirche werden neue ansprechende Gottesdienstformen entwickelt: »Church night« (Nacht der Kirche) am Reformationstag.
Foto: LUX Junge Kirche Nürnberg
   In der Jugendkirche werden neue ansprechende Gottesdienstformen entwickelt: »Church night« (Nacht der Kirche) am Reformationstag.

        

200 Jugendliche in einem Gottesdienst? Das begegnet einem im evangelischen Bayern nicht allzu oft. Wenn die Kirche mit irgendwelchen gut gemeinten Maßnahmen und Projekten Anschluss an die Jugendkultur sucht, glückt das nicht immer. Auf der anderen Seite werden die Bedürfnisse Jugendlicher einfach ignoriert. Willi Schönauer, viel gefragter Projektberater für Jugendkirchen, erzählt gerne die Geschichte von der Jugendkirchen-Versammlung im ländlichen Raum. Dort betonte der Pfarrer, wie sehr er es begrüßte, wenn alle, besonders die Jugendlichen, wieder regelmäßig zum zentralen Gemeindegottesdienst am Sonntagmorgen um 10 Uhr kämen. »Zehn Jahre Jugendkirchen-Entwicklung und Diskussionen sind an ihm einfach spurlos vorübergegangen«, klagt Schönauer.

Tobias Fritsche, früherer Sänger der Band »Baff«, hat eine klare Vision der Jugendkirche. Junge Leute zwischen 15 und 27 Jahren sollten dort »ihre Art, die Welt zu erleben, ausdrücken können«. Zum Programm gehören deshalb Poetry-Slams (Dichterwettbewerbe), Ausstellungen, Motto-Partys und Diskussionsabende. Aber auch für Stille und Meditation soll Raum sein. Wichtig ist ihm die Beteiligung: »Die Jugendkirche bietet an, Kirche mit deinen Fähigkeiten zu gestalten.« Der Lohn ist ein wachsendes Selbstbewusstsein bei den Jugendlichen. Wie etwa bei den beiden Mädchen, die scheu bei der Jugendkirche anklopften und inzwischen im Gospelchor Soloauftritte absolvieren.

Die »Junge Kirche« lässt Raum für besinnliche Momente, ...
Foto: LUX Junge Kirche Nürnberg
   Die »Junge Kirche« lässt Raum für besinnliche Momente, ...

        

Fritsche beobachtet, wie die wachsende Gemeinschaft an der Leipziger Straße Jugendliche persönlich weiterbringt und verändert. Er war erstaunt, als sich auf die Ausschreibung für ein Freiwilliges Soziales Jahr an der Jugendkirche ein Punk mit schwarzer Lederkluft, Ketten und Irokesenschnitt meldete. Fritsche nahm ihn, nach Ende seines Diensts wurde er Diakonenschüler in Rummelsberg. Ein anderes Beispiel ist Andi, der sich »mehr oder weniger« als Atheist sieht. »Gebetsgedöns muss bei mir nicht sein«, sagt er trocken, trotzdem geht er gerne in die Gottesdienste. »Es ist wichtig, das genau so stehen zu lassen, sagt Fritsche. »Wir wollen durch unsere Haltung signalisieren: Wir haben ein offenes Ohr.« Das Vertrauen kann die Jugendlichen öffnen. Zum Beispiel die vier 14- bis 16-jährigen Mädchen aus der Nachbarschaft, die ihre Lebensgeschichte aufschrieben und damit ins LUX-Café kamen. Auch in den Gottesdiensten kann etwas geschehen. »Wenn dort jemand zum ersten Mal in seinem Leben ein Gebet mitspricht, empfinde ich das als etwas Tolles«, erzählt Fritsche.

Die aktuelle Shell-Jugendstudie sagt, wie Jugendliche heute zu Religion stehen: 30 Prozent glauben an einen persönlichen Gott, weitere 19 Prozent glauben an eine unpersönliche höhere Macht, aber 65 Prozent finden, die Kirche habe keine Antworten auf Fragen, die Jugendliche heute wirklich bewegen.

... lebt aber auch von Aktion.
Foto: LUX Junge Kirche Nürnberg
   ... lebt aber auch von Aktion.

        

In der »Jungen Kirche« kommen Jugendliche aus den unterschiedlichsten jugendkulturellen Gruppen und sozialen Schichten zusammen. »Die milieuübergreifende Jugendkirche ist ein Traum«, gesteht Fritsche, sieht aber auch die Grenzen. Jetzt schon gelingt es, Jugendliche am Rand zu gewinnen, an den Übergängen zu jugendkulturellen Gruppen, oder Jugendliche, die noch einen Rest an Christentum, Religion oder Glauben tief in ihrem Inneren mit sich tragen.

Trotzdem scheinen sie alle gut miteinander auszukommen, zusammengeschweißt durch das Projekt, das sie begeistert und motiviert. Viele der 80 Dauer-Engagierten sind in mehreren »Aktiv-Teams« beteiligt: Gospelchor, Band, Theater-Team, Gottesdienst-Planer, Event-Planer, Dance-Team, Security-Team, Technik-Team. »In den Aktiv-Teams wird später das Herz der Jugendkirche schlagen«, glaubt Fritsche. Er ist überzeugt, dass nach dem langen Spannungsbogen bis zur Eröffnung nun die Jugendkirche in eine neue Phase tritt. »Die anstrengende provisorische, aber erfüllte Experimentierphase ist vorbei.«

Die Jugendkirche von innen.
Foto: Sauerbeck
   Die Jugendkirche von innen.

        

Anstrengend bleibt es auf andere Weise: Die Baukosten liegen um 700.000 Euro über den von der Landeskirche zugesagten 1,5 Millionen Euro. Für die Lücke hat die Evangelische Jugend Nürnberg (ejn) eine Ausfallbürgschaft übernommen. Ihre Hoffnungen, sie mit Spenden und Stiftungsgeldern wieder zu schließen, haben sich bisher nicht erfüllt. Die Zuwendungen tröpfeln nur dünn. Um die laufenden Kosten zu senken, soll das Café einen gewerblichen Betreiber bekommen, der Kirchenraum und die Seminarräume sollen für Tagungen, Konzerte oder Festivitäten wie Hochzeiten vermietet werden. Bis 2013 soll die Jugendkirche so etabliert sein, dass das Dekanat die laufenden Kosten tragen kann.

Stadtdekan Michael Bammessel hält die Jugendkirche für die ideale Ergänzung zur Gemeindearbeit, weil dort das Angebot für 16- und 17-Jährige zunehmend dünner wird. Wo Jugendliche nicht selbst zu Mitarbeitern werden, verlieren sie den Anschluss an die Gemeinden«, schreibt Bammessel in der neuen Ausgabe der ejn-Publikation antenne. Auch Bammessel glaubt, dass die Jugendkirche durch ihre Konzentration zum Magneten werden kann. »Das würde man nie hinkriegen, wenn man sich auf viele Standorte verteilt und damit verzettelt.«

Erste Erfahrungen zeigen, dass nur ein Drittel der an LUX beteiligten Jugendlichen in Kirchengemeinden engagiert sind. Auf die Frage »Bist du neben der Jugendkirche auch noch in anderen Gemeinden aktiv?« antworteten 37 Prozent mit »ja«, 20 Prozent mit »nein« und 41 Prozent mit »Ich gehe ab und zu in einen Gottesdienst in einer Gemeinde«. »57 Prozent aller Jugendlichen kommen zu uns, weil sie von Freunden mitgenommen wurden«, sagt LUX-Jugendreferentin Daniela Mailänder.

LUX - lateinisch »Licht«, das fanden alle passend, die an der Namensfindung für die werdende Jugendkirche beteiligt waren. In dem Wort Licht sieht Tobias Fritsche eine fantastische Vision davon, was Kirche und auch Jugendkirche sein kann: »Ein Ort der Orientierung, an dem immer wieder das 'Licht auf dem Weg' gesucht wird. Ein Ort der Begegnung mit dem Licht der Welt, Jesus Christus. Ein Ort, an dem junge Menschen mit ihren Talenten und Fähigkeiten zum Leuchten kommen.« Fritsche weiß, dass man das alles nicht machen kann. »Aber man kann es erbitten und erhoffen - und dazu aufbrechen, so wie die Hirten und die Weisen, als sie von dem Licht erfasst wurden.«

JUGENDKIRCHE »LUX«

Logo der Jugendkirche »LUX« in Nürnberg.

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Neues ausprobieren Interview mit Jugendkirchenpfarrer Tobias Fritsche. » lesen!

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abgerufen 08.02.2012 - 23:58 Uhr

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