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Dieser Artikel: Ausgabe 46/2009 vom 15.11.2009
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»Das ganze Dorf war empört«

Wie Pfarrer Martin Niemöller den Hitler-Attentäter Georg Elser zum SS-Mann machte (2/2)


Vor 70 Jahren, am 8. November 1939, verübte der schwäbische Schreiner Georg Elser im Münchner Bürgerbräukeller ein Attentat auf Adolf Hitler. Erst lange nach dem Krieg würdigte man in Deutschland Elser und seinen Versuch, Hitler zu stoppen. Zu denen, die die Erinnerung an Georg Elser maßgeblich behindert haben, gehört auch eine Ikone des protestantischen Widerstands gegen Hitler - Pfarrer Martin Niemöller.

Der zerstörte Bürgerbräukeller nach dem Attentat.
Foto: SZ/Scherl
   Der zerstörte Bürgerbräukeller nach dem Attentat.

        

Die Bombe tickte. Der Plan des schwäbischen Tüftlers Georg Elser schien perfekt: Seine »Höllenmaschine« war in der Säule genau hinter Hitlers Redepult im Münchner Bürgerbräukeller versteckt, die er 30 Nächte lang heimlich ausgehöhlt hatte. Zwei aufeinander abgestimmte Uhrwerke sorgten dafür, dass die Bombe auf die Minute pünktlich hochgehen würde. Und Elser würde dennoch ausreichend Zeit haben, sich zuvor in die sichere Schweiz abzusetzen.

13 Minuten und 30 Meter fehlen

Doch Elsers Perfektionismus und der November-Nebel ließen das Vorhaben scheitern.

Am 7. November 1939 ist Elser bereits in Stuttgart bei seiner Schwester; er braucht nur noch in die Schweiz zu fahren. Doch es lässt ihn nicht los, Elser muss einfach noch einmal nach München, um alles zu überprüfen. Ein letztes Mal lässt er sich in dem Bierkeller am Rosenheimer Platz einsperren. Er horcht, hört das Ticken, sieht nach, alles ist in Ordnung. Erst am Abend erreicht er Konstanz.

Immer wieder hatte der Kommunist Elser in den Tagen und Wochen vor dem Attentat Münchner Kirchen aufgesucht, um zu beten. Er habe sich danach dann immer ruhiger gefühlt, sagt er später den ihn verhörenden Gestapo­ Beamten. Meldete sich hier sein evangelischer Kindheitsglaube? Elser nahm bei seinem Attentat den Tod von Unschuldigen in Kauf - trug er deshalb sein Gewissen vor Gott?

Am 8. November gegen 20.45 Uhr versucht Elser in der Nähe der Konstanzer Schwedenschanze, durch den Garten eines Kinderheims über die Schweizer Grenze zu gelangen. Elser ist noch 30 Meter von der Grenze entfernt, da macht Zollassistent Xaver Rieger den Fang seines Lebens: Elser hat eine Beißzange für den Grenzzaun dabei, Zünderteile, Aufzeichnungen zu seiner Bombe, eine gestempelte Ansichtskarte des Bürgerbräukellers und ein Abzeichen des »Roten Frontkämpferbunds«. Mit diesen Beweisstücken will Elser in der Schweiz glaubhaft machen, dass er der Attentäter von München ist, und verhindern, abgeschoben zu werden.

Als er im Dezember seinen ausführlichen Festnahmebericht schreibt, ist Rieger bereits zum Zollinspektor befördert worden. Denn wen er da erwischt hat, wird klar, nachdem um 21.20 in München die Bombe im Bürgerbräukeller explodiert.

Sie tötet acht Menschen, 36 werden verletzt - 16 von ihnen schwer. Adolf Hitler ist nicht unter den Opfern. Auch nicht Heinrich Himmler, Julius Streicher, Joseph Goebbels oder irgendein anderer aus der bis auf Hermann Göring vollzählig versammelten NSDAP-Führung. Nebel hatte den Rückflug des »Führers« nach Berlin unmöglich gemacht. Um seinen Zug nach Berlin zu erreichen, sprach Hitler nur eine knappe Stunde, kürzer als üblich. Seine bierseligen »alten Kämpfer« feiern ihn trotzdem für seine sarkastische Tirade gegen Großbritannien. Bereits um 21.07 Uhr verlässt er mit seiner Entourage den Saal. Von der Explosion erfährt er erst in Nürnberg.

In seiner Rede hatte Hitler wieder einmal die »Vorsehung« beschworen, mit der er seinem Tun einen religiösen Anstrich verlieh. Goebbels notiert nach dem Anschlag ergriffen in seinem Tagebuch: »Er steht doch unter dem Schutz des Allmächtigen.« Zugleich notiert der Propagandaminister, wovon Hitler und er bis zuletzt felsenfest überzeugt sind: Hinter dem Attentat muss der britische Geheimdienst stecken.

Nach der »wunderbaren Errettung« des »Führers« läuten im ganzen Reich die Kirchenglocken zu Dankgottesdiensten. Nuntius Cesare Orsenigo überbringt die persönlichen Glückwünsche von Papst Pius XII.

»60 Millionen Verkohlte«

Am 13. November gesteht Elser den Münchner Ermittlern der »Sonderkommission Bürgerbräuattentat«, die Tat allein geplant und durchgeführt zu haben. In Berlin hält man die Münchner Ermittler für Versager und übernimmt. Ab dem 19. November wird Elser in der Berliner Gestapo-Zentrale verhört. Die NS-Führung kann und will nicht glauben, dass es einem Einzeltäter um ein Haar gelungen wäre, fast die gesamte Partei-Elite zu beseitigen.

Die Fälle Venlo und Elser werden wenige Tage später gemeinsam publik gemacht. Viele glauben in Deutschland derweil weder an die »Vorsehung« noch an den britischen Secret Service. Zu den Opfern des Bürgerbräu-Attentats rechnet der Volksmund bald noch »60 Millionen Verkohlte«. Angesichts der wundersamen Rettung Hitlers war vor allem für Nazigegner klar, dass es sich um ein fingiertes Attentat gehandelt haben musste, das den Volkszorn auf den Kriegsgegner England und den »Wehrwillen« schüren sollte.

Hitler griff schließlich persönlich in die Ermittlungen ein, ließ sich Elser vorführen und verhörte ihn sowie seine frühere Geliebte stundenlang. Hintermänner können beide nicht nennen.

Hat Elsers zugleich primitive wie raffiniert ausgetüftelte »Höllenmaschine« Hitler beeindruckt? Oder ging es nur darum, den Attentäter für einen Schauprozess nach dem Sieg über England aufzubewahren? Es bleibt rätselhaft, warum er Elser als KZ-Häftling außergewöhnliche Privilegien zukommen ließ: Elser bewohnte - zunächst in Sachsenhausen, später in Dachau - zwei Zellen, bekam gute Verpflegung und eine Kunsttischlerwerkstatt. Auch seine geliebte Zither händigte man ihm aus. Zugleich wurde Elser streng von allen anderen Häftlingen abgeschirmt.

Martin Niemöller (1892-1984).
Foto: SZ/Scherl
   Martin Niemöller (1892-1984).

In Sachsenhausen und Anfang 1945 in Dachau - als Himmler alle prominenten Häftlinge des NS-Staats zusammenführen ließ, um sie später bei Verhandlungen mit den Alliierten einzusetzen - war Elser gemeinsam mit dem in Venlo gekidnappten britischen Agenten Sigismund Payne Best inhaftiert. Und mit Martin Niemöller, der in Dachau mit Elser einmal wenige Worte wechseln konnte.

Als Ende April 1945 die Amerikaner nahen, werden Best und Niemöller gemeinsam mit 137 weiteren »Sonder- und Sippenhäftlingen« aus 17 Nationen als Geiseln in die »Alpenfestung« nach Niederdorf in Südtirol verfrachtet. Zusammen mit dem ehemaligen österreichischen Bundeskanzler Kurt von Schuschnigg, dessen Frau und Tochter, dem früheren französischen Ministerpräsidenten Léon Blum samt Ehefrau, Hitlers früherem Reichwirtschaftsminister Hjalmar Schacht, dem Unternehmer Fritz Thyssen oder dem der Münchner Domkapitular Johann Neuhäusler werden die beiden dort unter dramatischen Umständen befreit und erleben das Kriegsende im Hotel am Pragser Wildsee.

Gruppenbild nach der Befreiung Anfang Mai 1945: Prominente KZ-Häftlinge auf der Terrasse des südtiroler Hotels »Pragser Wildsee«, unter ihnen Martin Niemöller (Markierung rechts) sowie Captain Sigismund Payne Best (Markierung links). Das Mädchen in der Mitte ist Sissy, die kleine Tochter des früheren österreichischen Bundeskanzlers Kurt Schuschnigg.
Foto: ZeitgeschichtsArchiv Pragser Wildsee.
   Gruppenbild nach der Befreiung Anfang Mai 1945: Prominente KZ-Häftlinge auf der Terrasse des südtiroler Hotels »Pragser Wildsee«, unter ihnen Martin Niemöller (Markierung rechts) sowie Captain Sigismund Payne Best (Markierung links). Das Mädchen in der Mitte ist Sissy, die kleine Tochter des früheren österreichischen Bundeskanzlers Kurt Schuschnigg.

        

Captain Best fiel als Sprecher der Häftlinge - durch einen Zufall begünstigt - die Aktentasche des SS-Obersturmführers Edgar Stiller in die Hand, der die Häftlinge begleitete. Darin: ein »Schnellbrief« vom 5. April, in dem der Berliner Gestapo-Chef Heinrich Müller nicht nur die Überstellung Bests und anderer in das KZ Dachau befahl, sondern auch, dass der besondere Schutzhäftling »Eller« (Deckname für Georg Elser) unauffällig beim nächsten Fliegerangriff auf München zu liquidieren sei - Vollzugsmeldung wie folgt: »Am ... anlässlich des Terrorangriffs auf ... wurde u.a. der Schutzhäftling 'Eller' tödlich verletzt.«

Der Brief traf am 9. April 1945 in Dachau ein. Der SS-Oberscharführer Theodor Bongartz führte den Mordbefehl umgehend aus.

Der Erste, dem Best das Dokument zeigte, war Martin Niemöller. Es scheint perfekt in das Bild gepasst zu haben, das beide von Elser hatten.

In einer Rede vor Göttinger Studenten erklärte Niemöller nur wenige Monate später am 17. Januar 1946: »In Sachsenhausen und Dachau habe ich in demselben Zellenbau zusammengesessen mit dem Mann, der 1939 das Attentat im Bürgerbräukeller auf Hitlers persönlichen Befehl durchzuführen hatte: dem SS-Unterscharführer Georg Elser. Mit diesem Mann sollte ein zweiter Reichstagsbrandprozess vorgeführt werden.«

Was der prominente Kirchenmann über Elser zu sagen hatte, gelangte am 6. Februar 1946 in eine Nürnberger Zeitung. Elsers Mutter Maria, die zu diesem Zeitpunkt noch auf die Heimkehr ihres Sohns hoffte, bekam den Artikel in die Hände.

Ein bewegender Schriftwechsel zwischen der einfachen Schwäbin und dem prominenten evangelischen Pfarrer beginnt: Am 13. Februar fragt Marie Elser in einem ersten Brief vorsichtig nach, ob Niemöller etwas über den Verbleib ihres Sohns wisse.

Als der Pfarrer nicht reagiert - Niemöller war in die Schweiz gereist - versucht die Mutter es am 23. Februar erneut und wird dieses Mal deutlicher: »Muß aber von vornherein berichten, daß das, was am 6. Febr. in der Nürnberger Zeitung gekomen ist nicht ganz den Tatsachen entspricht. Mein Sohn war bis zu seiner Festnahme Nov.39 nicht bei der S.S. noch viel weniger bei der S.S. Scharführer davon weiss ich nichts eine Mutter muss es doch besser wissen als ein Außenstehender. Das ganze Dorf war empört über diesen Bericht. (...) Vielleicht sind Sie einem Irrtum verfallen. Das einzige, was mich intresiert wird nie berichtet, ob er noch lebt oder nicht.«

Zurückgekehrt auf Schloss Büdingen, wo Niemöller nach dem Krieg lebte, antwortet der Pfarrer am 23. März und bestätigt, dass er Elser in Dachau getroffen und später den Tötungsbefehl mit eigenen Augen gesehen hat: »Er ist auch tatsächlich (...) an einem Abend abgeführt worden und nicht wieder zurückgekommen, während seine ganzen Sachen, Kunsttischlereiwerkstatt usw. zurückblieben. Sie werden also fest damit rechnen können, dass Ihr Sohn nicht mehr unter den Lebenden weilt.«

Für Elsers angebliche Mitgliedschaft in der SS kann Niemöller nur den Lagerklatsch anführen: »Dass Ihr Sohn zur SS gehört habe, ist mir schon in Oranienburg 1940 wie auch später in Dachau von SS-Angehörigen mitgeteilt worden. (...) Ich selber kann hier nur Erfahrenes berichten.«

Am 20. April schreibt Marie Elser einen letzten Brief an Niemöller. Erneut drückt sie ihre Verzweiflung aus über die falschen Anschuldigungen gegen ihren Sohn, die »alle Zeitungen u der Rundfunk in alle Welt hinaus posaunen.« Und sie schließt: »Es gibt Leute die sich wichtig machen u von der Sache doch nichts wissen. Vielleicht sikert die Wahrheit noch durch.«

Die Wahrheit »sickerte durch«

Es dauerte fast 20 Jahre, bis die Wahrheit »durchzusickern« begann: Erst als Mitte der 1960er-Jahre die Gestapo-Protokolle veröffentlicht werden, schlägt die Elser-Forschung eine neue Richtung ein. Allmählich beginnt sich die Wahrnehmung Georg Elsers in der deutschen Nachkriegsöffentlichkeit zu verändern. Auch Martin Niemöller schwächte seine Aussagen später immer mehr ab.

Marie Elser starb 1960. Die späte Rehabilitierung ihres ebenso mutigen wie verschrobenen Sohns hat sie nicht mehr erlebt. Über das Urteil des englischen Historikers Ian Kershaw hätte sie sich wohl gefreut: »Während Generäle und führende Beamte darüber nachdachten, ob sie handeln durften und konnten, es ihnen jedoch an Willen und Entschlossenheit fehlte, handelte ein Mann ohne Zugang zu den Korridoren der Macht, ohne politische Verbindungen, ohne eine strikte Ideologie: ein schwäbischer Schreiner namens Georg Elser.«

GEORG ELSER

»Ich wollte den Krieg verhindern«. Wie Pfarrer Martin Niemöller den Hitler-Attentäter Georg Elser zum SS-Mann machte (1/2). Von Markus Springer. » lesen!

»Das ganze Dorf war empört«. Wie Pfarrer Martin Niemöller den Hitler-Attentäter Georg Elser zum SS-Mann machte (2/2). » lesen!

NEBENWIRKUNG

  Das britische Venlo-Debakel und das auch für die Briten rätselhafte Münchner Attentat vom 8. November 1939 hatte Folgen für den »echten« deutschen militärischen Widerstand. Als die Verschwörer um Admiral Canaris über den Theologen Dietrich Bonhoeffer 1941 bei den Briten zu sondieren versuchten, unter welchen Bedingungen ein Sonderfriede möglich sei, stieß der Versuchsballon in London auf unüberwindliches Misstrauen. Churchill ließ dem deutschen Widerstand ausrichten: »Ihr könnt alles haben, aber vorher bringt uns den Kopf Hitlers.« Und als es Bonhoeffer 1942 über Schweden und Bischof George Bell erneut versuchte, erklärte der britische Außenminister Anthony Eden dem Bischof, es liege nicht im britischen Interesse, der deutschen Opposition auch nur eine Antwort zukommen zu lassen. Was auch daran lag, dass man sich in London nicht noch einmal leimen lassen wollte.

 

Kirche und Nationalsozialismus

Kirche und Nationalsozialismus (Bild: Dietrich Bonhoeffer und »Reichsbischof« Ludwig Müller)

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Markus Springer

 


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abgerufen 09.02.2012 - 00:27 Uhr

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