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Dieser Artikel: Ausgabe 45/2009 vom 08.11.2009
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»Ich wollte den Krieg verhindern«

Wie Pfarrer Martin Niemöller den Hitler-Attentäter Georg Elser zum SS-Mann machte (1/2)

Von Markus Springer

Vor 75 Jahren, am 8. November 1939, verübte der schwäbische Schreiner Georg Elser im Münchner Bürgerbräukeller ein Attentat auf Adolf Hitler. Seine Bombe zündete 13 Minuten zu spät. Im KZ Dachau für einen Schauprozess nach Kriegsende »aufbewahrt«, wurde er dort am 9. April 1945 erschossen. Erst lange nach dem Krieg würdigte man in Deutschland Elser und seinen Versuch, Hitler zu stoppen. Zu denen, die die Erinnerung an Georg Elser maßgeblich behindert haben, gehört auch eine Ikone des protestantischen Widerstands gegen Hitler - Pfarrer Martin Niemöller.

Als dieses Foto am 8. November 1939 im Münchner Bürgerbräukeller aufgenommen wurde, tickte in der Säule hinter Hitler Elsers Bombe.
Foto: SZ/Scherl
   Als dieses Foto am 8. November 1939 im Münchner Bürgerbräukeller aufgenommen wurde, tickte in der Säule hinter Hitler Elsers Bombe.

        

Die Geschichte, die den aus der schwäbischen Provinz stammenden Hitler-Attentäter Georg Elser mit dem protestantischen Pfarrer und Hitler-Gegner Martin Niemöller verbindet, beginnt einen Tag nach dem Münchner Bürgerbräu-Attentat, am 9. November 1939, an der deutsch-niederländischen Grenze.

Der »Venlo-Zwischenfall«

Den ganzen Mittag über hat eine große Limousine mit mehreren auffällig unauffälligen jungen Männern hinter dem Schlagbaum auf der deutschen Seite der Grenze gewartet. Als sich gegen 15 Uhr auf der niederländischen Seite ein Buick nähert und rückwärts neben dem Grenzcafé »Backus« einparkt, geht alles ganz schnell. Der Schlagbaum hebt sich, die Limousine rast heran und blockiert den Fluchtweg des Buick. SS-Männer springen mit gezückten Pistolen von den Seitenbrettern des deutschen Wagens. Schüsse fallen. Dann werden die britischen Geheimdienstagenten Sigismund Payne Best und Richard Henry Stevens aus dem Buick gezerrt und in die Limousine verfrachtet. Ein dritter Mann hat eine Kugel in den Kopf bekommen. Der Bewusstlose wird ebenfalls in den deutschen Wagen gewuchtet. Dann heult der Motor auf, und das Kommando verschwindet über die deutsche Grenze.

Was als »Venlo-Zwischenfall« in die Geschichte einging, sollte der deutschen Regierung im Mai 1940 als willkommener Vorwand für den Einmarsch in den Niederlanden dienen. Denn den dritten Mann, Dirk Klop, der wenige Stunden nach dem Überfall im evangelischen Krankenhaus Düsseldorf starb, identifizierte man als niederländischen Geheimdienstoffizier - was die NS-Führung als Bruch der holländischen Neutralität wertete.

Captain Best, der als britischer Geschäftsmann getarnt in Den Haag lebte, und Major Stevens hatten geglaubt, mit Hitler-Gegnern in der Wehrmacht zu verhandeln, die ein Attentat auf den »Führer« planten. Doch die vermeintlichen Wehrmachts-Oppositionellen waren in Wirklichkeit deutsche Nachrichtendienstler rund um Hitlers Top-Agenten Walter Schellenberg. Die Aktion in Venlo leitete der Agent Alfred Naujocks, der erst wenige Wochen zuvor mit einem Kommando den Überfall auf den Sender Gleiwitz fingiert und Hitler damit einen Vorwand für den Überfall auf Polen geliefert hatte.

Einzeltäter - aber in große politische Ereignisse verwickelt: der Bürgerbräu-Attentäter Georg Elser (1903-1945).
Foto: PD
   Einzeltäter - aber in große politische Ereignisse verwickelt: der Bürgerbräu-Attentäter Georg Elser (1903-1945).

Die britischen Geheimdienstler packten aus. Ihre Informationen machten einen großen Teil des britischen Spionagenetzes in West- und Mitteleuropa wertlos. Noch dazu erbeuteten die deutschen Agenten ein britisches Geheimdienstfunkgerät, mit dem sie noch mehrere Wochen die britische Regierung an der Nase herumführten. Erst am 22. November ging der letzte Funkspruch ein: »Auf die Dauer ist die Unterhaltung mit eingebildeten und törichten Menschen langweilig. Sie werden verstehen, dass wir abbrechen. Es grüßt herzlich die Euch wohlgeneigte 'Deutsche Opposition'. Die Deutsche Gestapo.«

Best und Stevens kamen als Sonderhäftlinge bei relativ guter Behandlung in das Konzentrationslager Sachsenhausen, später nach Dachau.

Genau hier verbindet sich ihr Schicksal mit dem zweier anderer »prominenter« Häftlinge: dem von Pfarrer Martin Niemöller, Hitlers »persönlichem Gefangenen«, und dem des Hitler-Attentäters Georg Elser, der ebenfalls bei bevorzugter Behandlung (mit einer eigenen Tischlerwerkstatt und doppelter Zelle) für einen großen Schauprozess nach dem »Endsieg« aufbewahrt wurde. Leider sollte, was die beiden vermeintlichen »Augenzeugen« Best und Niemöller über ihren Mithäftling Elser nach dem Krieg zu sagen hatten, dessen Bild in der Nachkriegsöffentlichkeit bis weit in die 1960er-Jahre völlig verzerren.

Sah mit eigenen Augen den »Schnellbrief«, mit dem die Gestapo-Zentrale auf Anweisung von ganz oben in der NS-Hierarchie die Hinrichtung Elsers befahl: Pastor Martin Niemöller (1892-1984).
Foto: PD
   Sah mit eigenen Augen den »Schnellbrief«, mit dem die Gestapo-Zentrale auf Anweisung von ganz oben in der NS-Hierarchie die Hinrichtung Elsers befahl: Pastor Martin Niemöller (1892-1984).

Zunächst stellten die Nationalsozialisten Elsers Attentat in den Dienst ihrer Propaganda. Von Anfang an versuchten sie, eine Verbindung zur britischen Regierung herzustellen. Venlo und die Verhaftung der beiden britischen Agenten kam ihnen da gerade recht. Höhnisch berichteten die deutschen Zeitungen, wie britische Agenten mit der Gestapo gefunkt hatten und empörten sich über die Mordpläne der britischen Regierung. »Georg Elser der Mörder, Intelligence Service der Auftraggeber, Otto Strasser der Organisator« fabulierte die Deutsche Allgemeine Zeitung am 22. November. Mit dem NSDAP-Dissidenten Strasser wollte Hitler bei der Gelegenheit auch gleich abrechnen. Da man Elser bei seiner Flucht kurz vor der Schweizer Grenze verhaftet hatte, wäre den Nationalsozialisten um ein Haar die Auslieferung Strassers aus der Schweiz gelungen.

Georg Elser, der Einzeltäter

Auch Georg Elser hatte in der Zwischenzeit geredet. Die umfangreichen Gestapo-Vernehmungsprotokolle mit seinen Aussagen wurden erst in den 1960er-Jahren bekannt. Auf ihnen fußt heute weitgehend, was über Georg Elser und sein Attentat bekannt ist. Doch Elsers Einzeltätergeschichte ohne Anstifter oder Hintermänner, die bis heute in kein Schema passt, wollten Hitler und Konsorten einfach nicht glauben.

Als uneheliches Kind ist Georg Elser am 4. Januar 1903 in Hermaringen unmittelbar an der bayerischen Grenze in Württemberg geboren. Seine Mutter Maria Müller war - laut den Aussagen ihres Sohns der Gestapo gegenüber - eine »streng religiöse« evangelische Christin, die ihren Sohn evangelisch taufen ließ. Ein Jahr nach Georgs Geburt heiratet der Vater, ein Holzhändler und Landwirt aus Königsbronn, die Mutter.

Schon als Schüler fällt er durch seine Neigung zu nahezu pedantischer Genauigkeit auf. In Königsbronn macht er eine Schreinerlehre und schließt sie als Jahrgangsbester ab. Bei seinen Arbeitgebern ist er wegen seiner exakten Arbeitsweise beliebt. In der Wirtschaftskrise ab 1929 muss er mehrfach die Stelle wechseln. 1926 wird der begeisterte Zitherspieler Elser Mitglied im Konstanzer Trachtenverein »Oberrheintaler«. Er wird Mitglied bei den »Naturfreunden«. 1928 tritt er der Holzarbeiter-Gewerkschaft und dem kommunistischen »Roten Frontkämpferbund« bei.

Anfang 1930 bis Frühjahr 1932 ist er Schreiner bei der Uhrenfabrik Rothmund in Meersburg. Als diese in Konkurs geht, erhält Elser anstelle ausstehenden Lohns mehrere Uhrwerke. Zwei dieser Uhrwerke wird er später für seine Zeitbombe im Bürgerbräukeller verwenden. Für seine wechselnden Freundinnen baut Elser Gehäuse für die Uhrwerke. Zum Beispiel für die Konstanzerin Mathilde Niedermann, mit der er 1930 seinen einzigen Sohn Manfred zeugt. Die beiden heiraten nicht. Die Unterhaltszahlungen an Mathilde zahlt Elser in der Folge höchst widerwillig.

Arbeitslos geworden geht Elser zurück nach Königsbronn und arbeitet im elterlichen Betrieb mit. Und selbstverständlich ist der Kommunist gegen Hitler: »Der Arbeiter kann zum Beispiel seinen Arbeitsplatz nicht mehr wechseln wie er will; er ist heute durch die HJ nicht mehr Herr seiner Kinder«, gibt er zu Protokoll.

1936 wird er Hilfsarbeiter in der Armaturenfabrik Waldenmaier (heute Erhard Armaturen) in Heidenheim. 1938 findet Elser heraus, dass es in der Firma eine »Sonderabteilung« für geheime Rüstungsaufträge gibt. Für Elser steht spätestens seit der »Sudetenkrise« fest, dass Hitler den Krieg anstrebt.

Im November 1938 ist Elser in München und besucht die alljährliche NSDAP-Gedenkveranstaltung im Bürgerbräukeller zum Hitler-Putsch 1923. Er trifft den Entschluss, in genau einem Jahr hier sein Attentat durchzuführen und widmet sich nun ganz dem Bau seiner »Höllenmaschine«.

Er will Hitler und dessen Krieg stoppen. »Ich wollte ja auch durch meine Tat noch größeres Blutvergießen verhindern«, wird er später den ihn vernehmenden Gestapobeamten sagen. In der Heidenheimer Armaturenfabrik entwendet er Pulver und Zünder, doch ihm wird klar, dass ein Bombenattentat ohne Kenntnisse im Umgang mit Sprengstoff kaum Erfolg haben wird. Im April 1939 heuert er als Hilfsarbeiter in einem Königsbronner Steinbruch an, um sich mit Sprengtechniken vertraut zu machen. Er entwendet Sprengpatronen und Sprengkapseln.

Im Sommer 1939 zieht er nach München und wechselt dort immer wieder seine Unterkunft. Er denkt an nichts anderes mehr, als sein Attentat. In unterschiedlichen Werkstätten lässt er Teile seiner Bombe fertigen. Es handle sich um eine »Erfindung«, gibt er an, die noch geheim bleiben müsse.

Elser späht den Bürgerbräukeller am Münchner Rosenheimer Platz aus. Vom 1. November an lässt er sich fünf Nächte lang in dem Lokal einschließen, um nachts heimlich die Säule hinter dem Rednerpult auszuhöhlen. Den Schutt entsorgt er in einem Koffer, den er morgens in die Isar leert. Am 5. November 1939 ist Elser fertig: Die Bombe, die Hitler töten soll, tickt.

 

  Nächste Woche: 13 Minuten und »60 Millionen Verkohlte«, der Befehl zur Hinrichtung Georg Elsers und ein Schriftwechsel zwischen Elsers Mutter Maria und Pfarrer Martin Niemöller.

GEORG ELSER

»Ich wollte den Krieg verhindern«. Wie Pfarrer Martin Niemöller den Hitler-Attentäter Georg Elser zum SS-Mann machte (1/2). Von Markus Springer. » lesen!

»Das ganze Dorf war empört«. Wie Pfarrer Martin Niemöller den Hitler-Attentäter Georg Elser zum SS-Mann machte (2/2). » lesen!

NEBENWIRKUNG

  Das britische Venlo-Debakel und das auch für die Briten rätselhafte Münchner Attentat vom 8. November 1939 hatte Folgen für den »echten« deutschen militärischen Widerstand. Als die Verschwörer um Admiral Canaris über den Theologen Dietrich Bonhoeffer 1941 bei den Briten zu sondieren versuchten, unter welchen Bedingungen ein Sonderfriede möglich sei, stieß der Versuchsballon in London auf unüberwindliches Misstrauen. Churchill ließ dem deutschen Widerstand ausrichten: »Ihr könnt alles haben, aber vorher bringt uns den Kopf Hitlers.« Und als es Bonhoeffer 1942 über Schweden und Bischof George Bell erneut versuchte, erklärte der britische Außenminister Anthony Eden dem Bischof, es liege nicht im britischen Interesse, der deutschen Opposition auch nur eine Antwort zukommen zu lassen. Was auch daran lag, dass man sich in London nicht noch einmal leimen lassen wollte.

 

Kirche und Nationalsozialismus

Kirche und Nationalsozialismus (Bild: Dietrich Bonhoeffer und »Reichsbischof« Ludwig Müller)

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Markus Springer

 


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abgerufen 18.12.2014 - 16:19 Uhr

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