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Dieser Artikel: Ausgabe 43/2009 vom 25.10.2009
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Das Kaffeewasser kocht!

Der Orgel-Literaturkanon (48): »Fantasie und Fuge in g-Moll« von Bach


Ist das möglich: ein Stück, das peinvoll schwermütig und gleichzeitig heiter-unbeschwert klingt? Ein Stück von atemberaubend komplizierter Architektur und gleichzeitig volkstümlich? Diese Quadratur des Kreises schafft an der Orgel nur einer: Johann Sebastian Bach (1685-1750).

Bach spielte die »Fantasie und Fuge in g-Moll« bei seinem berühmten Auftritt in der Hamburger Katharinenkirche im Jahr 1720, der in der norddeutschen Musikwelt tiefe Eindrücke hinterließ. Bis 2012 soll die damals von ihm gespielte Orgel vollständig rekonstruiert sein.
Foto: © alwoge Hamburg
   Bach spielte die »Fantasie und Fuge in g-Moll« bei seinem berühmten Auftritt in der Hamburger Katharinenkirche im Jahr 1720, der in der norddeutschen Musikwelt tiefe Eindrücke hinterließ. Bis 2012 soll die damals von ihm gespielte Orgel vollständig rekonstruiert sein.

Im Jahr 1720 reiste Bach von Köthen nach Hamburg. An der Jacobikirche war kurze Zeit zuvor der Organist Heinrich Friese verstorben (der nebenbei auch das Küsteramt versehen hatte), und Bach interessierte sich für dessen Nachfolge.

Als er freilich die entscheidende Voraussetzung für die Übernahme des neuen Amts erfuhr, zog er seine Bewerbung zurück: Man erwartete nämlich vom künftigen Kantor eine stattliche Dank-Spende, die die finanziellen Möglichkeiten des Köthener Hofkapellmeisters weit überstiegen.

Bevor er zur Geburtstagsfeier seines Herzogs zurückfuhr, spielte Bach über zwei Stunden lang vor den Oberen Zehntausend Hamburgs, darunter dem steinalten Altmeister Johann Adam Reinken, in der Katharinenkirche. Unter den Stücken waren eine Improvisation über den Choral »An Wasserflüssen Babylon« und eine Fuge in g-Moll, der das holländische Tanzlied »Ik ben gegroet« zugrunde lag - eine Verbeugung vor dem Niederländer Reinken.

Die Fuge ist in vielen Handschriften einzeln, einige Male aber auch zusammen mit einer Fantasie überliefert, die Bach erst später dazukomponierte. In musiktheoretischen Abhandlungen hat diese Fantasie und Fuge in g-Moll (BWV 542) einen Ehrenplatz. Denn die Fantasie gehört zum Modernsten, was Bach überhaupt hinterlassen hat: Die Fortschreitungen in Halbtönen, die in einem Zwischenspiel der Fantasie auftauchen, waren zu seiner Zeit geradezu revolutionär und lassen verstehen, warum sich Bachs Zeitgenossen wie in Arnstadt mitunter darüber mokierten, der Meister habe in seinem Spiel »viele fremde Töne miteingemischet«.

Nach der Fantasie sind die Zuhörer regelrecht erdrückt von der Wucht der schwermütigen Dissonanzen - und umso erstaunter, als nun plötzlich ein lustiges Ringelreihen einsetzt, dem man später den ironischen Text unterlegt hat: »Das Kaffeewasser kocht, das Kaffeewasser kocht, nimm den Deckel ab, das Kaffeewasser kocht.« Da sage noch jemand, »moll« klänge traurig!

Freilich sollte die heitere Unbeschwertheit nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieses Stück einen echten Achttausender für jeden Organisten darstellt. »Das allerbeste Pedalstück von Herrn Johann Sebastian Bach« nannte es ein zeitgenössischer Kopist, und bis heute ist die »große« g-Moll-Fuge (eine »kleine«, nur einzeln überlieferte gibt's nämlich auch noch) eine untrügliche technische Messlatte. Dem Kaffeewasser-Thema stellt Bach zwei Gegenthemen entgegen und setzt zur Halbzeit der Fuge noch ein ganz neues, festliches Motiv obendrauf. Eine mitreißend-virtuose Entdeckungsreise!

Dass die Hamburger Pfeffersäcke anno 1720 Bach ziehen ließen, weil er nicht genug Kleingeld mitbrachte, bekamen sie in der Weihnachtspredigt von ihrem Jacobipastor Erdmann Neumeister ordentlich hingerieben. Bei der Schilderung des Engelsgesangs zu Christi Geburt ergänzte Neumeister, er glaube »… ganz gewiss, wenn auch einer von den bethlemitischen Engeln vom Himmel käme, der göttlich spielte, und wollte Organist zu St. Jacobi werden, hätte aber kein Geld, so möchte er nur wieder davonfliegen«.

Der Orgelliteraturkanon

Der Orgelliteraturkanon

Nach Komponisten, Jahrhundert oder Organist durchsuchen: Alle Folgen des Orgelliteraturkanons finden Sie » hier.

 

 

AN DER ORGEL

Andreas Hantke, Kantor an der Christuskirche in München
Foto: McKee
   Andreas Hantke, Kantor an der Christuskirche in München

»Die Fantasie und Fuge in g-Moll ist für mich eines der dramatischsten und bewegendsten Orgelstücke überhaupt. Die Sechzehntel- ketten wirken wie besonders intensive Gemüts- wallungen des 'sündigen' Menschen, die Akkord- verbindungen mit nie vorher komponierten Vorhalten klingen wie die Verzweiflung der Menschheit über die eigene Unvollkommenheit.

Es ist ein umfangreiches Sündenbekenntnis, dem sich der versöhnliche Zuspruch von Gnade und Vergebung anschließt. Zum Schluss begibt sich der Mensch bis in die Tiefen der Hölle, wird verwandelt (sogar enharmonisch) und steht langsam wieder auf zum befreienden Dur-Schluss. Und dann folgt die gewaltige Fuge mit einem genialen Thema und zwei gleich bleibenden Kontrapunkten - für jeden Musiker Genuss und Vorbild zugleich.

Ich habe sie über Jahre in einer Orgelandacht am Morgen des Buß- und Bettags gespielt - sie gibt diesem Tag die richtige 'Farbe'. Wollte jemand, der es nicht weiß, wissen, warum der Mensch ist, wie er ist - man müsste ihm nur dieses Werk vorspielen.«

  Andreas Hantke, Kantor an der Christuskirche in München, spielt die »Fantasie und Fuge in g-Moll« von Bach in einer eigens dafür angesetzten Orgelmatinee mit Bach-Werken am Sonntag, 25. Oktober, um 12 Uhr. Die Orgel der Firma Rieger von 1966 hat 46 Register auf drei Manualen und Pedal.

 

Thomas Greif

 


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abgerufen 08.02.2012 - 10:50 Uhr

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