ZEITZEICHEN
Der Wert der Freiheit wird in den Wochen der Erinnerung an Massenflucht, Montagsdemos und Mauerfall vor 20 Jahren gern betont. Selbst Parlamentarier, Minister oder Parteipolitiker, die im politischen Alltag schnell bereit waren, ein Überwachungsgesetz im Handstreich zu verschärfen, weil sie glaubten, das Volk wolle Taten sehen, bekennen sich abseits dieses Tagewerks zum Grundgesetz und seinen freiheitlichen Werten. Natürlich freut uns das als gute Protestanten, denn immerhin ist Freiheit ein lutherischer Kernbegriff.
Umso trauriger verfolgen wir eine Tendenz in der modernen Werbewelt, den Begriff durch inflationären Gebrauch so lange zu entwerten, bis er nur noch als leblose Worthülse für Sonntagsreden und Werbespots taugt. Als vor Jahren ein Kreditkartenhersteller formulierte: »Die Freiheit nehm' ich mir«, konnte das noch als ironischer Kommentar auf den Hedonismus der 90er-Jahre durchgehen. Später versprach eine Zigarettenmarke »Freiheit täglich«, und ein Mobilfunkanbieter propagierte »neue Redefreiheit«. Mittlerweile ist die Freiheit von der Werbesprache auf die Produkte selbst übergesprungen: Es gibt fettfreie Milch, alkoholfreies Bier und sogar fettfreie Sonnencreme.
Nun aber scheint es, als könnten wir Verbraucher die Supermarktregale mit den fettbefreiten Produkten von heute an guten Gewissens ignorieren. Hamburger Gesundheitswissenschaftlern haben nachgewiesen, dass Menschen mit leichtem und mittlerem Übergewicht länger leben und seltener krank werden als der Rest der Menschheit. Wahrscheinlich haben deshalb die Redakteurinnen der Frauenzeitschrift Brigitte spontan beschlossen, ab jetzt keine Hungermodels mehr, sondern nur noch normale Menschen in ihren Fotostrecken abzulichten. Soviel Bauchfreiheit war nie. |
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