Helden im besten Alter
Dass uns der Himmel nicht auf den Kopf falle - Asterix & Co. zum 50. Geburtstag
Von
Hans Jürgen Luibl
»Wir befinden uns im Jahr 50 vor Christus. Ganz Gallien ist von Römern besetzt … Ganz Gallien? Nein! Ein von unbeugsamen Galliern bevölkertes Dorf hört nicht auf, den Eindringlingen Widerstand zu leisten…« Mit diesen Worten beginnt die Geschichte und jedes einzelne Abenteuer der Comic-Helden Asterix und Obelix. Seit 50 Jahren. In diesem halben Jahrhundert sind sie, von Albert Uderzo und René Goscinny erfunden, zu Kultfiguren geworden - über Frankreich hinaus, weltweit.
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 Asterix wird 50 - die Comic-Superhelden kommen in die Jahre: Was Comic-Helden über die Bedürfnisse unserer Gesellschaft aussagen.
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Noch andere Comicfiguren können 2009 besondere Geburtstage feiern: Tim und Struppi z.B., der jugendliche Reporter mit der Haartolle und den Knickerbockern samt seinem Hundefreund Struppi - von Hergé, Georges Remi 1929 ins Leben gerufen - wurden 80 Jahre alt. Damit sind sie fünf Jahre älter als die weltweit bekannteste Ente Donald Duck, eine Figur aus der Comic-Welt Walt Disneys, die durchaus Politik machen konnte - etwa als sie 1943 dem Führer Adolf Hitler eins auf die Nase gab. Und im Herbst feiern die Simpsons ihr 20-jähriges TV-Dasein. Ihnen zu Ehren darf Marge Simpson aufs Titelblatt des Playboys - die erste Comicfigur, die das geschafft hat.
Diese Jubilare stehen für eine Fülle von Figuren und Geschichten in einer fast unüberschaubaren Comic-Welt. Eine ihrer Quellen - sieht man von Vorformen der Höhlenmalereien oder der biblischen Szenen in Kirchen und Bibeln ab - begann im 19. Jahrhundert in Deutschland zu sprudeln. Als Ahnherren der modernen Comics dürfen z.B. Wilhelm Busch und Wilhelm Hofmann gelten. Der Frankfurter Psychiater Heinrich Hoffmann (1809-1894) hatte seinen Struwwelpeter als Bildergeschichte mit pädagogischer Abzweckung erfunden: Welches Kind nicht gehorchte, so zeigte es sich in aller Brutalität im Bild, verbrannte wie Paulinchen oder ertrank wie Hans-guck-in-die-Luft.
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 »Lasst Sie mir!«: Wenn die Gallier anrollen, wird es für die Römer ungemütlich. René Goscinny und Albert Uderzo riefen 1959 Asterix, Obelix und Co. ins Leben. Sie wurden zu Weltstars.
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Abwehr des amerikanischen Einflusses
Auch die Bildergeschichten von Wilhelm Busch (1832-1908) hatten eine Moral: Max und Moritz etwa, die beiden Tunichtgute, wurden am Ende zu Mehl zerrieben. Aber ihre derben Späße, bildgerecht inszeniert, zeigten auch die Freude am Ärgernis - wie Wilhelm Busch überhaupt die komischen Seiten des Lebens ins Bild setzte, um letztlich eine scheinheilige Bürgerwelt zu entlarven.
Die eigentliche Heimat der Comics aber sind die Zeitungsstrips geworden, eine Folge von mehreren kleinen Bildern, die in sich geschlossen eine kleine Geschichte darstellen. Wegen dieser kleinen Bildsequenzen werden Comics auch sequenzielle Kunst genannt. Die Geschichte der Comics ist bunt und vielfältig. Zu den großen Traditionen gehören die japanischen Mangas ebenso wie die amerikanischen Comics von Yellow Kid (Ende des 19. Jahrhunderts) über Micky Mouse und Donald Duck bis zu den Super-Männern Superman und Spiderman, Batman oder Hulk.
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 Ewig junger Held im »Ligne clair«-Stil des Zeichners Hergé: Der Reporter Tim (im Original »Tintin«) und sein Hund Struppi feierten in diesem Jahr 80. Geburtstag.
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Eine ganz eigene Comic-Linie hat sich im franco-belgischen Raum entwickelt mit Figuren wie Tim und Struppi, Asterix und Obelix oder Lucky Luke, um nur die bekanntesten zu nennen. Zur deutschen Comic-Geschichte gehören nach Busch und Hofmann die Vater-und-Sohn-Geschichten von e.o.plauen, der eigentlich Erich Ohser hieß, unter dem Druck der Nationalsozialisten litt und sich 1944 das Leben nahm.
In der Nachkriegszeit entwickelte sich die deutsche Comic-Szene in einer Art Doppelabwehr. Gegen den Einfluss durch amerikanische Comics entwickelte Rolf Kauka seine Comic-Welt mit Fix und Foxi. In Abwehr alles Westlichen kamen in der DDR durch die Schaffensfreude von Hannes Hegen die Digedags zur Welt. Es wurde eine spannende Geschichte für Johannes Hegen, Comicgeschichten zu erfinden, die einerseits die Freude an den bunten Bildern und der jugendlichen Abenteuerlust gerecht wurden, andererseits den Vorgaben eines kommunistischen Weltbilds entsprachen. So durften die Digedags zwar zu einer Reise in ein vergangenes Amerika aufbrechen - aber um dort vor allem die Unterdrückung der »Neger« kritisch zu beäugen.
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PD
 Nahezu gleich alt ist die Anfang der 1930er-Jahre entstandene bürgerliche Traumgestalt Superman und sein Kampf gegen das die Welt bedrohende Chaos.
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Dass Comics Schund sind, ist längst Vergangenheit. Heute sind Comics eine feste Größe in Kommerz und Kunst. Wie teuer Comicfiguren sind, das zeigte der Verkauf des amerikanischen Marvel-Verlags 2009: Für die Rechte an den 5000 Figuren, darunter so berühmte wie Spiderman oder Captain America oder die Teeniefigur Hannah Montana, zahlte die Firma Walt Disney vier Milliarden Dollar. Und spätestens seit Art Spiegelmans Maus-Comic, der im Konzentrationslager spielt und für den er als erster Comiczeichner 1992 den Pulitzer-Preis erhielt, ist Comic Kunst, manche nennen sie die »Neunte Kunst«. Sie ist politisch - wie Persepolis von Marjane Satrapi, die ihre Kindheit im Iran, die Aus- und Rückreise beschreibt - und nimmt auch die Schattenseiten des Lebens auf: Krebsleiden, Tod.
Comicfiguren sind Kultfiguren einer postmodernen Bilderwelt geworden, entsprechen oder prägen postmoderne Wahrnehmungsmuster. Das gilt zunächst für die Form. Die Welt ist nicht mehr überschaubar, lässt sich nicht mehr fassen in großen Erzählungen, in denen alles seinen Platz hat. Sie zerfällt in skurrile, komische Einzelgeschichten, Puzzleteile eines nicht mehr fassbaren Ganzen. Comics machen daraus zumindest Unterhaltungsgeschichten, die abgeschlossen und überschaubar sind - short stories des Menschlichen.
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sob
 Bis zu seinem Tod 1977 textete Asterix-Miterfinder René Goscinny auch die von Morris gezeichneten Geschichten von Lucky Luke (re.), dem 1946 geborenen »Cowboy, der schneller zieht als sein Schatten«.
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Kultfiguren einer postmodernen Bilderwelt
Und ganz wesentlich: Comics bieten keine Texte, deren eindeutiger Sinn durch lesen erschlossen wird, sondern es sind bunte Bilder, die durch ein »Lesen mit den Augen« vieldeutige Assoziationen eröffnen, vieldeutig wie das Leben. Die Texte sind dabei kurze Sätze, nicht selten wird das Wort zum Bild: Zitter, Zisch, Zack! Onomatopoesie, Lautmalerei kann man das nennen - die Postmoderne ist ein visuelles Zeitalter.
Auch inhaltlich geht es Comics meist nicht um die große Weltgeschichte und deren Rettung durch Helden wie Herkules oder Jesus Christus, deren Geschichten man wiederholt, um Leben zu gewinnen. Vielmehr wird der Kult der »comischen Helden« inszeniert. Comische Helden sind Menschen wie alle anderen auch, denn, das ist das Credo der Moderne: Alle sind gleich, alle sind gleichen uniformierenden Lebensbedingungen unterworfen.
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 Superman etwa ist in Wahrheit ein normaler Reporter, seine Superfähigkeiten sind versteckt, und nur heimlich agiert er und rettet die Welt vor immer neuen Gefahren.
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Aber jeder hat noch etwas anderes, das als Sehnsucht in aller Gleichheit steckt: die Sehnsucht, etwas Besonderes zu sein, sich herauszuheben und, wenn es nötig ist, zum Erhalt der Welt beizutragen. Superman etwa ist in Wahrheit ein normaler Reporter, seine Superfähigkeiten sind versteckt, und nur heimlich agiert er und rettet die Welt vor immer neuen Gefahren. Das ist der bürgerliche Traum: dass die Ordnung der Welt, die immer latent bedroht ist, durch die Fähigkeiten eines jeden Einzelnen erhalten bleibt - nicht ein für alle Mal wie bei Jesus, sondern immer wieder und auf Widerruf.
Jeder ein verkappter Superheld im Endlosdrama des Alltäglichen. Was in dem Reporter Clark Kent steckt, steckt auch im einsamen Cowboy Lucky Luke: eine besondere Fähigkeit, nämlich schneller zu schießen als sein Schatten - eine Fähigkeit, die nichts anderes ist als jene seltene Tugend, über den eigenen Schatten springen zu können. Und Asterix und Obelix? Ganz normale Menschlein mit Lust am Leben und am Essen, aber immer den Angriffen der Römer ausgesetzt und mit der Angst, der Himmel könne ihnen auf den Kopf fallen.
Der Zaubertrank, er rettet die Welt nicht, gibt aber Widerstandskraft gegen die Gefahr von außen, verschafft Luft und neue Lebenslust, zumindest für kurze Zeit. Dann ist sogar die Sorge, dass der Himmel einem auf den Kopf fällt, zu ertragen. Das wird am Ende dann auch gefeiert. |
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