Von wegen finster
Historikerin räumt mit Mythen über das Mittelalter auf
Verfemtes Mittelalter: »Finster« war diese Epoche angeblich, Frauen galten nur als rechtlose Anhängsel der Männer, es soll die Zeit der Hexenverbrennungen und der Prüderie gewesen sein. Immer mehr wird jedoch deutlich, dass die Jahre zwischen 500 und 1500 in Europa alles andere als dunkel waren. »Alles Mythos!« sagt etwa die Berlinerin Historikerin Karin Schneider-Ferber. In ihrem neuen Buch entlarvt sie »20 populäre Irrtümer« über das Mittelalter.
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 Bei näherem Blick entpuppt sich das Mittelalter als überraschend reinlich, erstaunlich gleichberechtigt und wenig prüde: Badestube auf einer mittelalterlichen Buchmalerei (Illustration zu Valerius Maximus, Factorum et dictorum memorabilium libri IX.).
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Wer sich aus historischen Quellen ein Bild davon macht, welchen Vergnügungen die Menschen im 15. Jahrhundert in öffentlichen Badestuben nachgingen, der ist von modernen FKK-Anlagen nicht mehr weit entfernt. Ein überraschter Italiener notierte bei einem Schweiz-Besuch: »Nicht selten trägt es sich zu, dass ein Mann einem nackten Frauenzimmer, das Frauenzimmer einer nackten Mannesperson begegnet.« In größeren Badehäusern konnte man neben den Bassins oder Zubern manchmal auch Betten finden, wo es die Wellness-Gäste nicht bei Blickkontakten beließen.
»Hübschlerinnen« für den Klerus
Die Prostitution war im Mittelalter keineswegs so stigmatisiert, wie sich das viele moderne Menschen vorstellen. Die Dirnen einer Stadt, »Hübschlerinnen« genannt, hatten bei Festen und Empfängen öffentliche Auftritte. Während des kirchlichen Konzils von Konstanz (1414-1418) zählte die Stadt am Bodensee 1500 Prostituierte, die selbstverständlich auch dem Klerus dienten.
Die Journalistin und Historikerin Karin Schneider-Ferber ist nicht die einzige, die gegen falsche Bilder übers Mittelalter kämpft. Der Geschichtsprofessor Johannes Fried (Frankfurt am Main) hat beispielsweise immer wieder darauf hingewiesen, dass die Menschen im Mittelalter überzeugt waren, dass die Erde rund sei - und keine Scheibe. Auch die Entstehung und die erste Blüte der europäischen Universitäten geht auf diese Epoche zurück.
Der Historiker und Romanist Reinhard Krüger (Stuttgart) sagte der Süddeutschen Zeitung, das schlechte Image des Mittelalters sei auf Schriften der Neuzeit zurückzuführen, in denen die vorangegangene Epoche abfällig bewertet worden sei. »Man wollte die eigene Überlegenheit gegenüber der Vergangenheit präsentieren«, urteilt Krüger.
Auch Schneider-Ferbers Buch will die Festungen der Vorurteile schleifen, von denen das Mittelalter umgeben ist. Die mittelalterlichen Klöster seien besser gewesen als ihr Ruf, und die Kirche habe Europa weitaus mehr geboten als Rückwärtsgewandtheit und Unterdrückung. Auch Hexenverbrennungen habe es im Mittelalter nur wenige gegeben, schreibt die Autorin.
Richtig sei zwar, dass die Angst vor Hexen in dieser Periode ausgeformt wurde. Mit dem berüchtigten »Hexenhammer« erschien 1487 ein entsprechendes Handbuch. Tatsächlich sei der traurige Höhepunkt der Hexenverfolgung aber erst zwischen 1580 und 1650 gewesen, analysiert Schneider-Ferber.
Ähnlich die Entwicklung bei den Frauenrechten: In Städten wie Köln habe es erfolgreiche Geschäfts-Frauen gegeben, die als Garn- oder Seidenmacherinnen, Gold- oder Seidenspinnerinnen Karriere machten. Zum Ausgang des Mittelalters jedoch ging den Handwerkerinnen ihre Eigenständigkeit verloren. »Ordentlicher Weise darf keine Weibsperson ein Handwerk treiben, ob sie es gleich so gut als eine Mannsperson verstünde«, heißt es in einer Abhandlung über das Handwerksrecht 1688 - da war das Mittelalter längst vorbei. | BUCHTIPP
Karin Schneider-Ferber: »Alles Mythos! 20 populäre Irrtümer über das Mittelalter.« 256 Seiten, 16,90 Euro. Verlag Theiss, Stuttgart, 2009. ISBN 978-3-8062-2237-1
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