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Dieser Artikel: Ausgabe 41/2009 vom 11.10.2009
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Kontrapunktischer Cocktail

Der Orgel-Literaturkanon (46): »Fantasia Cromatica« von Sweelinck


Wollte man die Entwicklung der Orgelmusik als Komponisten-Stammbaum darstellen, so müsste die wichtigste Wurzelranke seinen Namen tragen: Jan Pieterszoon Sweelinck (1562-1621). Kaum ein großer Musiker seiner Zeit versäumte es, dem Amsterdamer Meister seine Aufwartung zu machen.

Dieser Stich, gefertigt von W. Steelink nach einem Gemälde des Historisten Taco Scheltema, zeigt Jan Pieterszoon Sweelinck an der Orgel - oder vielleicht auch jemand anderen.
Foto: Archiv
   Dieser Stich, gefertigt von W. Steelink nach einem Gemälde des Historisten Taco Scheltema, zeigt Jan Pieterszoon Sweelinck an der Orgel - oder vielleicht auch jemand anderen.

        

So groß war der Einfluss des Organisten an der »Oude Kerk« auf die (nord-)deutsche Musikwelt, dass man ihn zu Lebzeiten auch den »deutschen Organistenmacher« nannte. Die Entwicklung der norddeutschen Orgelschule, die über viele große Namen zu Buxtehude und weiter zu Bach führt und einen unvergleichlichen Höhepunkt des Genres markiert, geht von ihm aus.

Dabei waren die Voraussetzungen für derlei Ruhm nicht eben die besten. Sweelinck war ein ausgesprochen provinzieller Musiker: Die weitesten Reisen, die er von Amsterdam jemals unternahm, führten ihn, wenn überhaupt, nach Rotterdam, Antwerpen oder Deventer. Die wichtigsten musikalischen Strömungen seiner Zeit konnte er offenbar trotzdem aufnehmen.

Und dann die konfessionellen Wirren: Sweelinck hatte im zarten Alter von 15 Jahren eben erst das Organistenamt an der »Oude Kerk« von seinem verstorbenen Vater übernommen, da schloss sich die Stadt dem Calvinismus an. Liturgische Orgelmusik war jetzt nicht mehr gefragt, ja es stand sogar in Zweifel, ob die Orgel im reformierten Gottesdienst überhaupt einen Platz habe.

Zu Sweelincks Glück obsiegte der Pragmatismus der Amsterdamer Kaufleute über theologische Bedenken: Immerhin hatte man erst gewaltige Summen in die schon damals prächtigen Instrumente investiert, dann wollte man sie auch hören lassen. Der Organist wurde Angestellter der Stadt und bekam die Verpflichtung, vor allem vor und nach den Gottesdiensten, überhaupt zu festgelegten Zeiten täglich Orgel zu spielen. Sweelinck wurde in dieser Situation nolens, volens zu einem Ökumeniker: In katholischer Tradition erzogen, musste er für ein reformiertes Gemeinwesen musizieren und erhielt zahlreiche Impulse aus seiner norddeutsch-lutherischen Schülerschaft. In seinen Werken finden sich Gregorianik, Psalmengesang und Lutherlieder einträchtig beisammen.

Wie seinerzeit üblich, war auch Sweelinck in erster Linie ein Improvisator. Seine erhaltenen Kompositionen für Tasteninstrumente, bei denen eine Zuordnung zur Orgel oder zum Cembalo oft nicht eindeutig möglich ist, lassen sich in drei Gruppen unterteilen: Variationswerke über Choräle oder Volkslieder, Toccaten und schließlich Fantasien, wobei man diese Gattung im ausgehenden 16. Jahrhundert zu den Vorläufern der Fuge zählen muss, ohne schon deren Stringenz zu besitzen.

Das berühmteste Beispiel für Sweelincks Kunst ist die »Fantasia Cromatica«, in der sich auf engstem Raum alle kontrapunktischen Finessen ihrer Zeit wiederfinden. Der erste Teil des Stückes wird fast ausschließlich aus dem markanten, fünftaktigen chromatischen Hauptthema und einem etwas kürzeren Nebenthema bestritten. Dann aber montiert Sweelinck nach einem höchst durchdachten Bauplan weitere Nebenthemen hinein, er bringt das gut erkennbare chromatische Thema in halber (»Vergrößerung«) oder doppelter (»Verkleinerung«) Geschwindigkeit, gegen Ende sogar in zweifacher Verkleinerung - aus den ursprünglichen halben Noten werden jetzt Achtel!

Da der akademisch-kontrapunktische Cocktail aber gut gewürzt ist mit vielen neuen Einfällen, unverhofften melodischen Wendungen oder rhythmischen Überraschungen, bleibt er bis zum Schluss ausgesprochen gut genießbar.

Der Orgelliteraturkanon

Der Orgelliteraturkanon

Nach Komponisten, Jahrhundert oder Organist durchsuchen: Alle Folgen des Orgelliteraturkanons finden Sie » hier.

 

 

AN DER ORGEL

Alexander Serr, Kantor in Gunzenhausen
Foto: Sauerbeck
   Alexander Serr, Kantor in Gunzenhausen

»Schon zu der Zeit, als ich noch als Gymnasiast in Kitzingen Orgelunterricht erhielt, und dann später im Studium geisterte immer wieder der Name eines Musikers durch den Raum, von dem alle ehrfürchtig sprachen, aber von dem man kaum einen Ton zu hören bekam: Jan Pieterszoon Sweelinck. Mir war nicht nachvollziehbar, wieso dieser Mann ein Meilenstein in der Musikgeschichte sein sollte.

Als ich die Kirchenmusikerstelle in Gunzenhausen antrat, fand ich mehrere Bände dieses Meisters vor. Ich probierte das erste Stück, die Fantasia Cromatica. Die kontrapunktische Meisterschaft faszinierte mich, ich war verblüfft von der Virtuosität, die alles in den Schatten stellte, was ich bisher von den alten Meistern kannte.

Mich begeistert diese lebendige, ja leidenschaftliche Musik und wie der Komponist unter Verzicht auf Effekthascherei nur mit rein musikalischen Mitteln geradezu dramatische Wirkungen erzielt. Orgelmusik dieser Größe gab es nach Sweelinck einhundert Jahre lang, bis zum Auftreten von Bach, meines Erachtens nicht mehr.«

  Alexander Serr, Kantor in Gunzenhausen, spielt die »Fantasia Cromatica« von Jan Pieterszoon Sweelinck am Sonntag, 11. Oktober, im Gottesdienst um 9.30 Uhr. Die Jann-Orgel von 2007 hat 47 Register auf drei Manualen und Pedal.

 

Thomas Greif

 


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abgerufen 08.02.2012 - 10:53 Uhr

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