Der Lausbub und die Blindenschrift
Der Augsburger Albert Riepl ist blinder Vorleser im Seniorenzentrum - Tag des weißen Stockes am 15. Oktober
Jeden Mittwoch pünktlich um 14.30 Uhr verlässt Albert Riepl seine Wohnung im vierten Stock eines Augsburger Miethauses. In der einen Hand eine abgeschabte Büchertasche, tastet er sich mit seinem weißen Blindenstock vier Straßenecken bis zum Altenheim. Und dann liest er den Bewohnern einer Pflegewohngruppe vor - zum Beispiel die Lausbubengeschichten von Ludwig Thoma.
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Olschewski
 Albert Riepl ist blind und liest leidenschaftlich gerne vor. In einem Seniorenzentrum in Augsburg wird er jeden Mittwoch erwartet.
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»Miezi, miezi! Eugen hast du Miezchen nicht gesehen?« Der alte Mann mit dem schlohweißen Haar hebt seine Stimme und schlüpft in die Rolle der »Frau Geheimrat«. Dann antwortet er mit tiefem Bass als Ehemann: »Vüloicht, ich woiß es nücht.« Albert Riepl sitzt inmitten der Bewohner einer Pflegewohngruppe in einem Augsburger Seniorenzentrum und liest für sie »Lausbubengeschichten« von Ludwig Thoma.
Für das Buch hat er sich mühsam Platz schaffen müssen auf dem Kaffeetisch, so groß ist es. Die vergilbten Seiten zeigen dem Laien nur gestanzte erhobene Punkte. Albert Riepls Finger streichen über die Blindenschrift, manchmal hält er inne, greift ein paar Zentimeter zurück, aber seine Worte kommen ohne Stocken aus seinem Mund.
»Albert Riepl ist mein Vorzeige-Ehrenamtlicher«, freut sich Ute Conrad vom Christian-Dierig-Seniorenzentrum, wenn sie den 84-Jährigen sieht.
Jeden Mittwoch pünktlich um 14.30 Uhr verlässt der seine Wohnung im vierten Stock eines Miethauses. In der einen Hand eine abgeschabte Büchertasche, tastet er sich mit seinem weißen Stock vier Straßenecken bis zum Altenheim. »Das Alleingehen lass ich mir nicht nehmen«, erklärt Riepl, der sehr gut zu Fuß ist. Bis vor einem Jahr konnte er noch Hand in Hand mit seiner Frau durch die Stadt gehen. Doch sie ist im Dezember gestorben. 60 Jahre waren sie verheiratet.
Im damals niederbayerischen Riedenburg ist Albert Riepl als eines von fünf überlebenden Kindern einer Landwirtsfamilie geboren. Auch zwei seiner Schwestern sind wie er blind auf die Welt gekommen. Mit sieben Jahren darf Albert Riepl auf die Blindenschule nach Nürnberg gehen.
Im Alter von 16 oder 17 Jahren, erinnert er sich, sei er eine Zeit lang depressiv gewesen. »Was hast du für eine Zukunft, du bist erbkrank«, habe er sich eingeredet, »aber Selbstmitleid ist ein schlimmer Feind, der tut nur weh.« Selten habe er so mit seinem Schicksal gehadert. »Darüber kann man sauer sein, dass einem das der liebe Gott auferlegt hat, aber diese schlechte Stimmung hält bei mir nie lange an.« Zwei Söhne haben Albert Riepl und seine Frau später bekommen - beide sehen. »Gott sei Dank«, sagt er, dass seine Enkel und inzwischen ein Urenkel auch nicht blind seien.
Eine Ausbildung als »Kaufmännischer Korrespondent« schließt Riepl als junger Mann ab. In diesem Beruf arbeitet er beinahe sein ganzes Berufsleben in Nürnberg und Augsburg. Nur nach dem Krieg, so berichtet er, hat er bei einer Firma in Neusäß Matratzen mit Seegras gefüllt, eine Arbeit für die man damals speziell blinde Arbeitskräfte gesucht hat.
Er erzählt, dass er gerne eine weiterführende Schule besucht hätte. »Vielleicht wäre ich ein Lehrer geworden?« Mathematik hätte ihn nicht interessiert, eher die Sprachen. Aber er habe sich nicht getraut, das von den Eltern zu verlangen.
Einen anderen Traum hat er sich erfüllt. Trotz seiner Behinderung ist Riepl in München einige Male auf der Volkssänger-Bühne gestanden: »Mehr statische Rollen habe ich gehabt mit viel Text«. Wenn man den älteren Herrn hört, wie er im Seniorenzentrum mit verschiedenen Stimmen das Personal der Lausbubengeschichten zum Leben erweckt, überrascht dieses Detail aus Riepls Leben nicht.
Ein Vorstellungsgespräch bei einem Theater habe ihn einmal beinahe das Leben gekostet, erzählt Riepl. Aus einer Telefonzelle kommend habe er am Bahnhof die falsche Richtung erwischt und sei ins Gleis gefallen. »Ich habe geflucht wie ein Metzgersgeselle«, blickt er humorvoll zurück. Einer seiner Leitsprüche ist, »was man nicht ändern kann, das muss man nehmen wie es ist.« Ein anderer: »Man muss auf die anderen zugehen«. Selten habe er schlechte Erfahrungen gemacht, wenn er Menschen um Hilfe gebeten hat.
Wo er mit anpacken kann, hilft er. Er trägt im Stadtviertel die Pfarrbriefe aus, macht Krankenbesuche in der Diakoniestation und im Klinikum. »Es bringt ja nichts, zu Hause rumzusitzen, da rostet man ja ein.«
Nur zum Blindenbund, wo er einmal sogar zweiter Ortsvorsitzender war, geht er nicht mehr hin. Dort hätten die Leute über 5.50 Euro Monatsbeitrag gejammert. Das ärgerte ihn. »Dabei haben wir Blinden es doch heute sehr gut«, meint er. Jeder Blinde würde schließlich vom Staat 518 Euro zusätzlich Rente erhalten.
Im Seniorenzentrum klappt Riepl das Buch zu: »Huandsbuam sind's schon g'wesen«, schmunzelt er über den jungen Ludwig Thoma. Und man sieht ihm an, dass er diese derben bayerischen Geschichten liebt. Er hat sogar selbst einige Gedichte in Mundart verfasst, die er noch zum Abschied den Senioren vorträgt. Dann nimmt er seinen abgenutzten weißen Stock, jongliert zwischen den Rollstühlen und Pflegebetten zum Fahrtstuhl und verabschiedet sich bis zum nächsten Mittwoch. |