ZEITZEICHEN
Anarchisten haben es schwer. Nicht nur, weil sie sich einen Beruf ausgesucht haben, der zumeist nur von einer Minderheit offen unterstützt wird und dem eine gewisse Selbstgefährdung innewohnt.
Der griechische Dramatiker Euripides beschrieb vor 2500 Jahren die Anarchie als »Seeleute ohne Leiter« - was wohl nicht nur im klassischen Altertum Schlimmes befürchten ließ. Gleichwohl schrieb Euripides nicht nur Tragödien, sondern auch Satyrspiele, die - der Herkunft des Begriffs nach - so etwas wie die Urväter der heutigen Satire waren.
Irgendwo in seiner Evolution hat sich der Anarchismus mit dem Pfad der Satire gekreuzt. Und sie haben ja etwas gemeinsam: Sie werden von den Mächtigen gefürchtet, von Intellektuellen geliebt, von der Menge bestenfalls ignoriert.
Dabei schmückt sich ein Redner, gleich auf welchem Parkett, gern mit einem Zitat von Karl Kraus oder Erich Kästner. Oder von Kurt Tucholsky, der zur Finanzkrise von 1930 den bösen und bis heute wahren Reim dichtete: »Der Gewinn, der bleibt privat, die Verluste kauft der Staat.«
Altmeister Tucholsky war es auch, der das zwiespältige Verhältnis der Deutschen zum Humor auf den Punkt brachte: »Wenn einer bei uns einen guten politischen Witz macht, dann sitzt halb Deutschland auf dem Sofa und nimmt übel.« Als 1979 das Satiremagazin »Titanic« gegründet wurde, war der Satz so zeitlos wie bei seinem Erstdruck im Berliner Tageblatt 1919.
Nun sind die Anarcho-Matrosen auf ihrem Satiredampfer schon seit drei Jahrzehnten unterwegs zwischen Klippen und Untiefen deutscher Befindlichkeit, schreckten vor keiner Grenzüberschreitung zurück und haben bis heute allen Stürmen getrotzt. Möge die »Titanic« auch künftig immer eine Handbreit Wasser unter ihrem Kiel haben und die Eisberge des deutschen Humors auf ihre Stabilität testen. Ahoi! |