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Dieser Artikel: Ausgabe 41/2009 vom 11.10.2009
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Wege aus dem Seelentief

Depression in der Bibel: Wie der Prophet Elia aus der Wüste zu neuem Leben kommt

Von Barbara Hauck

Die Bibel ist ein zutiefst menschliches Buch: Sie kennt Niedergeschlagenheit, tiefe Erschöpfung und Depression und schildert sie in eindrucksvollen Worten. Barbara Hauck zeigt anhand der Geschichte des Propheten Elia, wie einer aus der Seelenwüste wieder herausfindet - zu einem neuen Leben.

»Die Speisung des Elias durch den Engel«, nach 1. Könige 19,7-8, Francesco Maggiotto, um 1790, Venedig, S. Giovanni in Bragora.
Foto: akg
   »Die Speisung des Elias durch den Engel«, nach 1. Könige 19,7-8, Francesco Maggiotto, um 1790, Venedig, S. Giovanni in Bragora.

        

Er kann nicht mehr. Er will nicht mehr. Klar: Dass man mal durchhängt nach anstrengenden Arbeitswochen, das kennt er. Diesmal aber ist es anders. Diesmal, so spürt er, wird er nicht mehr aufstehen. Der Körper ist Blei. Der Kopf ist Blei. Die Gedanken sind Blei. Was soll das alles noch: sich abrackern, Erfolg haben, der dann doch nicht anerkannt wird.

Noch vor einem halben Jahr hätte er weitergekämpft. Hätte es allen gezeigt. Nun triumphieren die anderen. Sie haben ihn geschafft. Er ist fertig. Er spürt es selbst. Es hat ja doch keinen Sinn mehr…

VOM PROPHETEN ELIA ist die Rede. Man kann seine Geschichte, die im 1. Buch der Könige erzählt wird (1. Könige 19, 17-19), lesen als Ringen um die Aufgabe eines Propheten oder als Teil der uralten Geschichte Israels mit seinem Gott. Man kann sie aber auch lesen als die Geschichte eines depressiven Menschen. Elia wünschte sich zu sterben und sprach: »Es ist genug, so nimm nun, Herr, meine Seele; ich bin nicht besser als meine Väter.«

»Depression hat zu tun mit Überforderung, und Überforderung führt zu Erschöpfung«, schreibt der Schweizer Psychotherapeut Josef Giger-Bühler. In seinem Buch »Endlich frei. Wege aus der Depression« betont er, wie häufig solche Überforderung daher rührt, dass man es besser machen will oder machen soll als die Eltern oder Großeltern. Die Bibel ist ein zutiefst menschliches Buch, sie kennt Niedergeschlagenheit, tiefe Erschöpfung, Depression, und sie schildert das in eindrucksvollen Worten.

Nicht nur das Schicksal des Elia, nicht nur die Geschichte des Königs Saul, der sich wünscht, dass der Hirtenjunge David sein verdüstertes Gemüt durch Musik aufhellt, lassen etwas ahnen von den vielen Gesichtern der Depression, die die Bibel bereithält. Die Psalmen, das Gebetbuch der jüdischen Frommen, lesen sich, als hätte einer die Klagen depressiver Menschen wörtlich mitgeschrieben:

Ich bin ein Wurm und kein Mensch ( Ps 22, 7)

Ich bin hingeschüttet wie Wasser ( Ps 22, 15)

Ich versinke in tiefem Schlamm, wo kein Grund ist, ich bin in tiefe Wasser geraten, und die Flut will mich ersäufen. Ich habe mich müde geschrien, mein Hals ist heiser, meine Augen sind trübe geworden ( Ps 69, 3-4)

Ich bin fremd geworden meinen Kindern und unbekannt den Kindern meiner Mutter ( Ps 69, 9)

Mancher, der heute in seiner Depression mit dunklen Gedanken zu kämpfen hat, staunt, dass all das bereits in den Psalmen ausgesprochen ist. Und es wird nicht einfach ausgesprochen und aufgezählt. Da werden die Gedanken hin- und hergewälzt, wird nach Gründen gesucht, warum sich die Seele so verdunkelt hat. Bin ich selbst schuld daran, dass es mir so schlecht geht, sind es Feinde, die mir Böses wollen, oder hat sich Gott selbst abgewendet?

Wer drinsteckt, kann nicht glauben, dass es einmal enden wird

»So nimm nun, Herr, meine Seele«: Der Prophet Elias, Daniele da Volterra, um 1560, Rom, Sammlung Pannocchieschi d'Elci.
Foto: sob
   »So nimm nun, Herr, meine Seele«: Der Prophet Elias, Daniele da Volterra, um 1560, Rom, Sammlung Pannocchieschi d'Elci.

        

Das Grübeln kann qualvoll sein, aber in der Art und Weise, wie die Beter der Psalmen darüber nachdenken, steckt auch etwas Befreiendes. »Mein Auge ist trübe geworden vor Gram und matt, weil meiner Bedränger so viele sind. Weicht von mir, alle Übeltäter, denn der Herr hört mein Weinen; … es sollen alle meine Feinde zuschanden werden und sehr erschrecken…« (Psalm 6,8-11)

Da nimmt einer seine eigenen Gefühle ernst. Diese Gefühle sagen ihm, was er lange Zeit nicht wahrhaben wollte: dass er mit Feinden zu kämpfen hat. Die Aggressivität, mit der er die Feinde verwünscht, lässt etwas ahnen von der Kraft, die darin stecken kann, sich selber und anderen einzugestehen: Ja, da sind andere Menschen, die mir Böses wollen, und ich will nicht, dass das ungestraft einfach so durchgeht.

Es geht nicht darum, anderen bewusst Böses zuzufügen. Wohl aber geht es darum, das quälende Kreisen um sich selbst zu durchbrechen und zu erkennen: Nicht ich bin an allem schuld. Es gibt in meiner Geschichte Menschen, die meiner Seele geschadet haben, bewusst oder unbewusst, und deretwegen ich mich nun herumplagen muss mit einer Lebenslast, die schwer zu tragen ist. Der Mut, so etwas zu sagen, kann ein Schritt sein, sich mit der eigenen Depression und ihren Ursachen auseinanderzusetzen.

Die Geschichte des Propheten Elia lässt noch andere Schritte erkennen. Sie gibt Hinweise und Anregungen, wie einer den schweren Weg der Depression durchstehen kann. Vierzig Tage und vierzig Nächte, so erzählt die Bibel, ist Elia allein in der Wüste unterwegs. Vierzig - das heißt zunächst: Dieser Weg hat einen Anfang, und er wird ein Ende haben. Die Tage sind gezählt. Sie werden sich nicht ins Unendliche dehnen. Vierzig ist aber auch eine heilige Zahl. Sie weist darauf hin, dass sich etwas Besonderes ereignen kann in dieser Zeit, etwas Besonderes auch zwischen einem Menschen und seinem Gott.

»Und siehe, ein Engel rührte ihn an«: Speisung des Elias, Lorenzo Gramiccia, 1769, Venedig.
Foto: sob
   »Und siehe, ein Engel rührte ihn an«: Speisung des Elias, Lorenzo Gramiccia, 1769, Venedig.

Freilich: Eine Depression und den langen Weg, den einer zu gehen hat, soll man nicht schönreden. Wer drinsteckt, der kann nicht mehr glauben, dass es einmal enden wird - und er spürt schon gar nicht, dass es eine besondere Zeit sein kann, die er da durchmacht. In der Rückschau merkt einer manchmal, dass es eine Reifezeit war, dass hinterher etwas anders ist als vorher, dass die Zeit nicht einfach vergeudet und verloren war. Aber erst mal geht es einfach ums Durchkommen, ums Überleben.

Eine im wahrsten Sinn des Wortes anrührende Szene wird geschildert: »Und siehe, ein Engel rührte ihn an und sprach zu ihm: Steh auf und iss! Und er sah sich um, und siehe, zu seinen Häupten lag ein geröstetes Brot und ein Krug mit Wasser. Und als er gegessen und getrunken hatte, legte er sich wieder schlafen. Und der Engel des Herrn kam zum zweiten Mal wieder und rührte ihn an und sprach: Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir. Und er stand auf und aß und trank…«

Elia geht weiter, Schritt für Schritt durch die Wüste

Es sind die einfachsten Dinge, die elementarsten, die einer braucht für den weiten Weg durch die Depression. Dazu kann gehören, dass er sich eingesteht: Alleine schaff ich es nicht. Ich brauche Hilfe. Ich brauche jemanden, der mich von außen anrührt und mir zeigt, was jetzt zum Weiterleben nötig ist.

Für Elia ist es ein geröstetes Brot und ein Krug mit Wasser. Essen und Trinken, mehr nicht. Das ist genug. Es ist auch Arbeit genug für einen, der sonst gar nichts mehr tun kann: wenigstens einen Bissen Brot essen, wenigstens einen Schluck trinken. Vielleicht kann er nicht mal Danke sagen, aber essen und trinken, das geht gerade noch. Gut, dass Engel keinen Dank brauchen.

Er geht weiter, Schritt für Schritt durch die Wüste, allein, kaum sichtbar für Außenstehende. Für Angehörige ist das oft schwer zu ertragen, diese Langsamkeit. Wer spürt schon von außen, wie anstrengend jede Bewegung ist, wenn sich einer einsam durch die Lebenswüste schleppt.

Wer mit depressiven Menschen zu tun hat, muss aushalten, dass er nur von außen diesen Menschen berühren kann. Er kann ihn nicht verändern und verwandeln. Wer mit depressiven Menschen zu tun hat, muss sich darauf einstellen, dass er das Lebenswichtige ständig wiederholen muss. Der Engel weist zweimal hin auf Brot und Wasser. Auch Gott sagt zu Elia immer wieder das Gleiche. Mit großer Geduld lockt er ihn aus der Höhle, in die Elia sich verkrochen hat.

Doch zunächst scheint es, als wäre Gott nicht mehr da. Zumindest nicht so, wie Elia ihn erwartet - im Feuer, im Sturm, im lauten Brausen: »Und ein großer, starker Wind, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, kam vor dem Herrn her; der Herr aber war nicht im Winde. Nach dem Wind aber kam ein Erdbeben; aber der Herr war nicht im Erdbeben. Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer; aber der Herr war nicht im Feuer.«

So fremd einem diese archaischen Gotteserfahrungen hier scheinen mögen, so ist das etwas, was viele Menschen aus ihrer Depression erzählen und was sie erschüttert: Gott ist nicht mehr da zu finden, wo sie ihn suchen. Er redet nicht mehr so zu ihnen wie früher. Es scheint, als hätte er sein Gesicht verborgen.

Das, was einer vor der Depression einmal geglaubt hat, das ist nicht mehr zugänglich. Die Seele kann nicht mehr antworten auf Gottesbilder, die einem womöglich als Kind lieb und wichtig waren. Es ist, als wäre sie nicht mehr empfänglich für die lauten und selbstgewissen Tonarten des Glaubens. Jetzt braucht sie das Leise: »Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen. Als das Elia hörte, verhüllte er sein Antlitz mit seinem Mantel und ging hinaus und trat in den Eingang der Höhle. Und siehe, da kam eine Stimme zu ihm und sprach: Was hast du hier zu tun, Elia?« Gott redet zu Elia so, wie der es in seiner Depression gerade noch ertragen kann, mit der »Stimme eines kümmerlichen, kleinen, schwachen Schweigens«. So lässt sich das »stille, sanfte Sausen« auch übersetzen. Und leise stellt er ihm die entscheidende Frage: »Was suchst du hier, Elia?«

Die Frage beantworten zu können bedeutet: zu wissen, warum man hier ist und was man hier will. Die Frage beantworten zu können heißt: dem eigenen Leben, dort, wo es einen - auch auf einem langen Weg durch die Depression - hingeführt hat, wieder einen Sinn zu geben. Manchmal ist das, aus dem Rückblick gesehen, der tiefste Sinn einer Depression: dass einer an dem Ort, an den ihn sein Weg geführt hat, diese Frage hört und sie ernst nimmt und beantwortet, für sich und mit allen Konsequenzen.

DEPRESSION

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ZUR PERSON

Elia

Elia war ein biblischer Prophet, der in der Zeit der Könige Ahab und Ahasja im zweiten Viertel des 9. Jh.s v. Chr. im Nordreich Israel wirkte. Sein Name bedeutet »Mein Gott ist der Herr«.

Im Neuen Testament wird er als Vorbereiter des Messias angesehen. Im Christentum gilt Johannes der Täufer als wiedergekehrter Elia. Jesus von Nazareth nimmt darauf Bezug in Mt 17,11-13 und Mt 11,13-15.

Jesus bezieht sich außerdem auf das Wirken des alttestamentlichen Propheten (vgl. Lk 4,25-27). Einige von Jesu Wundertaten entsprachen denen des Vorgängers Elija (Totenerweckung, Lk 7,11-17; Joh 11,32-44).

 

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abgerufen 12.03.2010 - 05:21 Uhr

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