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Dieser Artikel: Ausgabe 40/2009 vom 04.10.2009
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Genie zu entdecken

Der Orgel-Literaturkanon (45): »Nun danket alle Gott« von Sigfrid Karg-Elert


Das »verkannte Genie« ist ein Topos in der Kunst. Es ist auch zu allen Zeiten schwer gewesen, kulturelles Schaffen richtig einzuordnen: Denn Genie und Wahnsinn sind enge Nachbarn. Das verkannte Genie der deutschen Orgelmusik ist zweifelsohne Sigfrid Karg-Elert (1877-1933).

Bis heute verkannt: Sigfrid Karg-Elert, in Leben und Schaffen ein Außenseiter im deutschen Musikbetrieb des frühen 20. Jahrhunderts.
Foto: Karg-Elert-Gesellschaft
   Bis heute verkannt: Sigfrid Karg-Elert, in Leben und Schaffen ein Außenseiter im deutschen Musikbetrieb des frühen 20. Jahrhunderts.

Es gibt mehrere Erklärungsansätze für dieses Phänomen. Den Komponisten selbst, der aus Oberndorf am Neckar stammte und es bis zum Lehrer am Leipziger Landeskonservatorium brachte, trifft Schuld: Er hatte die seltsame Eigenart, zu Lebzeiten gezielt Unwahrheiten über sich selbst zu verbreiten, die bis heute die Auseinandersetzung mit ihm erschweren, wie selbst die 1984 gegründete »Karg-Elert-Gesellschaft« beklagt. Seine Notenverleger verärgerte er durch Unzuverlässigkeit, seine wohlmeinenden Freunde durch Selbstüberschätzung - bestes Beispiel ist das vollkommene Fiasko einer Konzertreise in die USA anno 1932, in deren Rahmen der Komponist Karg-Elert unglücklicherweise als wenig begnadeter Organist dilettierte.

Vor allem aber passte der Nonkonformist Karg-Elert in überhaupt keine der musikalischen Strömungen, die nach dem Ersten Weltkrieg Deutschland beherrschten: Den Orgelbewegten war er zu romantisch, den Neutönern zu traditionell, und denen, die nur noch »deutsche« Musik gelten ließen (und das wurden immer mehr), war er entschieden zu kosmopolitisch.

Der Musikologe Herbert Wess nennt ihn einen »Januskopf, zurückschauend zu Bach und Palestrina, zugleich aber vorwärts blickend zu den futuristischen Linksradikalen Debussy, Skrjabin und Schönberg, ein gotischer Mystiker und expressionistischer Revolutionär«. Sein Haupt-Instrument, das Kunstharmonium, stand in der belächelten Ecke des Musikbetriebs.

Wie bei Mendelssohn wirkte noch zusätzlich das Gift, das der braune Kulturbetrieb in Deutschland auch gegen den vermeintlichen Juden Karg-Elert verspritzte, lange nach. Eines seiner Hauptwerke, die monumentale Orgelsinfonie in fis-Moll, wurde erst 1984 als Manuskript in einem Verlagsarchiv entdeckt und ein Jahr später uraufgeführt.

Doch welch ein Kosmos an Ideen, Farbenreichtum und Kompositionskraft tut sich bei einem Blick in das Werk dieses skurillen Außenseiters auf! Karg-Elert malte für die Orgel »Kathedralenfenster« oder Landschafts-Stimmungen vom Bodensee (»Mondhofspiegelung auf dem See«), er schuf Riesenwerke wie eine Passacaglia und Fuge über B-A-C-H oder »Symphonische Choräle«, ganz zu schweigen von seiner schier unendlichen Zahl an Harmonium-Werken, die sich meist auch auf der Orgel gut darstellen lassen.

Als Karg-Elerts Hauptwerk für die Orgel kann man seine 66 Choral-Improvisationen op. 65 ansehen, die er ab 1908 in sechs Bänden publizierte - eine wahre Fundgrube an Klängen und Bearbeitungstechniken. In England, wo er immer wesentlich größere Beliebtheit erfuhr als in Deutschland, hieß es nach Erscheinen der Sammlung: »Als Regers Choralvorspiele erschienen, zogen wir den Hut, aber als Karg-Elerts Choral-Improvisationen erschienen, warfen wir ihn vor Freude in die Höhe!«

Eine der 66 Bearbeitungen ist das mit Abstand bekannteste Orgelwerk des Komponisten: Ein kurzer »Marche triomphale« über den Choral »Nun danket alle Gott«. Der Choral wird darin, anders als bei Reger, nicht wörtlich zitiert, ist aber gewissermaßen immer zu erspüren. »Alla Rigaudon« stellte sich Karg-Elert das Werk vor, wie einen lustigen Tanz. Es sind dies nur viel gespielte fünf Minuten aus einem vielstündigen Gesamtwerk, das noch entdeckt werden will.

Der Orgelliteraturkanon

Der Orgelliteraturkanon

Nach Komponisten, Jahrhundert oder Organist durchsuchen: Alle Folgen des Orgelliteraturkanons finden Sie » hier.

 

 

AN DER ORGEL

Christian Heidecker, Kantor an St. Stephan in Würzburg
Foto: privat
   Christian Heidecker, Kantor an St. Stephan in Würzburg

»Beim Aufschlagen der Noten steigert bereits der Untertitel die freudige Erwartungs- haltung des Organisten: Marche triomphale! Ein Triumph- marsch also über eines der schönsten Lieder (EG 321), die wir in unserem Gesangbuch finden. Die fast drollige Spielanweisung 'pomposo e con brio' und das dreifache forte schon im ersten Takt lassen uns zu den Registerzügen greifen.

Die vollgriffigen G-Dur-Akkorde im Manual stellen feierlich die ersten Töne des Chorals in die Kirche, das Pedal antwortet düster-erhaben; es entwickelt sich eine frei fantasierende Choralbearbeitung allerschönster deutscher Orgelromantik. Im etwas verhalteneren Mittelteil nehmen Chromatik und Ernsthaftigkeit zu, wir durchschreiten düstere Gefilde in e-Moll und h-Moll, bis uns ein Orgelpunkt wieder zurück zum strahlenden Anfang bringt: 'Lob, Ehr und Preis sei Gott!'

Im Gesangbuch steht unter dem Choral ein Ausspruch des Kirchenvaters Augustinus: Die Seele nährt sich von dem, woran sie sich freut. 'Wie passend!', denkt sich der beglückte Organist.«

  Christian Heidecker, Kantor an St. Stephan in Würzburg, spielt »Marche triomphale« über »Nun danket alle Gott« von Sigfrid Karg-Elert am Sonntag, 4. Oktober, im Gottesdienst um 10 Uhr. Die Weigle-Orgel von 1982 hat 35 Register auf zwei Manualen und Pedal.

 

Thomas Greif

 


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abgerufen 20.06.2013 - 02:59 Uhr

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