Versuchter Mentalitätswandel
In Kassel fand die erste Zukunftswerkstatt der Evangelischen Kirche in Deutschland statt
Der scheidende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hat seine Kirche auf den Weg eines Reformprozesses gebracht. Markiert die Kasseler Zukunftswerkstatt den Schritt vom Papier zur Tat?
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 Der Bundespräsident auf der kirchlichen Zukunftswerkstatt.
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Herzlich willkommen in Kassel« stand auf der Informationstafel vor dem ICE-Bahnhof Wilhelmshöhe. Helfer hatten an der Straßenbahnhaltestelle einen Altar aufgestellt, ein schlichtes Holzkreuz stand darauf, ein Posaunenchor blies Choräle. Und der Direktor der Berliner Stadtmission, Pfarrer Hans-Georg Filker, feierte mit den Passanten eine Andacht. Der Vorplatz des Kasseler Fernbahnhofs war einer von 28 Orten, an denen die 1200 Teilnehmer der ersten Zukunftswerkstatt der Evangelischen Kirche in Deutschland, die just vor der Bundestagswahl dreitägig in der Dokumenta-Stadt stattfand, mit Gottes Wort in ihren Arbeitstag starteten. »Andachten anders« lautete das Motto dieser Aktion.
Damit war ein wichtiges Thema der im Rahmen des 2006 begonnenen Reformprozesses »Kirche der Freiheit« stattfindenden Tagung gesetzt: Es war die Frage, wie das Evangelium im 21. Jahrhundert an die Menschen weitergegeben werden soll. In einem Vortrag, den viele Besucher zugleich als eine Art kirchenpolitisches Vermächtnis wahrnahmen, forderte der EKD-Ratsvorsitzende, Bischof Wolfgang Huber, einen Mentalitätswandel in der evangelischen Kirche ein. »Wir sind durch eine Phase des Traditionsabbruchs gegangen, der sich auf die Vertrautheit mit dem christlichen Glauben und die Bindung an unsere Kirche negativ auswirkt«, sagte Huber. Aufgabe einer Volkskirche sei es aber, die Botschaft »von der freien Gnade Gottes« an »alles Volk auszurichten«.
Scharfe Kritik übte Huber an der Selbstbezogenheit von Teilen des Protestantismus. »Wir sind im eigenen Milieu gefangen«, sagte der EKD-Ratsvorsitzende. Berührungsängste sorgten dafür, dass der Kirche der Zugang zu überlasteten Müttern ebenso schwerfalle wie zu Hartz-IV-Empfängern. Schließlich trügen Teile der Kirche Züge eines Lebens auf Pump: »Wir fordern die Kräfte von beruflich wie ehrenamtlich Mitarbeitenden bis zum Äußersten, ohne nach Notwendigkeit und Sinn der geforderten Aktivitäten zu fragen.« Falsch sei auch die »Verwohnzimmerung« des Protestantismus: »Es steht uns nicht offen, uns nur um die zu kümmern, die schon da sind.«
Vielen Zuhörern musste der EKD-Ratsvorsitzende das indes nicht mehr sagen. Denn die Zukunftswerkstatt in Kassel war vor allem ein Treffen derer, die ohnehin schon an der Zukunft der evangelischen Kirche arbeiten. Ein Treffen einer protestantischen Elite. EKD-Synodale und Kirchenfunktionäre, aber auch zahlreiche Engagierte aus den rund 100 »Projekten guter Praxis«, die im Foyer der Kongresshallte Infostände hatten, bildeten die 1200 Teilnehmer. In Seminaren und Foren diskutierten sie den Umgang mit Ehrenamtlichen, die Qualitätsbewertung von Gottesdiensten oder die Nachwuchsgewinnung in der Kirche. Vor allem aber nutzten sie die Möglichkeit, Netze zu schmieden.
»Wir haben uns natürlich mit den anderen Jugendkirchen ausgetauscht, die sich hier präsentieren«, sagte etwa Pfarrer Tobias Fritsche von der Nürnberger Jugendkirche LUX. »Aber wir hatten auch viele Besucher am Stand, mit denen wir intensive Gespräche geführt haben.« Und der Anhaltische Kirchenpräsident Joachim Liebig sagte in Kassel, sein Eindruck von der Zukunftswerkstatt sei, dass es sich dabei um den »tatsächlichen Versuch, selbstreflexiv das kirchliche Handeln zu betrachten« handle. »Dass die Presbyterin aus Burscheid und der Oberkirchenrat aus Karlsruhe nach Kassel kommen, um hier über die Wege ihrer Kirche zu sprechen, ist nicht selbstverständlich«, sagte die Präses der EKD-Synode, Katrin Göring-Eckardt. »Es ist eine gute Sache, dass wir hier voneinander lernen.«
Doch aus Gemeinden, in denen akuter Verbesserungsbedarf besteht, war niemand bei der Zukunftswerkstatt dabei. Und auch von Teilnehmern der Zukunftswerkstatt waren kritische Töne zu hören. So warnte etwa die Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentags, Ellen Ueberschär, vor einer missionarischen Überforderung der evangelischen Kirche. »Was ich hier gehört habe, war keine Kultur der Wertschätzung«, sagte Ueberschär. »Es wird denen, die unter dieser Mega-Herausforderung Mission stehen, bescheinigt: Ihr lebt in euren selbst gebauten Gefängnissen, seid milieuverengt, geistlich furchtsam und lebt auf Pump - und dann kommt der Rat der EKD und sagt: Seid gelassen.«
Nachdenklich äußerte sich auch die hannoversche Bischöfin Margot Käßmann. Als Hunderte Menschen mit brennenden Kerzen vor dem Kongresszentrum ein Nachtgebet feierten, erinnerte sie dran, dass Jesus nie »eine Elitetruppe rekrutiert« habe. Seine Jünger hätten Fehler gehabt, und die ersten Gemeinden seien voller Streit gewesen. »Aber wir gehen in diese Nacht mit dem Vertrauen, dass wir an unserem Ort, an dem wir gestellt sind, wirken können«, sagte die Bischöfin, die gerade wegen dieser dem offiziellen Kurs der EKD eher entgegenlaufenden Nachdenklichkeit von vielen Teilnehmern der Werkstatt bereits als kommende Ratsvorsitzende der EKD gesehen wurde.
Auch der Abschlusstag der Zukunftswerkstatt begann mit vorsichtigen Worten: »Es kann nicht von oben geregelt werden, was der Fall sein soll«, sagte der Hamburger Theologieprofessor Fulbert Steffensky in einem Vortrag über die Schönheit des Protestantismus. Protestantismus gebe es immer nur im Plural der Protestantismen. »Die Gottesdienste im lutherischen Hamburg sehen anders aus als die der Reformierten in Emden«, sagte Steffenski. Einförmigkeit sei nie ein Ideal. »Der Protestantismus kennt ja nicht ein Depot von Wahrheiten, das von Kirchenleitungen verwaltet und von ihnen verkündet wird«, sagte Steffensky. »Sie wird gefunden im Dialog, manchmal auch im Streit unter den Geschwistern.«
Dann zogen die Teilnehmer der Kasseler Innenstadt durch die Stadt. Mit hohem Symbolgehalt hatten die Veranstalter der Zukunftswerkstatt eine Prozession an das Ende der Veranstaltung gesetzt, einen gemeinsamen Aufbruch der Protestanten. Und auch Bundespräsident Horst Köhler marschierte mit. Schließlich war es am Initiator des EKD-Reformprozesses, Huber also, mit einem Appell zum Widerstand gegen den Zeitgeist und zum Aufbruch in die von Reformen geprägte Reformationsdekade den Zukunftskongress inhaltlich zu beenden. »Wir Christen stehen für eine klare Botschaft im wechselnden Strom des Zeitgeistes«, so Huber. Schon Sören Kierkegaard habe gesagt: »Wer sich mit dem Zeitgeist verheiratet, findet sich bald als Witwer vor.«
Neun sogenannte »Zukunftssätze« gab der Bischof den Protestanten mit auf ihren Weg. Die Zukunft wird zeigen, was Deutschlands Protestanten aus dem Reformprozess des scheidenden Ratsvorsitzenden Wolfgang Huber machen werden. | ZUKUNFTSWERKSTATT
Aufbruch mit Hindernissen. »Die Zukunft in der Werkstatt« - Der EKD-Zukunftskongress. Kommentar von Benjamin Lassiwe. » lesen!
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