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Dieser Artikel: Ausgabe 39/2009 vom 27.09.2009
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Verbeugung vor dem Barock

Der Orgel-Literaturkanon (44): »Mitten wir im Leben sind« von Ernst Pepping


Die reformatorische Verankerung des Gemeindeliedes im Gottesdienst gab der evangelischen Kirchenmusik über Jahrhunderte prägende Impulse. Auch im Schaffen von Ernst Pepping (1901-1981) spielt der Choral eine zentrale Rolle.

Ernst Pepping gilt als wichtigster Erneuerer der deutschen evangelischen Kirchenmusik im 20. Jahrhundert.
Foto: Pepping-Gesellschaft
   Ernst Pepping gilt als wichtigster Erneuerer der deutschen evangelischen Kirchenmusik im 20. Jahrhundert.

Pepping gehörte wie Hugo Distler oder Johann Nepomuk David zu jener Generation von Musikern, die sich bewusst von der als schwülstig und überladen empfundenen Romantik distanzierten und stattdessen barocke Formen und Satzmodelle aufgriffen. Im Orgelbau fand diese Tendenz in der sogenannten »Orgelbewegung« ihre Entsprechung, obwohl man Komponisten wie Pepping nicht einfach der heute durchaus kritisch bewerteten Orgelbewegung unterjubeln kann.

Anders als etwa sein Zeitgenosse Paul Hindemith fühlte sich Pepping liturgischen Formen und Bedürfnissen stets bevorzugt verpflichtet, auch wenn er, vor allem in späteren Jahren, auch viele weltliche Werke schrieb. Von 1934 bis 1947 stand er als Lehrer für Harmonielehre, Partiturspiel und Kontrapunkt an der Evangelischen Kirchenmusikschule in Berlin-Spandau in kirchlichen Diensten, bevor er eine Kompositionsprofessur an der Musikhochschule antrat. Das »Spandauer Chorbuch«, das er ab 1934 komponierte, nahm auf das Leistungsvermögen der Kirchenchöre Rücksicht und war weit verbreitet.

Sein Nachruhm gründet wesentlich auf seinen Orgelwerken, während beispielsweise Peppings Sinfonien zu den Exoten im Konzertleben gehören. Die Toccata und Fuge über den Choral »Mitten wir im Leben sind« (EG 518) aus dem Jahr 1941 hat der berühmte Organist Karl Hochreither »eine der bedeutendsten Kompositionen der Orgelmusik im 20. Jahrhundert überhaupt« genannt. Das Werk ist durch zwei typische Elemente seiner Epoche bestimmt: den Rückgriff auf eine traditionsreiche Melodie, die Luther aus der mittelalterlichen Antiphon »media vita in morte sumus« gewonnen hatte, und die Anknüpfung an eine urbarocke Form, die Toccata und Fuge. Der Notensatz sieht denn auch ziemlich barock aus, ohne so zu klingen.

Die Toccata beginnt mit einigen Anspielungen auf die Melodie, die dann, portioniert in die einzelnen Verszeilen und in wechselnden Stimmlagen, einmal vollständig zu Gehör kommt. Die musikalische Umsetzung trägt Züge einer Choralfantasie: So meint man beim ersten Choraleinsatz (»Mitten wir im Leben sind / mit dem Tod umfangen«) einen makabren Totentanz zu hören, während die Zeile »Uns reuet unsre Missetat« in ein »espressivo« gekleidet ist. Die Bitte »Lass uns nicht versinken / in des bittren Todes Not« wird von wogenden Sechzehntelgirlanden umspielt.

Die Fuge lässt den Zuhörer nach den Turbulenzen der Toccata zur Ruhe kommen. Während die Toccata vor allem von markanten rhythmischen Elementen geprägt ist, lebt sie ganz von der Melodie. Pepping verknüpft dort gegen Ende das mit allerlei kontrapunktischen Raffinessen verarbeitete Fugenthema mit Teilen des Chorales. Ein beachtlicher Wurf, vor allem wenn man bedenkt, was der Komponist vier Jahre vor Fertigstellung des Werkes schrieb: »Ich habe meine völlige Unfähigkeit erkannt, im Moment etwas für die Orgel zu schreiben. Ich hasse dieses Instrument, und es ist mir unfassbar, wie man Orgelmusik verfertigen kann.«

Der Orgelliteraturkanon

Der Orgelliteraturkanon

Nach Komponisten, Jahrhundert oder Organist durchsuchen: Alle Folgen des Orgelliteraturkanons finden Sie » hier.

 

 

AN DER ORGEL

Ulrich Knörr, Kantor an der Jakobskirche in Rothenburg
Foto: Sauerbeck
   Ulrich Knörr, Kantor an der Jakobskirche in Rothenburg

»Als junger Orgelschüler lernte ich auch die Chor- und Orgelmusik aus der Zeit der kirchen- musikalischen Erneuerungs- bewegung Anfang des 20. Jahrhunderts kennen und schätzen. Vor allem der reiche Schatz an Choralmusiken für Orgel von Komponisten wie Hugo Distler, Ernst Pepping, Hans Friedrich Micheelsen und anderer Meister, die sich für diese »evangelische« Musikgattung einsetzten, hat mich zur näheren Beschäftigung angelockt.

Besonders beeindruckt war ich vom ersten Hören an von Ernst Peppings Toccata und Fuge über »Mitten wir im Leben sind«: In einer Art Totentanz-Toccata komponiert Pepping am Text dieses Liedes (EG 518) entlang, was mich als Hörer wie auch später als Spieler immer wieder angerührt hat. Auch in der streng gestalteten Fuge blitzt immer wieder die Erinnerung an den Text von 1456 durch. Der Kompositionsstil Ernst Peppings integriert die mittelalterliche Melodie so, dass sich keinerlei Brüche ergeben. Das Werk steht für mich von seiner Bedeutung her in der Nähe der Choralfantasien von Max Reger.«

  Ulrich Knörr, Kantor an der Jakobskirche in Rothenburg, spielt die Toccata und Fuge über »Mitten wir im Leben sind« von Ernst Pepping in einem Orgelkonzert am Samstag, 26. September, um 19 Uhr. Die Rieger-Orgel von 1968 hat 68 Register auf vier Manualen und Pedal.

 

Thomas Greif

 


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abgerufen 04.02.2012 - 06:49 Uhr

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