Sie warfen ihr Herz über die Mauer
Die einen flohen, die anderen resignierten: Im September 1989 war die DDR am Ende
Schicksalsjahr, Wende-Jahr 1989. Wenn wir die eigentliche politische Wende für Deutschland an einem bestimmten Zeitraum, ja an einem konkreten Tag festmachen wollen, dann war es der 11. September. Im Bild gesprochen: Das System steht wie ein Dampfkochtopf so unter Druck, dass das Ventil sich jetzt öffnen muss. Und was das Lebensgefühl der Menschen in der DDR betrifft, so offenbart sich nun eine folgenschwere Entscheidungssituation: Die einen sehen ihre Lebenschance nur noch im Westen. Die anderen bleiben, fassen Mut zum öffentlichen Protest - oder resignieren.
 Foto:
Fechter
 Das Ende der Trennung Deutschlands in zwei Teile war vor 20 Jahren absehbar. Die ersten Flüchtlinge, die in Bayern eintrafen, nahmen das Aus der DDR schon mal an ihrem Trabbi vorweg.
|
Es war der Tag, an dem Tausende Trabbis eine Art Wettfahrt von Budapest nach Deggendorf veranstalteten. Am Abend hatten mit einem Schlag 10.000 DDR-Bürger »rübergemacht« und waren in bayerischen »Auffanglagern«. Und es war der Tag, da drüben eine erste landesweite Oppostionsbewegung, das »Neue Forum« um die Malerin Bärbel Bohley und den Schriftsteller Jens Reich, ihren Gründungsaufruf veröffentlichte: »Die Zeit ist reif«.
Wie reif die Zeit war, zeigte sich am Abend des 11. September - es war ein Montag -, als in Leipzig vor der Nikolaikirche 70 Oppositionelle anlässlich der wöchentlichen Friedensandacht festgenommen wurden. Stasi-Leute und Volkspolizisten jagen rund zweitausend Demonstranten durch die Straßen der Altstadt. Andacht und Demo waren nahe beieinander.
Für uns »Wessis« fand ja bis dahin alles, was schließlich zur Wende führte, vor allem im Fernsehen und in der Zeitung im überregionalen Teil statt: Michail Gorbatschows friedliche Perestroika und die blutige »chinesische Lösung« am Platz des himmlischen Friedens, Fälschung der DDR-Kommunalwahlen und immer schlechter werdende Versorgungslage und wachsender Frust über politische Gängelung und Behördenwillkür. Eine unbestimmte, offiziell nie bestätigte, aber wohl riesige Zahl von bis zu 1,5 Millionen DDR-Bürgern hatte einen Ausreiseantrag gestellt (was mutig genug war, weil jeder Antragsteller fortan mit Repressalien zu tun hatte).
 Foto:
Fechter
 Am 11. September 1989: 10.000 fliehen über die »Grüne Grenze« und werden, wie hier in Vilshofen, in »Auffanglagern« empfangen, während es ...
|
Und so kam in diesem Spätsommer das eine zum anderen: Im reformfreudigen Ungarn hatte der bis dahin unüberwindliche Eiserne Vorhang Löcher bekommen. Bürger aus der DDR, die hier ihren Sommerurlaub machen, sehen plötzlich die Chance, über die sogenannte grüne Grenze nach Österreich und in den Westen zu kommen. In der bundesdeutschen Botschaft in Budapest, später auch in Prag sammeln sich immer mehr ausreisewillige DDR-Bürger. Im August veranstaltet die konservative »Paneuropa-Union« in Sopron in Westungarn ein »Paneuropäisches Picknick«, bei dem für ein paar Minuten die Grenze nach Österreich symbolisch unbewacht bleibt. Als das Tor tatsächlich geöffnet wird, ergreifen 668 DDR-Bürger die Gelegenheit beim Schopf: Die erste Massenflucht!
Die Grenze war, wie man sagte, »eine grüne Grenze« geworden. In den nächsten Tagen fliehen weitere 3.000 DDR-Bürger, nur mit einem Rucksack, nach Österreich. Und Zehntausende verharren, ihren Sommerurlaub auf Wochen streckend, weiterhin in Ungarn aus.
Und dann, in der Nacht zum 11. September, überschlägt sich die Entwicklung. Abends um 19 Uhr verkündet Ungarns Außenminister Gyula Horn in einer Live-Ansprache im ungarischen Radio: DDR-Bürger könnten ab Mitternacht unbehelligt ausreisen. Entgegen bestehender Verträge setzt die ungarische Regierung Bestimmungen des Reiseabkommens mit der DDR außer Kraft. Sie lasse sich bei ihrer Entscheidung »von den allgemein anerkannten internationalen Prinzipien der Menschenrechte« leiten. Als wir Wessis das eine Stunde später in der Tagesschau hören, sind die ersten Trabbis schon unterwegs.
 Foto:
epd-bild
 ... am Abend desselben Tages vor der Nikolaikirche zu Demonstrationen und Festnahmen kommt (unser Foto entstand eine Woche später).
|
Es haben insgesamt in diesen Tagen und Wochen 50.000 DDR-Bürger ihrer Heimat den Rücken gekehrt und sind irgendwie den neuen Weg über den Südosten nach dem Westen gegangen. In dieser Nacht allein 10.000! Es war die berühmte Abstimmung mit den Füßen oder eben auch mit dem Trabbi. Eine moderne Völkerwanderung. In Deggendorf, Passau, Vilshofen, Tiefenbach angekommen, überkleben sie demonstrativ ihr DDR-Autokennzeichen mit Klebestreifen.
Fünf Tage später sind sie auf dem Oktoberfest. Eine vordergründige Fröhlichkeit macht sich breit, hinter der sich nicht selten eine menschliche Katastrophe verbirgt: Sie hatten ihre Heimat, Verwandte, oft sogar Ehepartner zurückgelassen, nur um in den Westen zu kommen. Und indem sie ihr DDR-Schild von ihrem Auto abkratzten, tilgten sie einen Staat und stellten sich gegen ihre Biografie.
Man muss noch einmal einige Stationen dieses Um- und Aufbruchs in den Ländern, in denen der real existierende Sozialismus herrschte, Revue passieren lassen, um sich die historische Entscheidungssituation im September 1989 klarzumachen. Und wir müssen die mit entscheidende, ja die wesentliche Rolle würdigen, die Kirchen und Christen ausfüllten. Und zwar nicht als flüchtende, sondern im System der DDR ausharrende.
Bewegung im Schonraum Kirche
Fangen wir mit dem 7. Mai an. Am Tag der Kommunalwahlen in der DDR organisierten christliche Basisgruppen eine für die existierenden Verhältnisse ungewohnte, erstmalige »Wahlparty« in der Ost-Berliner Elisabethgemeinde und stellten noch am selben Abend, da im DDR-Fernsehen Wahlleiter Egon Krenz das typische und erwartete Ergebnis verkündete (98,85 Prozent für die »Nationale Front«), die Auszählung infrage. 400 eingeteilte Beobachter hatten in 200 Wahllokalen die Stimmauszählung verfolgt und trugen nun ihre vom amtlichen Endergebnis abweichenden Erkenntnisse ungeniert vor. Damit war erstmals öffentlich von Wahlfälschung die Rede.
Das war im Augenblick der Veröffentlichung ein ungeheuer mutiger Auftritt, im Rückblick gesehen war es das eigentliche Ende der Sprachlosigkeit in der DDR: Der Mut zur Gegenrede wuchs - trotz Verhaftungen, mit denen Demonstranten zu rechnen hatten. Der von christlichen Basisgruppen aufgedeckte Wahlbetrug war die moralische Niederlage der Herrschenden, die letztlich den Beginn der Massendemonstrationen und das politische Ende Erich Honeckers und seines Systems bedeutete.
Wie man es immer so schön ausdrückte: Die Basis nutzte den Schonraum, den die (Amts-) Kirche ihr bot. Das deutet freilich auch die Spannung an, die da die Christenheit im Gesamten betraf. Der Fall »Gienke« zeigte 1989 beispielhaft, welche inneren Zerreißproben die »Kirche im Sozialismus« bestehen musste. Der Greifswalder Bischof Gienke ließ seinen Dom mit Millionen aus DDR-staatlichen Mitteln renovieren und lud, gleichsam als Dank dafür, Staatschef Erich Honecker zur Einweihung ein.
 Foto:
Fechter
 Ist Arbeit schon Heimat? In Vilshofen setzte alsbald ein gewaltiger Stellenmarkt für die seinerzeit noch so geheißenen »DDR-Übersiedler« ein.
|
Der peinliche Eindruck einer Harmonie zwischen Staatsmacht und Kirche, die hier durch den Alleingang eines Bischofs und Würdenträgers propagiert wurde, kostete Gienke schließlich den Bischofsstuhl. Der »Aufstand von unten«, der das politische System der DDR umkrempelte, fand seinen Parallelfall in der Kirche, als die Greifswalder Synode ihrem Honecker-freundlichen Bischof das Vertrauen entzog.
Haben die Kirchen der DDR ihre Eigenständigkeit im Sozialismus also bewahrt, durchgehalten? Auch die Formel »Kirche im Sozialismus«, die lange Zeit das Selbstverständnis der DDR-Kirchen beschrieben hatte, wurde schließlich im Jahr der Wende vom Kirchenbund-Vorsitzenden Bischof Werner Leich als überholt abgetan. Ein neues Zauberwort machte in den DDR-Kirchen die Runde: der ökumenische »konziliare Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung«, der fast schon auf Weltebene Christen das Werkzeug in die Hand gab, sich zu sozialethischen Themen zu äußern.
Schon im April, noch vor jener Kommunalwahl, trafen sich in Dresden 150 Kirchenvertreter zur Ökumenischen Versammlung. Und erhoben im Rahmen dieses ökmenischen Gremiums Forderungen nach freien Wahlen, einem Ende der Bespitzelung und einer Demokratisierung der DDR. Die Ökumenische Versammlung war sozusagen die theoretische Grundlage für die friedliche Revolution im Herbst. Der einfach-überzeugende Titel des Arbeitspapiers: »Mehr Gerechtigkeit in der DDR«.
Dieser »konziliare Prozess« war, wie gesagt, international. Die Grenzüberschreitung wurde zu Pfingsten 1989 in Basel augenfällig, wo unter dem Stichwort »Friede in Gerechtigkeit« die erste ökumenische Versammlung auf europäischer Ebene stattfand, mit »Basisdelegierten« aus 70 Landern ganz Europas. In Basel feierten die Christen das beginnende Aufbrechen des Ost-West-Gegensatzes, und die gesamtdeutschen Christen erahnten die kommende »Wiedervereinigung«. Michail Gorbatschow hatte der Versammlung mit der Idee des »Europäischen Hauses« ein gutes Stichwort gegeben.
 Foto:
Fechter
 Zeltstadt für Tausende: Vilshofen in Niederbayern, etwa 8 Trabbi-Fahrstunden von Budapest.
|
Die Zeichen der Zeit wurden auch bei dem Leipziger regionalen Kirchentag im Juli deutlich, der eigentlich ein »frommer« werden sollte, aber doch zuletzt in einer kirchentypischen Weise politisch wurde: Während der Veranstaltung in Leipzig zeigte eine Teilnehmergruppe zwei Plakate, auf denen »Demokratie« und »Nie wieder Wahlbetrug« zu lesen war. Zivilbeamte des Staatssicherheitsdiensts versuchten daraufhin, die Anführer der Gruppe festzunehmen. Doch die Gruppe flüchtete sich, fast schon symbolisch, in die geöffnete Petrikirche - Schutzraum Kirche!
Die eigentliche Leistung der Kirche ist, dass sie in jener Wendezeit sich gerade nicht einigelte, sondern immer wieder Stimme denen gab, die sich selbst nicht äußern konnten. Synoden der Landeskirchen und des Kirchenbunds bemängelten immer wieder in Erklärungen, dass es in der DDR keine Öffentlichkeit gebe, in der Probleme ehrlich besprochen werden. Die Kirchenbundsynode bezeichnete eine neue Reiseverordnung als Rückschritt.
Die Mecklenburgische Synode wies auf die hohe Zahl Ausreisewilliger hin und forderte eine öffentliche Diskussion über die Ausreisegründe. Und jedes Mal gab es, auch wenn man in den Medien der DDR darüber nichts lesen konnte, wenigstens eine Meldung des epd (Evangelischen Pressediensts), der mit einem Korrespondenten in der DDR akkreditiert war, die dann wiederum in den kirchlichen Organen des Westens und gelegentlich auch des Ostens verbreitet wurde.
Die Kirche machte die um sich greifende Frustration und Resignation im DDR-Staat öffentlich. Beim (West-)Berliner evangelischen Kirchentag klagte der Ost-Berliner Bischof Gottfried Forck, dass die DDR ihre Bürger »wie unmündige Kinder« behandle. Der Wittenberger Pfarrer Friedrich Schorlemmer sprach vom gefährlichen »Selbstwertgefälle Ost/West«; viele Menschen in der DDR trügen schwerste seelische Verletzungen. Der Ost-Berliner Pfarrer Rainer Eppelmann sagte: »Die meisten DDR-Bürger haben ihr Herz über die Mauer geworfen.«
Das mag überzogen gewesen sein, aber die im Sommer immer mehr um sich greifende Fluchtwelle setzte der Gesellschaft in einer traumatischen Weise zu. Der gängige Spruch, dass »der Letzte das Licht ausmacht«, war allenfalls Galgenhumor. Christen setzten dem entgegen: »Bleibe im Land, und wehre dich täglich.« Und die DDR-Kirchenleitung schrieb an den Staats- und Parteichef in einem Brief, dass die Verweigerung längst überfälliger Reformen die Hauptursache der anhaltenden Fluchtwelle sei. Kirchenbundvorsitzender Leich: »Wir wollen, dass die Bürger in der DDR bleiben.« So war »Kirche im Sozialismus« bis zum Ende der DDR beides: kritisch-oppositionell. Und konstruktiv zum Wohle der Menschen. »Unsere Gesellschaft braucht jeden Menschen mit seinen Gaben und Fähigkeiten, sie verliert Viefalt, und unser Land wird immer ärmer. Jeder, der geht, lässt andere einsamer zurück.«
Vilshofen in Bayern, 11. September 1989: Es war die Stunde derer, die weggingen; die Stunde derer, die blieben, sollte erst noch kommen. |
Lesen Sie jede Woche auch das Sonntagsblatt-Titelthema, viele weitere interessante Artikel und Terminhinweise. Auch vor Ort immer gut informiert mit dem Sonntagsblatt: Sechs Regionalausgaben berichten über das, was an Ihrem Wohnort wichtig ist im evangelischen Bayern. Mit Gottesdienst-Anzeiger (München/Oberbayern, Nürnberg, Augsburg).
|
| |
|
 |