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Dieser Artikel: Ausgabe 35/2009 vom 30.08.2009
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Die Wiege des »Blauen Reiters«

Im Sommer vor 100 Jahren zogen Wassily Kandinsky und Gabriele Münter nach Murnau


In einem Landhaus im oberbayerischen Murnau wurde Anfang des 20. Jahrhunderts Kunstgeschichte geschrieben. Vor 100 Jahren - am 21. August 1909 - kaufte Gabriele Münter (1877-1962) in dem Ort am Staffelsee ein Haus, um dort mit ihrem einstigen Lehrer und damaligen Lebensgefährten, dem russischen Maler Wassily Kandinsky (1866-1944), die Sommermonate zu verbringen. 1914 trennten sich die Wege des Paares in den Wirren des Ersten Weltkriegs. Doch die sechs Jahre im »Münterhaus«, wie das Gebäude heute genannt wird, haben die abstrakte Malerei nachhaltig geprägt.

Einst Künstlerzirkel, heute Gedenkstätte: das idyllische Münterhaus im oberbayerischen Murnau...
Foto: wiki
   Einst Künstlerzirkel, heute Gedenkstätte: das idyllische Münterhaus im oberbayerischen Murnau...

Kandinsky habe in Murnau den Schritt vom »bloßen Abmalen der Natur hin zum Abstrakten« vollzogen, fasst Helmut Friedel, Direktor des Münchner Lenbachhauses, das zahlreiche Kandinsky-Werke beherbergt, die Murnauer Schaffenszeit des Malers knapp zusammen. In Murnau leitet der aus Moskau stammende Kandinsky damit seine Phase der heute weltberühmten »Improvisationen« und »Kompositionen«.

Auch Gabriele Münter gelingt in Murnau der künstlerische Richtungswechsel. »Ich habe da nach kurzer Zeit der Qual einen großen Sprung gemacht - vom Naturabmalen - mehr oder weniger impressionistisch - zum Fühlen eines Inhalts - zum Abstrahieren - zum Geben eines Extrakts«, sagt sie später über diese Zeit.

Das »Russenhaus«, wie die Murnauer das Landhaus damals ein wenig abschätzig nennen, richten sich Kandinsky und Münter entsprechend für ein Künstlerpaar ein. »Sie bemalen die Möbel nach schlichten Vorlagen und schmücken Wände und Tische mit religiöser Volkskunst und regionalem Kunsthandwerk« heißt es im Museumsführer »Das Münterhaus in Murnau«. Schnell findet das Paar Gefallen an bayerischen Traditionen und volkstümlicher Kunst. Sie entdecken die sogenannte Hinterglasmalerei für sich. Sonntags zieht Kandinsky gern mal Lederhosen an, um auch die Sympathien der Einheimischen zu gewinnen, so Friedel. Im bäuerlichen Murnau bleibe der Russe aber ein Fremder.

...das Gabriele Münter 1909 für sich und ihren Lebensgefährten Wassily Kandinsky gekauft hat.
Foto: wiki
   ...das Gabriele Münter 1909 für sich und ihren Lebensgefährten Wassily Kandinsky gekauft hat.

Durch Kandinskys Kontakte kommen immer mehr Künstler nach Murnau. 1909, noch vor dem Kauf des Münterhauses, gründet Kandinsky unter anderem mit Gabriele Münter, Alexej von Jawlensky (1865-1941) und Marianne von Werefkin (1860-1938) die expressionistische »Neue Künstlervereinigung München« (NKVM), die Kunstausstellungen organisiert und der später auch Franz Marc (1880-1916) beitritt.

Nach mehreren künstlerischen Differenzen kommt es 1911 dann zum Bruch Kandinskys mit der NKVM. Die Vereinigung lehnt seine fast vollständig abstrakte Komposition V für ihre dritte Ausstellung ab. Zu groß, so das fadenscheinige Urteil. Kandinsky, Münter und Marc treten aus der NKVM aus und organisieren im Dezember 1911 die Gegenausstellung »Erste Ausstellung der Redaktion 'Blauer Reiter'« mit Werken der Mitglieder sowie von Robert Delaunay, Elisabeth Epstein, Henri Rousseau und Albert Bloch. Später geht die Ausstellung auf Tournee und wird weltbekannt. Kurz zuvor haben Kandinsky und Marc bereits den viel beachteten Kunst-Almanach »Der Blaue Reiter« mit Hauptredaktionssitz Murnau herausgebracht.

Der Erste Weltkrieg zwingt Kandinsky 1914, Deutschland zu verlassen. Damit endet auch die Beziehung zu Gabriele Münter, die er 1916 zum letzten Mal in Stockholm sieht. Das Murnauer Landhaus verkauft Münter trotz der Trennung aber nicht. Ab 1914 vermietet sie es an Freunde, in den 1930er Jahren zieht sie wieder selbst dort ein. Ein Großteil des Frühwerks Kandinsky lagert sie über Jahrzehnte im Keller und übergibt es später der Stadt München.

Vor rund zehn Jahren wurde das Münterhaus komplett saniert und mithilfe zahlreicher Fotos wieder in den Zustand von 1914 versetzt. Seitdem ist das Münterhaus in der Kottmüllerallee als Ganzes für die Öffentlichkeit zugänglich. Es war der große Wunsch Münters, ihr Haus in eine Gedenkstätte zu verwandeln - in Erinnerung an ihre und an Kandinskys Kunst.

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Christiane Ried

 


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abgerufen 08.02.2012 - 23:27 Uhr

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