Lebendige Ehe - lebendig in der Ehe
Sonntagsblatt-Sprechstunde
Wie können Paare zu einem neuen Miteinander finden, wenn die Kinder aus dem Haus sind und Routine in die Ehe eingekehrt ist?
Mein Mann und ich sind schon fast 25 Jahre verheiratet. Vor einem Jahr hat unsere jüngste Tochter das Haus verlassen, die beiden älteren Kinder sind schon länger außer Haus.
Nun finden wir uns an einem Punkt wieder, wo wir sehr viel mehr Zeit als bisher füreinander haben, aber wir tun uns schwer, diese Zeit zu nutzen. Am leichtesten fallen uns noch gemeinsame Aktivitäten: Sport, Theater- und Kinobesuche usw. Viel schwerer fällt es uns, miteinander zu reden so wie das früher einmal war. Die letzten beiden Jahrzehnte waren so voller Anspannungen familiärer und beruflicher Art, dass wir kaum Zeit und Muße füreinander hatten. Dabei fürchte ich nicht, dass unsere Ehe auseinander gehen könnte. Dazu gibt es zu viel, was uns verbindet. Auch wenn ich manchmal die Fantasie habe, ich könnte aussteigen.
Meine Angst ist eher, dass wir zunehmend nebeneinander her leben könnten. Denn jeder von uns hat auch eigene Dinge, die ihm wichtig sind. Eine Freundin machte mich nun auf einen Ehepaarkreis aufmerksam, der sich in einer Nachbargemeinde trifft und von dem sie Gutes gehört habe.
Frau U.
Alle Ehen stehen vor einer Herausforderung, wenn die Kinder das Haus verlassen. Eine Lebensphase voller Anspannungen geht zu Ende, in der, genau wie Sie sagen, Zeit und Muße füreinander sehr begrenzt waren. Manche Ehepartner haben sich in diesen Jahren buchstäblich aus den Augen verloren. Dies höre ich von Ihnen nicht, trotz der Ausstiegsfantasien. Diese gehören zu jedem Menschen und jeder Beziehung und sind für sich genommen noch kein Alarmsignal.
In dieser neuen Lebensphase ist es leicht verheiratet zu bleiben, und es ist leicht, sich zu trennen. Aber es ist schwer, eine lebendige Ehe zu führen. Dazu sind ja zwei Erfahrungen nötig. Einmal die Freiheit und der Freiraum der beiden Partner. Dies scheint Ihnen gut zu gelingen. Zum anderen aber ist der gemeinsame Raum nötig, der nach außen geschützt und nach innen sinnvoll gestaltet werden will. Hier liegt wohl die Herausforderung Ihrer Ehe.
Der entscheidende Satz Ihres Briefes lautet für mich: Es fällt uns schwer, miteinander zu reden so wie das früher einmal war. Dazu drei kurze Überlegungen: 1. Miteinander reden kann man lernen. 2. Miteinander reden kann man verlernen. 3. Miteinander reden kann man wieder lernen. Und darum geht es.
Ein paar Gesprächsthemen, die Ihre Lust und Fantasie anregen wollen: Wie war das für dich und für mich, all die Jahre der Kindererziehung? Die Jahre des beruflichen Vorankommens? Worauf können wir mit Freude, mit Dankbarkeit zurückblicken? Wie haben wir uns verändert? Was wünschen wir uns heute voneinander? Wie wollen wir in den Abend unseres Lebens gehen?
Die Teilnahme an einem Ehepaarkreis kann eine hilfreiche Ergänzung sein, sie wird aber ihr Zwiegespräch nicht ersetzen. Ich würde einfach ein paar Abende auf Probe besuchen, mit aller Offenheit und Neugier, aber dann erst endgültig entscheiden. Die meisten Kreise heißen Gäste auf Zeit willkommen. | SONNTAGSBLATT - SPRECHSTUNDE
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