Sphärische Melancholie
Der Orgel-Literaturkanon (40): Ciacona in f-Moll von Johann Pachelbel
Mit einem einzigen Stück, dem »Kanon in D« für Kammerorchester, hat sich Johann Pachelbel (1653-1706) in die Herzen der Welt geschrieben. Außer diesem Top-Hit der E-Musik ist von dem Nürnberger Meister praktisch nur noch seine Orgelmusik in Gebrauch.
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Sauerbeck
 Johann Pachelbels prominentester Arbeitsplatz war die Sebalduskirche in seiner Geburtsstadt Nürnberg. Hier wirkte er als Organist von 1695 bis zu seinem Tod anno 1706.
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Mit einem einzigen Stück, dem »Kanon in D« für Kammerorchester, hat sich Johann Pachelbel (1653-1706) in die Herzen der Welt geschrieben. Außer diesem Top-Hit der E-Musik ist von dem Nürnberger Meister praktisch nur noch seine Orgelmusik in Gebrauch.
Pachelbel ist der beste Freund des Organisten. Seine Choralbearbeitungen, Fugen oder Chaconnen sind vergleichsweise leicht und klingen immer gut. Wer in höchster Not noch eben ein Vorspiel oder eine Musik »sub communione« aus dem Hut zaubern muss, ohne noch Zeit zum Üben zu haben, wird bei Pachelbel immer fündig.
Wer freilich daraus den Umkehrschluss zieht, man habe es hier mit seichter Allerweltsmusik zu tun, barocker Meterware an Organistenzwirn, der irrt. Vor allem seine Variationswerke sind von hohem Einfallsreichtum, Eleganz und Formschönheit, obwohl sie mit dem geringstmöglichen Einsatz an Noten auskommen. Auch der berühmte »Kanon« ist - genauer besehen - eine solche Variationsreihe, genauer: eine Art Ciacona, bei der über einen stets gleichen Bass in den Oberstimmen wechselnde musikalische Ideen entwickelt werden.
Auch unter Pachelbels Orgelwerken ist eines, das wie der »Kanon« durch eine sphärisch-melancholische Klangreinheit bezaubert, die jeden Zuhörer sofort unmittelbar anrührt: Die Ciacona in f-Moll, deren (Bass-)Thema und harmonisches Gerüst schlichter nicht sein könnte. Es besteht aus vier Takten mit jeweils nur einem Ton. Aneinandergereiht ergeben die Töne die erste Hälfte einer absteigenden Moll-Tonleiter: Das war´s. Damit man wirklich keine musikalische Entwicklung verpasst, wird jede Variation einmal echoartig wiederholt. Über weite Strecken lässt sich das Stück problemlos auch ohne Pedal spielen, was daran erinnert, dass der gleiche Komponist derartige Stücke auch für Clavichord oder Cembalo geschrieben hat. Die 24 Variationen gewinnen ihren Farbenreichtum nicht zuletzt durch kreative Registrierkunst, weshalb die Ciacona sich auch gut dazu eignet, die klangliche Bandbreite eines Instrumentes darzustellen.
Pachelbels Leben begann und endete in Nürnberg: Getauft wurde er in St. Lorenz, bestattet auf dem Rochusfriedhof, ein paar hundert Meter weiter westlich. Dazwischen stand ein mitunter unstet wirkender Standortwechsel: Er studierte in Altdorf, Regensburg und Wien, übernahm Organistenstellen in Eisenach, Erfurt, Stuttgart und Gotha, um schließlich 41-jährig des Amt des Nürnberger Sebaldusorganisten anzutreten. Der Berliner Musiktheoretiker Martin Heinrich Fuhrmann zählte ihn später zu den »drei unvergleichlichen Virtuosen, deren Geschlechts-Name ein B im Schilde führet, Buxtehuden, Bachelbeln und Bachen...«
In Wien hatte er die katholische Schule des Südens durchlaufen, in Thüringen machte er Bekanntschaft mit der nord- und mitteldeutschen Orgeltradition. »In dieser eigenschöpflichen Verbindung und Verschmelzung nördlicher und südlicher Stileigentümlichkeiten liegt die geschichtliche Größe Pachelbels mitbegründet«, schreibt der Musikwissenschaftler Franz Krautwurst. Eine bestimmte Form der Choralbearbeitung - nämlich die fugenartige Vorimitation der einzelnen Choralzeilen - trägt bis heute seinen Namen: die »Pachelbel-Form«. | |
Der Orgelliteraturkanon
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AN DER ORGEL
 Foto:
Sauerbeck
 Bernhard Buttmann, Kantor an der Nürnberger Sebalduskirche
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»Mit Pachelbel ging es mir so wie wahrscheinlich den meisten Organisten: Erstmals begegnete ich ihm schon auf den ersten Seiten meiner damaligen Orgelschule, dann vergaß ich ihn, um mich Bach zuzuwenden. Erst nach meinem Dienstantritt als Sebalduskantor habe ich meinen Amtsvorgänger Pachelbel für mich wieder entdeckt.
Die f-Moll-Ciacona halte ich für sein ausdrucksvollstes Orgelstück. Ich staune bis heute über die Schlichtheit und Kantabilität dieser Musik: Da trumpft nicht einer um seiner selbst willen auf, sondern schreibt Musik, die gewissermaßen in sich selbst ruht. Man nennt Pachelbel wegen der geringen technischen Schwierigkeiten der Stücke auch gern etwas abwertend den »Bach des kleinen Mannes«. Aber das ist ein törichtes Fehlurteil. Diese Musik ist unglaublich schön und kunstvoll.
Wir müssen in Nürnberg noch mehr als bisher mit dem Pfund »Pachelbel« wuchern. Mein Traum ist eine Pachelbel-Orgel als Ergänzung zu dem heutigen Instrument, die diese wunderbare Musik an seiner Wirkungsstätte so erklingen lässt, wie sich das Pachelbel vorstellte.«
Bernhard Buttmann, Kantor an der Nürnberger Sebalduskirche, spielt die Ciacona in f-Moll von Johann Pachelbel in der Mittagsmusik am Freitag, 4. September, um 12.15 Uhr. Die Peter-Orgel von 1975 hat einschließlich der Chororgel 82 Register auf vier Manualen und Pedal.
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