1989 als Motiv zur Politik
Bundeskanzlerin Angela Merkel im Gespräch mit der evangelischen Kirchenpresse
Kirche als Zufluchtsort, Mauerfall als ein »unglaubliches geschichtliches Glück«: In einem Gespräch mit der evangelischen Kirchenpresse lässt Kanzlerin Angela Merkel die Jahre um 1989 Revue passieren. Und definert ihren politischen Anspruch für heute aus dieser biografischen Besonderheit heraus: »Es ist eine tiefe Motivation für mich, Politik zu machen und so der Gesellschaft etwas zurückzugeben von diesem Schönen, das ich erlebt habe.«
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 »Unglaubliches geschichtliches Glück«: Angela Merkel über die Wende
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Frau Bundeskanzlerin, Ihr Elternhaus ist ein Pfarrhaus. Was bedeutet das für Sie?
Angela Merkel: Mein Vater hat eine Weiterbildungsinstitution der evangelischen Kirche in der damaligen DDR geleitet. Es war also kein klassisches Pfarrhaus, sondern auch immer verbunden mit theologischen Seminaren, und das war für uns als Familie natürlich immer sehr bereichernd. Es waren immer wieder neue Gäste im Hause, die oft auch bei uns gegessen und am Tisch mit uns diskutiert haben. So habe ich als Kind eine Lebenswelt erfahren, in der man zwischen Arbeit und Freizeit eigentlich wenig unterschieden hat, weil die Haustür letztlich immer offen stand. Es war eine Kindheit, die ich auch geistig als sehr bereichernd empfunden habe.
Ihr Vater im Talar - auch daran haben Sie Erinnerungen?
Angela Merkel: Das war für mich ein normaler Anblick. Der Talar war so etwas wie eine Berufskleidung am Sonntag. Ich fand das in Ordnung. Ich kann mich noch erinnern, dass das Beffchen immer gut gebügelt sein musste, was manchmal etwas Aufregung ins Haus brachte.
Wer hat Ihre religiösen Wurzeln gelegt?
Angela Merkel: Primär mein Vater, aber meine Mutter hat natürlich auch eine große Rolle dabei gehabt. Wir haben gemeinsam in der Familie zu Festtagen gesungen. Es gab das Tischgebet. Wir haben Lieder und Gebete gelernt und sind mit in die Kirche gegangen. Also für die religiösen Wurzeln und auch die Möglichkeit, Fragen zum Glauben zu stellen, waren bei uns die Voraussetzungen sehr gut.
Ihr Lieblingslied?
Angela Merkel: Ich singe sehr gern: »Geh aus mein Herz und suche Freud«. Aber ich mag auch die etwas schwereren Lieder wie: »Ein feste Burg ist unser Gott« sehr. Und ich singe die Weihnachtslieder sehr, sehr gerne und hier auch wieder die etwas getrageneren wie: »Es kommt ein Schiff, geladen« und die vielen Hirtenlieder, die alpenländische Adventsmusik.
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 »Angie, you can«: Greenpeace-Plakat in Berlin nimmt Anleihen beim US-Präsidenten Obama.
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Zur Gegenwart, 20 Jahre nach dem Fall der Mauer. Aus dem Kanzleramt hier kann man die Stelle sehen, wo sie einst stand. Kommt das Ihnen nicht wie ein Wunder, wie ein Geschenk vor?
Angela Merkel: Ja, natürlich. Das war niemandem von uns in die Wiege gelegt. Meine persönliche Lebensplanung sah bis zu diesem Tag vor, dass ich meine West-Reisen machen kann, wenn ich 60 Jahre alt geworden bin. Dass sich das ganz anders ergeben hat, ist natürlich ein unglaubliches geschichtliches Glück. Wenn ich hier im Kanzleramt bin und internationale Gäste empfange, dann kann ich von der Terrasse immer dorthin zeigen, wo ich früher jenseits der Mauer gewohnt habe, in meiner ersten Berliner Wohnung in der Marienstraße. Manchmal weiß ich nicht, ob ich die Gäste dann etwas langweile, wenn ich davon anfange und erzähle, dass man vor 20 Jahren nicht einfach von Ost nach West oder auch umgekehrt konnte. Wir sollten dieses glückliche Geschehen im Jahr 1989 nicht vergessen. Für mich ist dieser Glücksfall auch eine tiefe Motivation, Politik zu machen und so der Gesellschaft etwas zurückzugeben von diesem Schönen, das ich erlebt habe.
Denken wir zurück an die Friedensgebete und Demonstrationen mit dem Ruf: »Wir sind ein Volk!« Haben Sie damals geglaubt, die Mauer würde fallen?
Angela Merkel: Damit habe ich zu dem Zeitpunkt, ehrlich gesagt, nicht gerechnet. Als Ronald Reagan 1987 in Berlin gerufen hat: »Mr. Gorbatschow, tear down this wall!« (...reißen Sie diese Mauer ein), habe ich mich gefragt, was das zu bedeuten hat. Ist das nur ein Ritual? Oder sieht er vielleicht doch, dass sich etwas tut? Im Nachhinein kommt man zu der Annahme, dass es Anzeichen für die Brüchigkeit gab. Ich habe mir damals aber nicht vorstellen können, dass der Fall der Mauer etwa zwei Jahre später tatsächlich Wirklichkeit werden könnte.
Wie haben Sie in dieser Zeit damals die Kirche erlebt?
Angela Merkel: Die evangelische Kirche in der DDR war zuerst einmal Kirche. Dann aber war sie natürlich auch Zufluchtsort für politisch Andersdenkende. Sie hatte eine sehr hohe kulturelle Komponente, in der man Lebensfragen diskutieren konnte. Derartige Rückzugsräume waren schon etwas sehr Beruhigendes, in denen es auch Tipps über Literatur, Austausch und Anregungen gab. Nach der Wende war mancher Pfarrer wohl etwas betrübt, dass die Kirche aus der gesellschaftlichen Bedeutung etwas zurück gegangen ist, weil nun plötzlich jeder überall alles sagen konnte und man das Pfarrhaus, die Kirche dazu nicht mehr brauchte. Inzwischen hat sich das wohl eingespielt, und es hat auch sein Gutes, dass die Konzentration auf die Glaubensfragen wieder stärker ist.
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 »Da drüben war die Mauer.« Blick aus Angela Merkels Arbeitszimmer.
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Wo war Ihnen in Ihrer bisherigen politischen Amtszeit die Unterstützung der Kirchen besonders hilfreich?
Angela Merkel: Für unsere Meinungsbildung ist die Meinung der Kirchen in allen ethischen Fragen und Wertvorstellungen von sehr großer Bedeutung. Es gibt sehr verantwortungsvolle Stellungnahmen z.B. zur sozialen Marktwirtschaft, zu Fragen der Gerechtigkeit, zu Fragen der Freiheit und der individuellen Verantwortung. Stellungnahmen, die uns auch ein Stück Last abnehmen, denn man muss und kann nicht alles durch Gesetze regeln. Das Steuersystem z.B. lässt sich gesetzlich regeln, aber Menschen anzuregen, Verantwortung zu übernehmen, geht über politisches Handeln hinaus. Auch bei Fragen zu embryonalen Stammzellen und Embryonenschutz, Fragen zur Patientenverfügung und dem Lebensende wurden viele wichtige und anregende Gespräche geführt, auch kontrovers z.B. bei Asylrechtsfragen und dem Bleiberecht. Das waren und sind nicht immer einfache Gespräche, aber sie bringen uns voran. Die Kirchen haben sehr dezidierte Positionen und oft auch noch unterschiedliche, und dennoch möchte ich diesen Meinungsaustausch nicht missen.
Vom Kirchentag, der Sonnenseite des kirchlichen Lebens, sprachen wir. Nur, der Kirchenalltag sieht nicht immer so aus, besonders auch in den neuen Bundesländern, wo die atheistische Vergangenheit Spuren hinterlassen hat. Hätten Sie ein Missionsrezept?
Angela Merkel: Ich denke, man muss dem einzelnen Menschen entgegen gehen und die Türen sollten offen stehen. Gerade Erwachsenen, die sich beginnen für den christlichen Glauben zu interessieren und überlegen, sich taufen zu lassen, muss man die Scheu nehmen, wenn sie sich in der kirchlichen Terminologie nicht so auskennen, vielleicht noch nie gebetet haben oder die Bibel nicht kennen. Von meinem Vater weiß ich, dass dort junge Menschen, auch Eltern mit kleinen Kindern doch wieder den Weg zur Kirche und ihren Wertvorstellungen hin finden. Also offene Türen und ein offenes Herz. Ich sehe sehr klar, dass gerade auch bei jungen Menschen die grundsätzliche Sehnsucht nach Glauben und dem Geborgensein in einer kirchlichen Gemeinschaft vorhanden ist.
Was hat sich in den vergangenen 20 Jahren in Deutschland verändert?
Angela Merkel: Es hat sich Vieles getan zum Beispiel in den Familien, bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie und auch in der Teilhabe von Frauen. Die Bildungspolitik steht mittlerweile im Zentrum unserer Diskussionen. Und das Thema Integration und Zuwanderung hat einen ganz andere Bedeutung bekommen. Ich finde es sehr wichtig, dass wir als Staat auch die Diskussion mit den hier bei uns lebenden Muslimen begonnen haben. Es gibt auch einen Dialog zwischen den Kirchen und den anderen Religionen. Das unterstützt die Bemühungen des Staates z.B. bei der Islamkonferenz.
Und haben Sie sich auch selbst in den vergangenen 20 Jahren verändert?
Angela Merkel: Bestimmt. Ich habe sehr viele Erfahrungen und Erlebnisse gesammelt und habe gelernt, Wichtiges und Unwichtiges voneinander zu trennen. Mir ist in dieser Zeit allerdings auch immer wieder bewusst geworden, wie erleichternd es ist, dass ich meinen christlichen Glauben habe und evangelische Christin bin. Gottvertrauen zu haben, erleichtert manche politische Entscheidung erheblich.
Christen mahnen vor allem Gerechtigkeit in der Wirtschaft an, damit die Schere zwischen Arm und Reich nicht weiter auseinander geht. Wie wollen Sie das verhindern?
Angela Merkel: Solidarität mit den Schwachen in unserer Gesellschaft ist tatsächlich eine Kernfrage für unser Land. Dabei sollten wir natürlich bedenken: Gerecht verteilen können wir nur das, was wir auch vorher erarbeitet haben. Wir sind ein weltoffenes Land. Jeder kann sich in jedem europäischen Land niederlassen. Das heißt, wir müssen darum ringen, dass auf der einen Seite die Leistungsstarken motiviert sind, in ihrer Heimat Leistung zu vollbringen und auf der anderen Seite müssen wir darum ringen, dass die Verteilung dann auch gerecht ist und den Schwächeren geholfen wird.
Ein Schlüssel für die Teilhabe am Wohlstand, und somit auch für die Gerechtigkeit im Land, ist ganz sicherlich die Frage der Arbeitsplätze. Und hier gibt es einen ganz einfachen Zusammenhang: Wachstum schafft Arbeit. Die Politik muss also alles dafür tun, dass die Rahmenbedingunen für Wachstum und damit Arbeitsplätze richtig gesetzt werden. Deshalb brauchen wir auf der einen Seite Leistungsgerechtigkeit, das heißt: wer mehr leistet, muss auch sehen, dass das willkommen ist. Dann können wir auch den Anspruch erheben, dass die, die wirklich viel leisten können, auch ihren sozialen Anteil tragen.
Die internationale Finanzkrise, die durch Gier und Verantwortungslosigkeit entstanden ist, hat hier natürlich viele Menschen mit Recht sehr empört, und deshalb werde ich gerade bei den internationalen Verhandlungen alles daran setzen, dass sich eine solche Krise nie wiederholt.
Deutschland engagiert sich mit der Bundeswehr an vielen Brennpunkten der Welt. Wann sehen Sie ein Ende des Engagements in Afghanistan?
Angela Merkel: Es geht nicht so schnell wie gedacht, und es ist ein ohne Zweifel harter Einsatz, der trotzdem richtig ist, wenn wir ihn im sogenannten Konzept der vernetzten Sicherheit sehen, also militärische Sicherung und gleichzeitig ziviler Aufbau der Strukturen. Wir haben ein klares Ziel, das wir erreichen müssen: Afghanistan muss in der Lage sein, sich aus eigener Kraft zu verteidigen. Also polizeiliche und militärische Ausbildung stehen im Zentrum. Bis dahin werden wir für die Sicherheit Afghanistans eintreten müssen. Wir haben durch die Anschläge am 11. September, oder durch die Anschläge in Spanien und London erlebt, dass Staaten, die Freiraum sind für Ausbildungslager von Terroristen, eine potenzielle Gefährdung nicht nur dieses Landes darstellen, sondern bis Europa und Amerika reichen. Und das gilt es zu verhindern.
Frau Bundeskanzlerin, herzlichen Dank für das Gespräch.
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