Home Artikel-ID: 2009_28_23_01
Diese Woche - die aktuelle Ausgabe
Themen
E-Paper: Sonntagsblatt digital
Jetzt im Sonntagsblatt-Shop bestellen!
Archiv
Die Redaktion
Abo-Service
Das Sonntagsblatt-Blog
Anzeigen-Service
Leserreisen
Zeitvertreib
Leserbriefe
Impressum

    
Heute: 09.02.2010
Aktuelle Ausgabe: 06 vom 07.02.2010
Dieser Artikel: Ausgabe 28/2009 vom 12.07.2009
Alle Artikel der » Ausgabe 28/2009 im Archiv aufrufen.
  Druckversion


Die Missions-Show

Im türkischen Fernsehen bekommt das »Reality TV« eine neue, religiöse Dimension

Von Markus Springer

Was passiert, wenn man einen Imam, einen griechisch-orthodoxen Priester, einen Rabbi und einen tibetisch-buddhistischen Mönch auf zehn eingefleischte Atheisten loslässt? Was wie der Anfang zu einem Witz mit Kalauerverdacht klingt, ist demnächst Realität auf türkischen Fernsehschirmen.

Moderiert den »Wettbewerb der Reuigen«: Gülgün Feyman.
Foto: Kanal T / Montage: Halke
   Moderiert den »Wettbewerb der Reuigen«: Gülgün Feyman.

Tövbekarlar Yarisiyor heißt die neueste Stufe des »Reality TV«, das mit »realen« Menschen und »echten« Problemen auf Quotenjagd geht. Unter einem Titel, der auf Deutsch so viel wie »Wettstreit der Büßer« heißt, soll das neue Fernsehformat Anfang September auf dem türkischen Sender Kanal T starten.

Einmal die Woche werden dann vier Religionsvertreter jeweils zehn Kandidaten, allesamt bekennende Ungläubige, von den Vorzügen des Islams, respektive des Christentums, des Judentums oder des Buddhismus zu überzeugen versuchen. Wenigstens ein Skeptiker soll, so die Fernsehmacher, in jeder Folge bekehrt werden. Als Preis winkt den erfolgreich Bekehrten beim »Büßer-Wettstreit« eine Pilgerreise - nach Mekka für frisch gebackene Muslime oder nach Tibet, sollte einer sich für den Buddhismus entscheiden. Juden und Christen dürfen sich Jerusalem als Reiseziel teilen.

»Der größte Preis - der Glaube an Gott«

Ausgedacht hat sich das neue Format eine Frau namens Seyhan Soylu. Sie ist eine der prominentesten Transsexuellen im Land am Bosporus und allein durch ihre Biografie für konservative Türken - ob nun in ­religiöser oder in republikanisch-säkularer Färbung - eine Provokation.

Seyhan Soylu: Die heutige Fernsehmacherin ist eine der bekanntesten Transsexuellen in der Türkei.
Foto: milliyet.tr
   Seyhan Soylu: Die heutige Fernsehmacherin ist eine der bekanntesten Transsexuellen in der Türkei.

Die heutige Fernsehmacherin, Spitzname »Sisi«, wurde 1966 als Sohn eines türkischen Diplomaten und einer Lehrerin in Istanbul geboren. Aufgewachsen im national und säkular geprägten Milieu der Atatürk-Türkei, strebte sie zunächst eine Polizeikarriere an. Nachdem sie die Polizeiakademie mit Bravur absolviert hatte, wurde sie wegen ihrer angestrebten Geschlechtsumwandlung aus dem Staatsdienst entlassen. In den 90er-Jahren galt sie als türkische »Königin der Travestie«. In den vergangenen zehn Jahren fasste sie immer mehr in der türkischen Rundfunk- und Fernsehlandschaft Fuß; sie hat bereits einige Fernsehsendungen konzipiert.

Für den Vize-Direktor von Kanal T, Achmed Özdemir, ist das Ziel der Sendung: »Ungläubige zum Glauben an Gott zu bekehren«. Welche Religion es dann am Ende wird, das sei egal. Und die Türken - offiziellen Statistiken zufolge zu 99 Prozent Muslime - könnten durch die Sendung en passant mehr über andere Religionen erfahren.

Für die Sendung wirbt Kanal T derzeit mit Slogans wie »Hier geht es um den größten Preis überhaupt - den Glauben an Gott« oder »Glaube, tue Buße, Gott wird dir vergeben«. Der »Büßer-Wettbewerb« sei nichts weniger als »ein Geschenk an die Türkei«, behauptet man vollmundig.

Veröffentlichungsverbot, Mordanschlag: die Journalistin, Buchautorin und Produzentin Ayse Önal.
Foto: pa
   Veröffentlichungsverbot, Mordanschlag: die Journalistin, Buchautorin und Produzentin Ayse Önal.

Ein religiöses »Big Brother« mit einer Laborsituation im isolierten Container soll das Rennen der Religionen nicht werden; die Sendung soll ausschließlich im Studio stattfinden. Eine achtköpfige Jury aus Theologen und Produzenten durchleuchtet die Kandidaten daraufhin, ob es sich auch wirklich um »echte« Ungläubige und Agnostiker handelt. Man will dadurch Schummler verhindern, die heimlich schon eine Neigung zu einer bestimmten Religion entwickelt haben, um sich - Gott bewahre - die ausgelobte Pilgerfahrt zu erschleichen. Außerdem will der Sender den Weg bekehrter Büßer weiter begleiten und sicherstellen, dass diese ihren Gewinn nicht als schnöde Urlaubsreise zweckentfremden.

Buskampagnen für die »an Sicherheit grenzende Wahrscheinlichkeit, dass Gott nicht existiert«, wie sie zurzeit Atheismus-Aktivisten im christlichen Europa führen, sind in der Türkei undenkbar. Auch deshalb ist der umgekehrte Fall, dass also in der Sendung einer der Atheisten einen der Religionsvertreter von der Sinnlosigkeit seines Glaubens überzeugt, ganz einfach nicht vorgesehen im Programm.

Fest steht: Zwei Monate vor dem Sendestart hat der kleine Sender einen riesigen Marketing-Erfolg gelandet. Erst im Januar 2008 ist Kanal T auf Sendung gegangen. Vor der Kamera stehen fast ausschließlich Frauen. Moderieren soll den »Büßer-Wettbewerb« die in der Türkei bekannte Nachrichtenschönheit Gülgün Feyman. Ayse Önal, die Produzentin der Büßer-Sendung, ist auch in Deutschland bekannt: In ihrem im Oktober auf Deutsch erschienenen Buch »Warum tötet ihr?« hat die Journalistin und Menschenrechtsaktivistin das Phänomen der »Ehrenmorde« an türkischen Frauen analysiert und erschütterndes Dokument zerstörter Lebensläufe vorgelegt. In der Türkei war Önal, die heute abwechselnd in London und Istanbul lebt, jahrelang von einem Veröffentlichungsverbot belegt. Ein Attentat hat sie nur knapp überlebt.

»Absurd, riskant, unangemessen«

Billiger Effekt und Quote allein scheinen es also nicht zu sein, die die Macherinnen bei Kanal T umtreiben. Über mangelnde Bekanntheit auf dem für sein Niveau berüchtigten türkischen Fernsehmarkt muss sich der Sender aus dem traditionell weltoffenen Istanbul jedenfalls keine Gedanken mehr machen.

Die geplante Religions-Show hat weltweit Kopfschütteln, aber auch Interesse ausgelöst. Von zahlreichen Anfragen anderer Sender, die das Format übernehmen wollen, berichtet Seyhan Solyu. Aus Österreich habe sich der Privatsender ATV gemeldet. ATV hat sich in Sachen »Reality TV« seit 2005 mit einer Langzeit-Doku über das Privatleben von Opernballmäzen und Bauunternehmer Richard »Mörtel« Lugner hervorgetan - und diesen dabei unter anderem im Rahmen eines Fernseh-Wettbewerbs eine neue Lebenspartnerin suchen lassen.

Für die Soziologin Nilüfer Narli von der Istanbuler Bahçesehir Universität ist die geplante Sendung Ausdruck einer weitreichenden gesellschaftlichen Entwicklung in der Türkei: »Hier spiegelt sich das in den vergangenen zehn Jahren kontinuierlich gewachsene Interesse an der Religion«, sagt Narli. Zwar seien die Türken in wachsendem Maß auch an anderen Religionen interessiert. Dennoch sei sie nicht sicher, »was die Sendung der Türkei bringen wird.«

Das Urteil von Hakki Devrim, einem der profiliertesten Medien-Journalisten und Kommentatoren in der Türkei, fällt weniger moderat aus. Er hält die Sendung für »absurd« und für eine Beleidigung religiöser Gefühle. »Religion ist keine Wissenschaft und daher nicht diskutierbar«, sagt Dev-rim und gibt zu bedenken, dass der »Büßer-Wettbewerb« gerade den Atheisten eine Plattform für ihre Ansichten gebe. Gelinde gesagt sei das geplante Format »unangemessen« und die Ausstrahlung in der Türkei mit unnötigen Risiken verbunden.

Der Istanbuler Mufti Mustafa Çagrici stimmt Devrim nur teilweise zu: Religion lasse sich durchaus diskutieren, so der hochrangige Vertreter der türkischen Religionsbehörde, aber nicht in einem derartigen Fernsehformat. Çagrici befürchtet, die Sendung könne »Verwirrung in den Köpfen der Zuschauer« auslösen.

Ali Bardakçioglu, oberster Leiter der Religionsbehörde, stößt ins selbe Horn: »Diese Show macht unsere Religion verächtlich. Der Glaube ist kein Spielzeug.« Wie Çagrici weist Bardakçioglu darauf hin, dass die Religionsbehörde bei Fernsehauftritten muslimischer Theologen das letzte Wort habe und man - im Dienst des »öffentlichen Friedens« - keinen türkischen Imam für die Sendung zulassen werde.

Ersatzweise habe man daher, sagt Sendungsmacherin Seyhan Soylu, mit Mustafa al-Ouahab auf einen tunesischen Imam zurückgreifen müssen. Überrascht von der mittlerweile weltweiten Aufmerksamkeit wollen sich Soylu und Kanal T dagegen zu den weiteren Religionsvertretern und den Kandidaten bis auf weiteres nicht äußern. Auch die Kirchenleitungen der beiden großen christlichen Konfessionen in der Türkei, das armenische und das griechisch-orthodoxe Patriarchat, haben bisher Stellungnahmen zum geplanten »TV-Büßerrennen« abgelehnt.

Ein Job für Fliege?

Während sich der deutsche Beobachter türkischer Fernseh-Innovationen noch die Frage stellt, wen die deutschen Lutheraner in ein solches »Rennen« schicken könnten (den EKD-Ratsvorsitzenden Wolfgang Huber? Den Champions-League-Kicker der Theologieprofessoren, Friedrich Wilhelm Graf? Oder doch Jürgen Fliege bei einem letzten TV-Einsatz?), fühlt sich die Erfinderin der Sendung gründlich missverstanden. Dem Titel zum Trotz: Eigentlich gehe es gar nicht um einen Wettbewerb, sagt Seyhan ­Soylu. »Komm, komm, was auch immer du bist!« - dieser Satz des persischen Sufi-Mystikers und Dichters Rumi alias Mevlana (1207-1273, sein Grab befindet sich im türkischen Konya), treffe den angestrebten Geist der Sendung viel besser.

Weltanschaulich und religiös sei man neutral, sagt Soylu, die türkische Religionsbehörde habe das Format nicht verstanden. Das muslimische Establishment in der Türkei befürchte, hinter der Sendung stecke eine christlich-evangelikale Verschwörung, die den Islam in den Augen der Öffentlichkeit entwerten solle. Völlig falsch, so die Macher von Kanal T, die sich in einer Linie mit dem toleranten, am Dialog orientierten Islam Rumis sehen: »Wir wollen nur das Wissen um die Sache mit Gott vergrößern.«

»Basiswissen Christentum« - der Glaubenskurs im Sonntagsblatt. Lesen Sie mit, machen Sie mit, diskutieren Sie mit!
 

 

Der Sonntagsblatt-Shop und das Sonntagsblatt-Blog.
 

 

Lesen Sie jede Woche auch das Sonntagsblatt-Titelthema, viele weitere interessante Artikel und Terminhinweise. Auch vor Ort immer gut informiert mit dem Sonntagsblatt: Sechs Regionalausgaben berichten über das, was an Ihrem Wohnort wichtig ist im evangelischen Bayern. Mit Gottesdienst-Anzeiger (München/Oberbayern, Nürnberg, Augsburg).
 

 

Mitarbeit: Hakan Parmaksizoglu

 


Valid HTML 4.01 Transitional

/news/aktuell/2009_28_23_01.htm
abgerufen 09.02.2010 - 05:53 Uhr

© Sonntagsblatt 1998-2010, ImpressumWebmaster
Angebote für Webmaster