Nie fragt der Pfarrer, wie es geht
Sonntagsblatt-Sprechstunde
Sie ist engagiert in ihrer Gemeinde, packt kräftig mit an. Seit ihr Mann gestorben ist, hat Frau M. mehr Zeit dafür. Aber vom Pfarrer so richtig wahrgenommen fühlt sie sich eigentlich nicht.
Ich will mich ja eigentlich nicht beschweren, aber manchmal habe ich Schwierigkeiten mit unserem Pfarrer. Ich helfe viel mit in der Gemeinde. Seit mein Mann nicht mehr lebt, habe ich ja mehr Zeit als früher. Ich komme dann mal raus, mir tut das ganz gut. Auf dem Gemeindefest packe ich immer mit an, und neulich haben wir zu viert das ganze Gemeindehaus und die Kirche gründlich geputzt. Ich mache das auch gerne und der Pfarrer sagt, dass er froh ist, dass er mich hat. Aber er fragt nie, wie es mir eigentlich geht. Dabei ist er doch auch Seelsorger!
Frau M.
Ihre Enttäuschung teilen Sie mit manchen anderen Ehrenamtlichen. Sie setzen sich ungeheuer ein und haben doch oft das Gefühl: Der Pfarrer würdigt das eigentlich nicht. Mehr noch: Er sieht mich als Person nicht. Und wenn ich ihn dann mal brauche, dann hat er keine Zeit.
Aber ich kann mich auch gut in den Pfarrer hineinversetzen. Der ist vermutlich froh, dass er Sie als Mitarbeiterin hat. Wenn er Sie sieht, hat er das Gefühl: Das läuft doch, und wir sehen uns doch immer wieder mal und grüßen uns freundlich. Daran wird sie doch wohl merken, dass ich sie schätze. Ich habe genug anderes, worum ich mich kümmern muss.
Gemeinsam haben Sie beide, dass Sie ihre Gefühle und Erwartungen, die den gegenseitigen Kontakt betreffen, nicht aussprechen. Womöglich arbeiten da aber auch zwei Menschen, die sich Aufmerksamkeit und Zuwendung von oben, von Autoritätspersonen wünschen: Sie vom Pfarrer und der Pfarrer von seinem Vorgesetzen oder vom Kirchenvorstand. Beide sehnen sich nach »Gesehenwerden«. Ausgesprochen wird auch das nicht. Beide denken: Die anderen müssen doch merken wie's mir geht und was ich brauche...
Wie sollen diese beiden, die da nebeneinander stumm nach oben blicken und von dort Anerkennung erwarten, eigentlich miteinander ins Gespräch kommen? Ein Patentrezept dafür habe ich nicht. Aber lassen Sie mich einfach mal träumen: Ich träume zum Beispiel davon, dass wir entdecken, dass unsere Sehnsucht nach Anerkennung nicht automatisch bedeutet, noch mehr zu arbeiten, sondern über den Tellerrand hinaus dorthin zu schauen, wo es auch jenseits der Arbeit Anerkennung gibt; dass wir inmitten all der Arbeit, die wir freiwillig und unfreiwillig tun, immer wieder entdecken, was einfach so Spaß macht und nicht nur nur Mittel zum Zweck ist;
Dass wir uns und anderen zugestehen, Erwartungen auch mal zu enttäuschen, weil keiner von uns perfekt ist; dass wir die kurzen Begegnungen gelten lassen und für einen Moment zwischen Tür und Angel uns füreinander interessieren: »Wie geht es Ihnen eigentlich heute?«; dass Haupt- und Ehrenamtliche ab und an ein kleines Fest feiern, in dem einander zu danken und miteinander etwas Schönes zu genießen sich leicht und beschwingt miteinander verbindet; und dass der eine oder andere Ehrenamtliche so einen Brief nicht an mich, sondern an seinen Pfarrer, seine Pfarrerin schreibt - und dass der, dass die ihnen antwortet. | SONNTAGSBLATT - SPRECHSTUNDE
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