Wenn Kapitän Nemo Orgel spielt
Der Orgel-Literaturkanon (33): Toccata und Fuge d-Moll von Bach
Kein Orgelwerk, ja wahrscheinlich kein Werk der E-Musik überhaupt hat sich derart in der globalen Alltagskultur eingenistet wie »die« Toccata von Bach, genauer gesagt: die Toccata und Fuge in d-Moll BWV 565. Dass man das Werk seit jeher Johann Sebastian Bach (1685-1750) zuschreibt, könnte das größte Missverständnis der Musikgeschichte sein.
Schon in der heute noch gebräuchlichen Erstausgabe der Bach'schen Orgelwerke im Peters-Verlag vermerkten die Herausgeber anno 1844, das Stück sei, etwa wegen der vielen Tempobezeichnungen oder wegen der mangelnden Eignung für den Gottesdienst, für Bach doch recht ungewöhnlich. Doch da war der Siegeszug »der« Toccata schon im Gange. Am Sockel dieses Denkmals der Orgelkunst wollte lieber niemand kratzen.
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 Mordent auf a: So beginnt das berühmteste Themenzitat der Orgelgeschichte.
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1959 allerdings stieß ein englischer Bachianer den längst fälligen Diskurs an: »Für einen Studenten im Fach Fuge reicht eine solche Arbeit sicher nicht, um das Examen zu bestehen«, schrieb damals Roger Bullivant. Seither tobt ein Streit um die Authentizität des Werkes, das nur sehr unzuverlässig überliefert ist und überdies eine Reihe von musikologischen Fragen aufwirft.
Hauptproblem sind die handwerklichen Schwächen der Fuge, die besonders im Vergleich zu anderen, als gesichert geltenden Arbeiten Bachs schmerzhaft auffallen - etwa die schlichte Dreiklangsharmonik, der ungewöhnliche einstimmige Pedaleinsatz des Themas oder der Verzicht auf ausgefeilte kontrapunktische Techniken. Es ist völlig undenkbar, dass Bach dieses Werk in reiferen Jahren schrieb. Gegen einen »frühen« Bach allerdings sprechen wieder andere Dinge: die genauen Tempobezeichnungen, die Fermaten oder die extreme Kleingliedrigkeit der Toccata. All dies hat der Hamburger Musikwissenschaftler Rolf-Dietrich Claus in einer gründlichen Monographie zusammengetragen.
Wer, wenn nicht Bach, hat dieses Werk dann komponiert? Dafür haben Claus & Co. noch keinen überzeugenden Vorschlag geliefert. Doch selbst wenn in einem russischen Archiv oder auf einem Trödelmarkt in New York das fehlende Beweisstück für eine Autorenschaft des Bach-Schülers Johann Peter Kellner oder etwa eines der Bach-Söhne auftauchen würde: »Die« Toccata bliebe doch immer untrennbar mit Bach verbunden. Das Rad ihrer einzigartigen Wirkungsgeschichte ließe sich nicht mehr zurückdrehen.
Die d-Moll-Toccata ist nicht nur das am häufigsten aufgeführte und eingespielte Orgelwerk überhaupt, es war auch das erste überhaupt, das auf Schallplatte aufgenommen wurde (1926 in London). Es existiert in unzähligen Bearbeitungen, von Leopold Stokowskis Sinfonieorchester-Version über Jacques Loussiers Verjazzung bis zu den »Deformationen eines Publikumslieblings« von Reinhold Finkbeiner, von Handy-Klingeltönen mal ganz zu schweigen.
Vor allem aber hat das Stück seinen Ehrenplatz in der Filmwelt: Was wären Kapitän Nemo oder Fantomas ohne den berühmten Mordent, gefolgt vom rollenden Donner der verminderten Septakkorde? Nach 100 Jahren Filmgeschichte entsteht in den Köpfen der Zuhörer schon fast zwangsläufig ein unvermeidliches Bild: »…der Rücken des dämonischen Schurken, der an der Orgel sitzt, eine Allegorie für den wahnsinnigen Weltverbrecher und großen Verführer«, schreibt der Musikologe Florian Nelle.
Ob dieser Reizüberflutung bekam das Werk bald einen wenig schmeichelhaften Beinamen: die »Epidemische«, auch als Kontrapunkt zur »Dorischen« Toccata und Fuge in gleicher Tonart. Die allerdings ist ganz bestimmt von Bach. | |
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AN DER ORGEL
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Borucki
 Jörg Wöltche, Kantor an der Erlöserkirche in Bad Kissingen
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»Die Toccata und Fuge in d-Moll hat mich auf vielfältige Weise in meinem Leben fasziniert. Es ist eine großartige, spielerische und freudige Art - trotz »Moll« - sich mit der Orgel auseinander- zusetzen und sich dem Rausch der Musik hingeben zu können.
Mit 15 Jahren habe ich die Toccata das erste Mal für den Orgelunterricht an einer kleinen einmanualigen Dorforgel in Wald-Amorbach im hessischen Breuberger Land einstudiert. Seither hat mich das Stück immer wieder beschäftigt, zum Beispiel als Wunschtitel bei Hochzeiten, obwohl man ja so gar nicht dazu »einziehen« kann!
Mein Höhepunkt: meine eigene, an Leopold Stokowski angelehnte Bearbeitung für große sinfonische Besetzung, die ich in einem Kantatengottesdienst in der Erlöserkirche dirigiert habe - kombiniert mit John Rutters Gloria. Prächtige Erlebnisse zum Schwelgen in Musik.
Und nun: richtig große Vorfreude darauf, nach vielen Jahren wieder einmal gründlich einzusteigen und die Toccata und Fuge mit dem großen Finale zu spielen.«
Jörg Wöltche, Kantor an der Erlöserkirche in Bad Kissingen, spielt Bachs »Toccata und Fuge in d-Moll« in einem Themengottesdienst im Rahmen des »Kissinger Sommers« am Sonntag, 12. Juli, um 9.30 Uhr. Die Steinmeyer-Orgel (3 Manuale. 36 Register) stammt in ihrer Kernsubstanz aus dem Jahr 1979.
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