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Dieser Artikel: Ausgabe 28/2009 vom 12.07.2009
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Hochstapler im Talar

Landeskirche erstattet Anzeige gegen selbst ernannten Seelsorger


Der Talar war echt, der Mann war ein Schwindler: Ein falscher Pfarrer hat in Nordbayern über Jahre hinweg Kinder getauft, Brautpaare getraut und Beerdigungen gehalten. Jetzt steht der 62-jährige Karl-Heinz Hollweg vor dem Ende seiner schillernden Hochstapler-Karriere. Die evangelische Landeskirche hat nach Auskunft des Nürnberger Regionalbischofs Stefan Ark Nitsche am Freitag Anzeige wegen Titelmissbrauchs erstattet.

»Ich vollziehe Taufen, Trauungen, Beerdigungen - eben die Dinge, die in einer normalen Kirchengemeinde auch anfallen«: Karl-Heinz Hollweg.
Foto: epd
   »Ich vollziehe Taufen, Trauungen, Beerdigungen - eben die Dinge, die in einer normalen Kirchengemeinde auch anfallen«: Karl-Heinz Hollweg.

Hollweg, der ursprünglich Rummelsberger Diakon war, bevor er die Bruderschaft unter ungeklärten Umständen verlassen musste, irrlichtert schon lange durch die evangelische Kirche. Mal soll er sich als Pfarrer, mal als Prälat ausgegeben haben. Seine Paraderolle spielte er als allseits beliebter Schaustellerseelsorger. Eine Eigenschaft, in der er sogar den Vater des Vorsitzenden des Süddeutschen Schaustellerverbandes beerdigt haben soll.

Nach seinem unrühmlichen Abschied aus Rummelsberg arbeitete Hollweg zunächst in einer Kirchengemeinde, dann in einem Lehrlingsheim, bis er Aufnahme bei der Christlichen Arbeitsgemeinschaft in Nürnberg fand. Zwei Jahrzehnte lang, von 1985 bis 2005, leitete er ein Altenheim des Sozialwerks, bis er im Februar 2005 außerordentlich gekündigt wurde. Gottfried Schoenauer, Leiter der Christlichen Arbeitsgemeinschaft, hatte Hollwegs Eskapaden satt. »Da sind krumme Sachen gelaufen«, sagt Schoenauer. Es sei um Hollwegs auffällig aufwendigen Lebensstil, seine Schwadronierereien und um hohe Summen gegangen, die alte Leute dem Heimleiter anvertraut hätten. Von 300.000 Euro ist die Rede, die Hollweg aufgrund des Heimgesetzes nicht hätte annehmen dürfen. Der geschasste Heimleiter klagte gegen den Rausschmiss, verlor aber vor Gericht.

Außerordentlich beliebt sei Hollweg bei den Heimbewohnern gewesen, blickt Schoenauer zurück. »Er konnte fabelhaft mit den Leuten umgehen». Jeder habe von Hollweg das zu hören bekommen, was er gerade hören wollte, darunter die abenteuerlichsten Geschichten. Insider erinnern sich an den Heimleiter als angeblichen Nachfahren des Reichskanzler Bethmann-Hollweg (1909-1917). »Völliger Quatsch«, sagt Schoenauer. Er habe ihn schon vor der Kündigung oft genug darauf angesprochen, solche Geschichten sein zu lassen. Schoenauer: »Wir sind sehr froh, dass die Sache endlich geplatzt ist.«

Schon als Altenheimleiter entdeckte Hollweg seine Liebe zur Schaustellerszene, wo er im Talar Schaustellerbetrieben den Segen spendete und eigenen Angaben zufolge sogar Kinder taufte. »Er war ein talentierter Hochstapler«, sagt der Nürnberger Prodekan Wolfgang Butz, der die Umtriebe des Ex-Diakons zunehmend fassungslos verfolgte. »Er wollte sein Leben lang ein anderer sein, als er ist.« Und das gelang ihm offenbar gut.

Als »Schaustellerseelsorger« gab Hollweg Zeitungsinterviews und gefiel sich in einem Fernsehbeitrag von Franken-TV. »Ich vollziehe Taufen, Trauungen, Beerdigungen - eben die Dinge, die in einer normalen Kirchengemeinde auch anfallen«, sagte er dem Nordbayerischen Kurier. Bilder vom Nürnberger Volksfest zeigen ihn in weißem Talar und roter Stola. Noch zu Pfingsten zog er beim Bayreuther Volksfestumzug voran. Als Butz den Schaustellerverband über den Schwindler informierte, stieß er dort nach eigener Erinnerung auf Unglauben.

Köpenickiade hinter dem Rücken der Kirchenleitung

Der Leitung der evangelischen Landeskirche war lange nicht klar, welche Köpenickiade sich hinter ihrem Rücken abspielte. Erst 2001 platzte ihr der Kragen. Hollweg war gerade als »Prälat« im Weihnachtgottesdienst der mittelfränkischen Gemeinde Emskirchen aufgetreten. Der damalige Nürnberger Regionalbischof Karl-Heinz Röhlin entzog dem bunten Vogel daraufhin die Prädikantenrechte, die ihm erlaubten, selbst verfasste Predigten zu halten. Nur noch innerhalb seines Heimes durfte er Andachten halten. »Damit waren unsere kirchenrechtlichen Möglichkeiten erschöpft«, sagt Röhlin-Nachfolger Nitsche. Für eine Strafanzeige hätten die Hinweise nicht gereicht.

Der Regionalbischof beruhigt Hollweg-Opfer, die sich Sorgen um die Gültigkeit ihrer Taufe oder ihrer Ehe machen: »Der Segen Gottes gilt selbstverständlich auch dann, wenn derjenige, der ihn gesprochen hat, dazu nicht befugt war.« Auch Taufe und Ehebund seien gültig. Die Landeskirche werde einen Weg finden, dies in den Kirchenbüchern nachträglich zu dokumentieren.

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Peter Reindl

 


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abgerufen 08.02.2012 - 23:23 Uhr

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