Home
Diese Woche - die aktuelle Ausgabe
Themen
E-Paper: Sonntagsblatt digital
Jetzt im Sonntagsblatt-Shop bestellen!
Archiv
Die Redaktion
Abo-Service
Das Sonntagsblatt-Blog
Anzeigen-Service
Leserreisen
Zeitvertreib
Leserbriefe
Impressum



    
Heute: 04.02.2012
Aktuelle Ausgabe: 05 vom 29.01.2012
Artikel mit anderen teilen!
Dieser Artikel: Ausgabe 27/2009 vom 05.07.2009
Alle Artikel der » Ausgabe 27/2009 im Archiv aufrufen.
  Druckversion


Wer vertritt die ehemaligen Heimkinder?

Der Runde Tisch in Berlin betreibt Aufarbeitung der Heimerziehung in den 50er und 60er Jahren


Gewalt und Einschüchterung waren in Kinderheimen der Nachkriegszeit ein durchaus übliches Erziehungsmittel. Darüber tagt ein »Runder Tisch Heimerziehung« beim Deutschen Bundestag. Doch nun stellt der Verein ehemaliger Heimkinder die Vertreter der Opfer, die am Tisch sitzen, in Frage.

Im Heim 1955 (unser Foto: Speisesaal im Evangelischen Kinderheim Feldkirchen der Inneren Mission München, die schon vor drei Jahren einen Aufruf »Heimkinder gesucht« gestartet hatte.
Foto: IMM
   Im Heim 1955 (unser Foto: Speisesaal im Evangelischen Kinderheim Feldkirchen der Inneren Mission München, die schon vor drei Jahren einen Aufruf »Heimkinder gesucht« gestartet hatte.

Es ist ein dunkles Kapitel so genannter Schwarzpädagogik, was sich in Heimen der alten Bundesrepublik abspielte - dunkel gleich im zweifachen Sinne: Prügel, Zwangsarbeit, gar sexuelle Übergriffe, also die allerdunkelsten, übelsten Ausprägungen einer repressiven Pädagogik, gab es ohne Zweifel in vielen Kinderheimen. Dunkel aber ist genauso, in welchem Umfang und in welcher Selbstverständlichkeitsolche pädagogischen Umstände herrschten. Wieviele Kinder wurden traumatisiert, nahmen Schaden an Leib und Seele?

Es liegen Schätzungen in einer Spanne von 0,5 bis 1,5 Millionen betroffenen Jugendlichen und Kindern vor (der Runde Tisch geht von 700.000 aus), die zwischen Ende der 40er- bis Mitte der 70er-Jahre in öffentlicher Erziehung waren - etwa zwei Drittel von ihnen in konfessionellen Heimen! Doch wieviele wurden misshandelt? Und fand dies in manchen Heimen systematisch statt, während es sich anderswo lediglich um Einzelfälle handelte?

Imperatives Mandat?

Der Runde Tisch, der im Juni ein drittes Mal getagt hatte, soll bis Ende 2010 Vorschläge zur Rehabilitation und Entschädigung machen. Der Runde Tisch, vom Petitionsausschuss des Bundestags eingerichtet, ist ein erst- und einmaliges parlamentarisches Instrument, das für eine umfassend aufklärende, wissenschaftlich gestützte Untersuchung steht. »Betroffene«, in erster Linie drei ehemalige Heimkinder, aber auch Vertreter etwa der Kirchen, Diakonie und Caritas, sitzen mit am Tisch.

Nun aber preschte der Verein ehemaliger Heimkinder (VEH) mit einer gigantischen Forderung von 25 Milliarden Euro in die Öffentlichkeit und damit an den Runden Tisch. 25 Milliarden, die man als Schadensersatz vor allem von den Kirchen haben will. Hintergrund ist offenbar, dass diejenigen, die derzeit die Vereinspolitik bestimmen, den Runden Tisch für eine Art Verzögerungs- und Hinhaltetaktik halten. Sie wollen möglichst schnell und nicht erst in ein paar Jahren konkrete Verhandlungen über konkrete Forderungen.

Zu diesen Vereinsinterna zählt auch, dass die drei ehemaligen Heimkinder, die am Runden Tisch sitzen, mittlerweile alle aus dem Verein ausgetreten sind. »Der VEH setzt seine eigene Legitimation aufs Spiel«, sagt Hans-Siegfried Wiegand, vormals VEH-Vorsitzender. Denn in der Organisation der ehemaligen Heimkinder, die »sich in der Aufarbeitung zweifellos Verdienste erworben hat«, hätten zunehmend Geschäftemacher das Sagen. Der ehemalige Anwalt Michael Witti etwa, der seine Anwaltslizenz verlor, nachdem er wegen Veruntreuung von Mandantengeldern zu elf Monaten Gefängnis verurteilt wurde. Oder die bekennenden Atheisten der Giordano-Bruno-Stiftung, die die Heimkinder für ihre Zwecke instrumentalisieren.

Und Sonja Djurovic, ehemaliges Heimkind am Runden Tisch, deren Leidensgeschichte in einem fränkischen Erziehungsheim im Sonntagsblatt (Nr. 10) geschildert worden war, sieht, wie sie nun diesem Blatt sagte, die Heimkinder wiederum »wie früher« von außen bestimmt. Die einen, Anwälte, wollten mit ihnen Geld verdienen; und die Giordano-Bruno-Stiftung benütze die Heimkinder, »um der Kirche eins auszuwischen.« Der VEH wiederum will alle drei Heimkinder sozusagen nach dem imperativen Mandat vom Heimtisch zurückpfeifen und andere Delegierte setzen, vor allem seine Anwälte.

Inhaltlich beschäftigte sich der Runde Tisch auf seiner letzten Sitzung mit dem Themen »Opferrecht« und »Rentenrecht«. Dabei hätten sich sowohl das bestehende Opferentschädigungsgesetz als auch das Rentenrecht als ziemlich untauglich für die Heimkinder erwiesen, sagte Antje Vollmer, die Vorsitzende des Runden Tisches. Eine Studie des Bochumer Professors für christliche Gesellschaftslehre, Traugott Jähnichen, beschäftigt sich mit dieser komplizierten rechtlichen Lage.

Noch vor aller Entschädigungforderung freilich liegt die Erhebung konkreter Fälle. Ausdrücklich rief Antje Vollmer frühere Heimkinder auf, sich zu melden. Dass Akten gesichert und zugänglich gemacht werden, um persönliche Schicksale sozusagen dingfest zu machen, auf diesen Grundsatz beruft sich auch ausdrücklich der Vertreter des Diakonischen Werks Deutschlands am Runden Tisch, Jörg A. Kruttschnitt. Er ist zweiter Vorsitzender des Vorstandes des Diakonischen Werkes in Bayern. Schon vor drei Jahren hatte die bayerische Diakonie eine »Stellungnahme zur Heimerziehung in den 50- und 60-Jahren« abgegeben. Darin werden Missstände in Diakonie-Einrichtungen als »großes Unrecht« bezeichnet, da sie Grundsätzen eines christlichen Menschenverständnisses nicht entsprächen. »Es tut uns Leid, was den Kindern und Jugendlichen angetan wurde, und wir sprechen ihnen unser Bedauern aus.«

Die Aktensuche ist im Gange

Befragt nach »bayerischen Zahlen« und Vorgängen aus bayerischen evangelischen Heimen kann Kruttschnitt nur wenig Konkretes benennen. Wie bereits im Sonntagsblatt berichtet, hatte die Innere Mission München schon vor drei Jahren einen öffentlichen Aufruf »Heimkinder gesucht« gestartet und immerhin 30 zu einem »Ehemaligentreffen« zusammengebracht. Ihre Erfahrungen, so hieß es, seien »recht durchmischt« gewesen. Die einen erinnerten sich mit Schaudern an regelmäßige Prügestrafen, die anderen berichteten, wie liebevoll die Tanten«, wie die Erzieherinnen damals hießen, mit ihren »Schutzbefohlenen« umgegangen seien.

Sonja Djurovic, die ihren »Fall« am Runden Tisch und gegenüber dem Sonntagsblatt geschildert hatte, lebte in einem Mädchenheim »Ruth«, das das Diakonissen-Mutterhaus Hensoltshöhe in Neumarkt-Wirsberg in Oberfranken führte. Daneben liegen noch der Rummelsberger Diakonie, die Jugendhilfeeinrichtungen in der Nachkriegszeit unterhielt, zwei Anfragen vor. Die Aktensuche ist im Gange.

»Basiswissen Christentum« - der Glaubenskurs im Sonntagsblatt. Lesen Sie mit, machen Sie mit, diskutieren Sie mit!
 

 

Der Sonntagsblatt-Shop und das Sonntagsblatt-Blog.
 

 

Lesen Sie jede Woche auch das Sonntagsblatt-Titelthema, viele weitere interessante Artikel und Terminhinweise. Auch vor Ort immer gut informiert mit dem Sonntagsblatt: Sechs Regionalausgaben berichten über das, was an Ihrem Wohnort wichtig ist im evangelischen Bayern. Mit Gottesdienst-Anzeiger (München/Oberbayern, Nürnberg, Augsburg).
 

 

lt/bela

 


Valid HTML 4.01 Transitional

/news/aktuell/2009_27_09_01.htm
abgerufen 04.02.2012 - 07:01 Uhr

© Sonntagsblatt 1998-2012, ImpressumWebmaster
Angebote für Webmaster