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Dieser Artikel: Ausgabe 23/2009 vom 07.06.2009
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Fragwürdige biblische Gebote

Sonntagsblatt-Serie: Das Beste aus der Bibel


Jedes Wort der Heiligen Schrift habe direkte Gültigkeit für unser heutiges Leben, behaupten fundamentalistische Christen. Wer so denkt, müsste konsequenterweise folgende Gebote der Bibel ebenfalls befolgen.

Hans Baldung Grien: Kopf eines Alten mit Bart, 1518, London, British Museum.
Foto: sob
   Hans Baldung Grien: Kopf eines Alten mit Bart, 1518, London, British Museum.

»Lege kein Kleid an, das aus zweierlei Faden gewebt ist.« - 3. Mose 19, 19

Die Befolgung dieses Gebotes würde die Einkaufsoptionen in Sachen Kleidung ziemlich einschränken. Socken zum Beispiel sind meist aus Baumwolle, aber fast nie ohne einen Anteil von Elasthan oder ähnlichen Kunstfasern erhältlich. Aber auch schon bei einem Sakko oder Rock mit Viskosefutter ergäben sich Probleme. Als Lösung wären reine Wolle- oder Seide-Textilien denkbar. ( 3. Mose 19, 19)

 

»Ihr sollt euer Haar am Haupt nicht rundherum abschneiden noch euren Bart stutzen.« - 3. Mose 19, 27

Das würde die Friseure und die Rasiermittelindustrie hart treffen und das Straßenbild unseres Landes verändern (Bild rechts): Überall würden Männer mit langem Haar und Bärten zu sehen sein - Ähnlichkeiten zu Taliban-Fürsten wären so wenig beabsichtigt wie vermeidbar. Zumal dieses Gebot jedwedes Beschneiden der männlichen Haupthaare verbietet, also auch das aus rein ästhetischen Gründen. Waschen und Kämmen ist nicht verboten. ( 3. Mose 19, 27)

 

»Wer des Herrn Namen lästert, der soll des Todes sterben.« - 3. Mose 24, 13-23

Am Rande des Bremer Kirchentags flanierten Mitglieder der atheistischen Aktion »Heidenspaß« die Straße entlang. Um der Welt ihre große provokative Energie zu demonstrieren, trugen sie einen gekreuzigten Teddybären vor sich her. Kein schöner Anblick, zugegeben, aber mehr ein Ausdruck spätpubertärer Dummheit statt Zeichen seriöser Religionskritik. Die »Heiden«-Bremer konnten froh sein, dass keiner der Kirchentagsbesucher die Bibel wörtlich nahm. Denn sonst hätten sie ihre Aktion mit dem Leben bezahlt. ( 3. Mose 24, 13-23)

 

»Besser ist’s, keine Kinder zu haben.« - Weisheit 4, 1

Hatte Gott nicht den Menschen etwas ganz anderes aufgetragen, nämlich: »Seid fruchtbar und mehret euch«? Salomo, der Verfasser des Buches der Weisheit, stellt sich offen gegen dieses göttliche Gebot. In seinen Kreisen galten Kinder offensichtlich eher als störend - erst recht, wenn sie »in gesetzeswidriger Ehe« geboren wurden und »die kinderreiche Menge der Gottlosen« vermehrten. Hätte es schon im alten Israel den Kinderschutzbund gegeben - er hätte viel zu tun gehabt, um solcher kinderfeindlichen Haltung entgegenzutreten. ( Weisheit 4, 1)

 

»Wer an diesem Tag arbeitet, soll sterben.« - 2. Mose 35, 2

»Gott sei Dank, es ist Sonntag«, wirbt die Evangelische Kirche für die Sonntagsruhe, denn »der Sonntag ist der Tag, an dem nicht gearbeitet wird«. Das klingt freundlich und überzeugend. Gott jedoch wählt eine andere, mittlerweile der »schwarzen Pädagogik« zugerechnete Form, Menschen von der Sabbatruhe zu überzeugen. Er droht damit, dass jeder, der an diesem Tag arbeitet, sterben soll. Heute würde das an jedem Sonntag für zigtausende Krankenschwestern, Ärzte, Lokführer, Pfleger, ja sogar Pastorinnen und Pastoren den Tod bedeuten. ( 2. Mose 35, 2)

 

»Es steht der Frau schlecht an, in der Gemeinde zu reden.« - 1. Korinther 14, 35

Die Frauenfrage war für den Apostel Paulus leider eine klare Sache: Männer sollten das Sagen haben in den Gemeinden, die Rechte der Frauen waren arg beschnitten. Wie würde Paulus wohl die heutige Situation in den evangelischen Kirchen beurteilen? Pastorinnen, Prädikantinnen, Dekaninnen, ja sogar Bischöfinnen arbeiten wie selbstverständlich neben ihren männlichen Amtsbrüdern. Sogar in der katholischen Kirche predigen bisweilen Gemeindereferentinnen! Nein, mit diesem Ratschlag hat Paulus nur eines gezeigt: Es steht einem Mann schlecht an, über Frauen zu entscheiden. ( . Korinther 14, 35)

 

»Bist du nicht gebunden, so suche keine Frau.« - 1. Korinther 7, 27

Nicht nur den Frauen - auch den männlichen Singles macht Paulus es nicht leicht. Allerdings bringen ihn nicht nur asketische Überlegungen dazu, Alleinstehenden das Alleinbleiben zu empfehlen. Paulus war der Überzeugung, dass die Zeit bis zum Jüngsten Gericht kurz sei - und die solle man nicht mit Partnersuche-Aktionen vergeuden, sondern mit wesentlicheren Dingen füllen. Heute, knapp 2000 Jahre später, steht das Jüngste Gericht noch immer bevor. Womit der Grund, Single bleiben zu müssen, entfallen ist. ( 1. Korinther 7, 27)

 

BIBLE'S DIGEST

»Das Beste aus der Bibel« - eine Bibelkunde der besonderen Art.

Alle » Folgen der Serie »Das Beste aus der Bibel« finden Sie » hier...

 

  »Das Beste aus der Bibel« - eine Bibelkunde der besonderen Art.

Der Theologe Uwe Birnstein macht sich in der Sonntagsblatt-Serie »Das Beste aus der Bibel« Woche für Woche auf die Suche nach den bewegendsten und außergewöhnlichsten Geschichten der Bibel. »Das meistgedruckte Buch der Welt verstaubt in den Bücherregalen«, klagt er. Der Grund: Die Heilige Schrift ist kein Roman und eignet sich nicht zur raschen Lektüre. Die Perlen, die sie birgt, müssen erst entdeckt werden. »Das Buch der Bücher birgt Geschichten, die es mit jedem Liebesroman und jedem Thriller, mit jedem Krimi und jeder Generationen-Saga mühelos aufnehmen kann.« Das Beste der Bibel - eine Bibelkunde der besonderen Art.

 

GILT DAS HEUTE?

  Die Bibel ist voller sinnvoller Vorschläge, wie das Leben in der Gemeinschaft und im Angesicht Gottes sinnvoll und sozialverträglich zu gestalten ist. Doch gibt es auch viele Gebote und Vorschriften, die der Moral oder dem Recht der jeweiligen Zeit verhaftet und nicht ins Heute zu übertragen sind. An ihnen lässt sich eindrücklich (und mit einem kräftigen Augenzwinkern) zeigen, dass nicht jedes Wort der Bibel für heute gültig ist. Martin Luther schlug als Regel zur Sortierung wichtiger und unwichtiger Bibelstellen vor, der Leser solle fragen, ob »Christum« die jeweilige Stelle »treibet«.

  Zum Weiterlesen: A. J. Jacobs: Die Bibel und ich. Von einem, der auszog, das Buch der Bücher wörtlich zu nehmen, Berlin 2008.

 

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Uwe Birnstein

 


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abgerufen 04.02.2012 - 06:45 Uhr

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