Tongewordene Dreifaltigkeit
Der Orgel-Literaturkanon (28): »Präludium und Fuge in Es-Dur« von Bach
»Es-Dur« ist, ganz schlicht, eine von 24 Tonarten. Nicht in der Welt der Orgelmusik. Denn beim Schlagwort »Es-Dur« denken wahrscheinlich alle Organisten auf dem Globus erstmal an ein ganz bestimmtes Stück. Wenn sich der Olymp der Orgelmusik klanglich bestimmen lässt, dann liegt er hier ganz in der Nähe.
Dabei kommt das »Präludium und Fuge in Es-Dur« in der Gesamtwerkschau von Johann Sebastian Bach (1685-1750) reichlich unspektakulär daher. 1739 ließ Bach, damals schon Leipziger Thomaskantor und auf dem Gipfel seines kompositorischen Schaffens, bei dem Nürnberger Notenstecher Balthasar Schmid den »Dritten Theil der Clavier Uebung bestehend in verschiedenen Vorspielen über die Catechismus- und andere Gesaenge« fertigen. Die 77-seitige Sammlung kostete seinerzeit drei Reichstaler.
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sob
 Die Dreifaltigkeit aus Gott Vater, Sohn und Heiligem Geist ist ein Wesensmerkmal des christlichen Glaubens. Diese Darstellung stammt von Fra Filippo Lippi aus dem 15. Jahrhundert und wird in der National Gallery in London aufbewahrt.
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»Klavierübung« hieß der Band vor allem aus PR-Gründen, denn Bach hatte schon zweimal erfolgreich Sammlungen für Klavierspieler veröffentlicht. Tatsächlich aber sind die meisten der 27 Werke für die Orgel gedacht. Um das heutige Publikum nicht durch Bachs Verkaufstrick zu verwirren, hat sich für die Sammlung die Bezeichnung »Orgelmesse« eingebürgert. Sie umfasst 21 Choralbearbeitungen, vier Duette - sowie ein freies Präludium zum Beginn und eine Fuge zum Abschluss, beide in Es-Dur. Man gab diesem Paar, dessen innerer Zusammenhalt unverkennbar ist, die BWV-Nummer 552.
Nun kann man zwar die »Orgelmesse« nicht ohne die beiden Rahmensätze spielen, sehr wohl aber die eng aufeinander bezogenen Rahmensätze ohne den Rest der »Orgelmesse«, eine Aufführungstradition, die bis in Bachs Umfeld zurückgeht. Arnold Schönberg adelte das »Präludium und Fuge in Es-Dur« 1929 gar durch eine Orchesterbearbeitung.
Was aber macht dieses Werk zu »einem der leuchtendsten Juwelen im Sanctuarium von Bachs Kunst«, wie es der berühmte Bach-Kenner Hermann Keller formuliert hat? Der Beginn des Präludiums ist pure, ouvertürenhafte Festlichkeit und entspricht damit dem kollektiven Idealbild von Orgelmusik. Zusammen mit einem zweiten, eher zurückhaltenden und einem feurig-schwungvollen dritten Thema formt Bach einen Konzertsatz von ungeheurer Dichte, dem sich eine Fuge mit gleichfalls drei Themen anschließt.
Kann das bei einem tiefgläubigen und mit subtilen Methoden arbeitenden Komponisten wie Bach ein Zufall sein? Sicher nicht: Das Präludium, mehr aber noch die Fuge gilt als Bachs genialer Wurf, die göttliche Trinität mit den Mitteln der Musik darzustellen. Ruhig und majestätisch - Gott Vater; auf- und absteigende Bewegungen - Jesus Christus; herabschwebende, sich ausbreitende Sechzehntel - Heiliger Geist. Genau besehen besteht die Fuge aus drei Einzelteilen, die aber doch eins sind.
Lassen wir nochmal Hermann Keller zu Wort kommen: »Hier ist der Musik als der Sprache des Unaussprechlichen etwas gelungen, um das sich bildende Kunst und Dichtkunst aller Zeiten vergeblich bemüht haben: eine wesenhafte Darstellung der Trinität durch die Mittel der Kunst.«
Wenn sich am Ende der Fuge zweimal aus den Tiefen des Orgelbasses im Pedal das Gottvater-Thema erhebt, um sich mit dem Thema des Heiligen Geistes zu verweben, ist das für Spieler wie für Zuhörer wie ein direkter Blick in den Himmel.
Man muss es gehört haben. | |
Der Orgelliteraturkanon
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AN DER ORGEL
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privat
 Michael Lochner, Landeskirchen- musikdirektor in Bayern.
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»Präludium und Fuge in Es-Dur von Bach, zum Fest der Heiligen Dreifaltigkeit in einer Dreifaltig- keitskirche!
Das passt gut zusammen, und dass meine Wahl auf Mittenwald fiel, hat persönliche Gründe: Dort erarbeitete ich dieses Werk vor 33 Jahren, als ich nach dem Wehrdienst Organist der kleinen evangelischen Kirche blieb. Orgelspielen und Bergsteigen ließen sich hier verbinden; daneben war ich Student der Münchner Musikhochschule.
In dieser Zeit wurde die Pirchner-Orgel erbaut, auf der ich alle erlernten Werke Bachs erstmals vortragen konnte. Der Thomaskantor war hier nahezu unbekannt! Später spielte ich das »Es-Dur« weiter in vielen Orgelkonzerten, auch in abendfüllender Gesamtdarstellungen der Clavierübung III mit ihren 27 Choralbearbeitungen.
Die Themengestalten wirken wohltuend abstrakt, bieten Zugänge für Fromme und Gottsuchende. Kirchenmusikern bleibt die Bemühung um dieses Werk lebenslang - wie auf einem Bergweg, der immer wieder gegangen werden muss, um schließlich ganz vertraut zu sein.«
Michael Lochner, Landeskirchenmusikdirektor in Bayern, spielt Bachs »Präludium und Fuge in Es-Dur« am Sonntag, 7. Juni, im Gottesdienst um 9.30 Uhr in der Dreifaltigkeitskirche in Mittenwald. Die Orgel (19 Register) erbaute die Firma Pirchner (Steinach am Brenner) im Jahr 1978.
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