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Dieser Artikel: Ausgabe 23/2009 vom 07.06.2009
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Wo Ökumene nötig gewesen wäre

Wilhelm Freiherr von Pechmann wurde vor 150 Jahren geboren

Von Wolfgang Sommer

Er hatte während der NS-Zeit höchste kirchliche Funktionen in der bayerischen Landeskirche inne und protestierte konsequent gegen die NS-Kirchenpolitik und die Verfolgung der Juden. Am Ende resignierte er und trat in die katholische Kirche über. Wilhelm Freiherr von Pechmann wurde vor 150 Jahren am 10. Juni 1859 in Memmingen geboren.

Wilhelm Freiherr von Pechmann scheint von seiner Biografie her keineswegs zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus bestimmt gewesen zu sein. Er war ein deutsch-national denkender Anhänger der Konstellationen der Welt vor 1914. Was hat ihn also zum Protest bewogen?
Foto: LKAN
   Wilhelm Freiherr von Pechmann scheint von seiner Biografie her keineswegs zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus bestimmt gewesen zu sein. Er war ein deutsch-national denkender Anhänger der Konstellationen der Welt vor 1914. Was hat ihn also zum Protest bewogen?

In der Kirchengeschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kommt der Gestalt und dem Wirken Wilhelm von Pechmanns eine bleibende Bedeutung zu. An seinem Denken und Wirken wird in beklemmender Weise deutlich, wie hohe Verehrung und tiefes Vergessen und Verdrängen in der neueren deutschen Geschichte schnell aufeinanderfolgten. Wilhelm von Pechmann (1859-1948) war in der Weimarer Republik und in den Jahren der nationalsozialistischen Diktatur in Politik und Kultur, im Finanz- und Wirtschaftsleben und nicht zuletzt in der evangelischen und katholischen Kirche eine bekannte und geachtete Persönlichkeit. Ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod 1948 war er weithin vergessen.

Als Kirchenhistoriker Friedrich Wilhelm Kantzenbach 1971 einen Teil aus dem Briefwechsel von Pechmanns aus den Jahren 1933 bis 1945 veröffentlichte, witterte er eine »kleine Sensation«. Denn der bayerische Baron hatte das politische Unheil und die drohende Gefahr für die christlichen Kirchen durch das Erstarken des Nationalsozialismus schon lange kommen sehen. Pechmann lehnte die NS-Diktatur von Anfang an scharf ab. Er nutzte seine vielfältigen Kontakte und schrieb Eingaben an Regierungsmitglieder, er stand in Kontakt mit Bischöfen und Professoren. Pechmann versuchte der NS-Politik Widerstand zu leisten durch eindringliche Gewissensappelle, Ermahnungen und Ratschläge.

Appelle, Ermahnungen, Ratschläge

Doch die Veröffentlichung der Briefe Pechmanns hatte kaum eine Resonanz. Erst die Wiederkehr des 50. Todestages Pechmanns am 10. Februar 1998 hat die lange Zeit des Schweigens beendet. Die bayerische Landeskirche und die Israelitische Kultusgemeinde von München und Oberbayern erinnerten gemeinsam an das Vermächtnis von Pechmanns, und eine Gedenkveranstaltung der Landessynode würdigte ihn auf Initiative ihres damaligen Präsidenten Dieter Haack in seiner Geburtsstadt Memmingen.

Noch vor zehn Jahren fast vergessen: Wilhelm Freiherr von Pechmann (1859-1948).
Foto: LKAN
   Noch vor zehn Jahren fast vergessen: Wilhelm Freiherr von Pechmann (1859-1948).

Die eigentliche Mitte im Leben und Wirken des Juristen und Bankdirektors war seine Arbeit in der Kirche. Zunächst engagierte er sich in seiner Heimatgemeinde und war Gründungsmitglied des CVJM in München. Bald wurde er in den Kirchenvorstand der Gemeinde München berufen, und seit 1901 war er Mitglied der bayerischen Generalsynode. Damit begann sein jahrzehntelanges Wirken im Dienst der Kirche, zunächst im Rahmen seiner bayerischen Landeskirche und nach dem Ersten Weltkrieg für den gesamten deutschen Protestantismus, für das Luthertum und den Weltprotestantismus im Rahmen der ökumenischen Bewegung.

Von 1919 bis 1922 war von Pechmann der erste gewählte Präsident der bayerischen Landessynode, die damals Generalsynode hieß. Mit klarem Blick widmete er sich als Jurist der Aufgabe, die kirchliche Verfassung der neuen politischen Situation entsprechend zu gestalten und am Aufbau und Zusammenschluss der evangelischen Landeskirchen in ihrer jeweiligen Selbstständigkeit mitzuwirken.

Kirchenpräsident Friedrich Veit (1861-1948).
Foto: LKAN
   Kirchenpräsident Friedrich Veit (1861-1948).

Mit seinem Freund, Kirchenpräsident Friedrich Veit, dem Nachfolger von Bezzels in der Leitung der bayerischen Landeskirche, war von Pechmann in der Vorbereitung und Leitung des Deutschen Evangelischen Kirchenbundes eng verbunden. Während der Weimarer Republik war er von 1921 bis 1930 Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchentages, der - anders als heute - eine Art Parlament des Kirchenbundes war. Seit 1923 war er Mitglied und Schriftführer des Ständigen Ausschusses des Lutherischen Weltkonvents, der Vorläuferinstitution des Lutherischen Weltbundes.

Als Mitglied des Deutschen Evangelischen Kirchenausschusses von 1929 bis 1933, dem leitenden Organ des Kirchenbundes, hat von Pechmann in den entscheidungsvollen Wochen im Frühjahr 1933 eine Haltung eingenommen, in der er allein blieb und die gerade darum nicht vergessen werden darf.

Was die politische Herrschaft der nationalsozialistischen Partei für Kirche und Volk bedeutet, hat er mit nüchterner Klarheit rechtzeitig erkannt, und er hat auch alles in seinem öffentlichen Wirken dafür getan, dass dem offenkundigen Unrecht Widerstand entgegengesetzt wird. Sein Protest richtete sich nicht nur gegen die rechtswidrige Umgestaltung des Deutschen Evangelischen Kirchenbundes zu einer systemtreuen Reichskirche, sondern vor allem gegen die Verfolgung der Christen jüdischer Herkunft und der Juden.

Im April 1933 setzte sich Wilhelm von Pechmann im Kirchenausschuss mit klarer Entschlossenheit gegenüber vielfältig schwankenden Meinungen dafür ein, dass sich der Kirchenbund in einer öffentlichen Kundgebung »zu seinen eigenen Angehörigen jüdischer Abstammung bekennen, ebenso aber auch für unsere jüdischen Glaubensgenossen Gerechtigkeit und christliche Liebe verlangen sollte«.

Als seine zahlreichen Appelle an die »Herren Kirchenführer« vergeblich blieben, hat er als letztes Mittel seines Protestes am Ostermontag 1934 den Austritt aus einer Kirche erklärt, »die aufhört, Kirche zu sein«. Auch bei diesem, in der damaligen Öffentlichkeit sehr beachteten Schritt, protestierte von Pechmann nicht nur gegen die »Vergewaltigung der Kirche und gegen ihren Mangel an Widerstandskraft«, sondern auch »gegen ihr Schweigen zu viel Unrecht und all dem Jammer und Herzeleid, das man in ungezählte nichtarische Herzen und Häuser - christliche und jüdische - hineingetragen hat«.

Mitglied in der Bekennenden Kirche

Sein Austritt aus der DEK bedeutete jedoch nicht auch Austritt aus der bayerischen Landeskirche, im Juni 1936 bekam er die Mitgliedskarte der Bekennenden Kirche.

Am 11. April 1933 war der bayerische Kirchenpräsident Friedrich Veit, im Amt seit 1920, nicht freiwillig zurückgetreten. Zwischen dem neuen, auf der Synode in Bayreuth gewählten Landesbischof Meiser und dem gerade aus seinen offiziellen kirchlichen Ämtern ausgeschiedenen Baron von Pechmann kam es seit dem Sommer 1933 zu einem umfangreichen, bewegenden Briefwechsel und zu einem Austausch im persönlichen Gespräch. Hohe Achtung vor dem leitenden Amt des Bischofs und seiner Person in schwersten Zeiten und abgrundtiefe sachliche Meinungsunterschiede kennzeichnen diesen Briefwechsel, der ein wichtiges Zeugnis für die Geschichte der evangelischen Landeskirchen in der Zeit des Nationalsozialismus darstellt.

Nach 1938 verstärkte sich bei Pechmann eine Tendenz, die in seinem Denken schon länger angelegt war. Den Kampf gegen die nationalsozialistische Gewaltherrschaft führte er vor allem deshalb mit solcher Entschlossenheit, weil er sich hier in Abwehr gegenüber einer apokalyptisch-antichristlichen Macht zu befinden glaubte. Weil der nationalsozialistische Staat als Hauptziel aller seiner Maßnahmen die völlige Entchristlichung des deutschen Volkes zu erreichen versuchte, sollten die christlichen Kirchen gemeinsam Widerstand leisten und alles Trennende in der Stunde der höchsten Gefahr beiseite lassen. Dabei sah von Pechmann vor allem die katholische Kirche als Hauptgegner des Nationalsozialismus und war von ihrem Widerstand in Form von Hirtenbriefen und den Kundgebungen des Papstes zutiefst beeindruckt.

Immer wieder beschwor er den bayerischen Landesbischof, doch endlich das Schweigen zu brechen und gemeinsam mit der katholischen Kirche gegen die Judenverfolgung und Judenvernichtung vorzugehen. Er drückte in einem Brief vom November 1941, in dem er an seinen Antrag vom April 1933 erinnerte, seine Überzeugung aus, dass »vielen der treuesten Glieder unserer Landeskirche ein Stein vom Herzen fiele, wenn es endlich, endlich aus solchem Anlass zu einem Zusammenwirken der christlichen Kirchen in Bayern käme«.

Warum Pechmann zur katholischen Kirche übertrat

Aber das ausbleibende Echo, nicht nur auf Seiten Meisers, enttäuschte ihn zutiefst. Pechmann hat die bittere Wahrheit zum Ausdruck gebracht, dass den evangelischen Kirchenführern und vielen evangelischen Theologen trotz aller schwersten Erfahrungen in der NS-Zeit die Partei innerlich näherstand als die katholische Kirche. Das war einer der Gründe, weshalb er am 15. April 1946 in die katholische Kirche übertrat. Am 12. Juni 1946 wurde er von Kardinal Michael Faulhaber gefirmt, am 10. Februar 1948 starb er in München.

Pechmann scheint von seiner Biografie her keineswegs zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus bestimmt gewesen zu sein. Er war ein grundkonservativer, deutsch-national denkender Anhänger der Konstellationen der Welt vor 1914, dessen Vorstellungen heute nicht geeignet sind, zur Heldenverehrung stilisiert zu werden. Er wusste um die Unvollkommenheit und Widersprüchlichkeit des Lebens und hat sich mehrfach zur Korrektur einer bestimmten Auffassung bekannt, die er zuvor vertreten hatte, wenn ihm argumentativ entgegengehalten wurde.

Warum aber hat er seine Kirche so deutlich gegen den Terror des NS-Regimes aufgerufen? Deutsch-national-konservativ waren damals praktisch alle führenden Köpfe in Kirche und Theologie. Der Wurzelboden seiner beispielhaften Haltung im NS-Staat liegt in seinem untrüglichen Rechtsbewusstsein.

In einer seiner Schriften kurz vor dem Jahr 1933 heißt es: »In der deutschen Nacht von heute ist vielen unter uns diese Wahrheit verdunkelt worden. Dabei sind auch nicht wenige theologische Irrtümer mit im Spiele. ... Wenn Gott uns offenbares Unrecht in den Weg treten lässt, so ist sein heiliger Wille nicht, dass wir solchem Unrecht uns beugen, sondern dass wir ihm auf Leben und Sterben widerstehen. Widerspruch und Widerstand gegen das Unrecht, Bekenntnis zum Recht ... als Christen sollen und dürfen wir nicht daran mitwirken, auch nicht unterlassend und schweigend, dass das Unrecht zunehme und erstarke, das Recht aber vergessen werde und verkümmere. Wenn wir beten: »Dein Wille geschehe...«, so dürfen wir nie vergessen: Gott will nicht das Unrecht, sondern das Recht«.

PECHMANN-PREIS

Wilhelm Freiherr von Pechmann-Preis

  Seit 2008 vergibt die bayerische Landeskirche den Wilhelm-von Pechmann-Preis für historisch-wissenschaftliche Arbeiten zur NS-Zeit, für Bildungsarbeit und Publizistik sowie überragende Beispiele für Gemeinsinn und Zivilcourage in der heutigen Zeit. Der Preis ist mit insgesamt 10.000 Euro dotiert.

Die Preisträger im Jahr 2009 sind:

  Thomas Greif, Sonntagsblatt-Redakteur und Historiker, für seine Dissertation »Frankens braune Wallfahrt. Der Hesselberg im Dritten Reich«.

  Das Bürgerforum Gräfenberg für seine »Initiative für Demokratie und gegen Rechtsextremismus«.

  Sabine Gerhardus und Björn Mensing für ihre Publikation »Namen statt Nummern - Dachauer Lebensbilder und Erinnerungsarbeit.«

Die Preisverleihung erfolgt am Mittwoch, 17. Juni, in München durch Synodalpräsidentin Dorothea Deneke-Stoll und Susanne Breit-Keßler, Ständige Vertreterin des Landesbischofs.

 

ZUM THEMA

Für die Zukunft. Landeskirche verleiht 2008 erstmals »Wilhelm-von-Pechmann-Preis«. » lesen!

 

Kirche und Nationalsozialismus

Kirche und Nationalsozialismus (Bild: Dietrich Bonhoeffer und »Reichsbischof« Ludwig Müller)

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abgerufen 09.02.2012 - 00:37 Uhr

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