Bekennen und verwerfen
Zur Aktualität der Barmer Theologischen Erklärung - vor 75 Jahren wurde das Dokument verabschiedet
Die Barmer Theologische Erklärung war das theologische Fundament der Bekennenden Kirche während des Kirchenkampfes in der Zeit des Nationalsozialismus. Sie wurde vor 75 Jahren auf der ersten Bekenntnissynode vom 29. bis 31. Mai 1934 in Wuppertal-Barmen verabschiedet und gilt heute als wegweisendes Lehr- und Glaubenszeugnis der Kirche im 20. Jahrhundert.
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 Das Originaldokument der Barmer Erklärung von 1934.
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Dass sie wirklich zustande gekommen ist, das war damals »fast wie ein Wunder«. Gemeint ist die »Barmer Theologische Erklärung«. Erarbeitet wurde sie in einem kleinen Kreis von Theologen, darunter dem Schweizer Theologieprofessor Karl Barth. Auf der Bekenntnissynode in Barmen 1934 wurde sie nach kontroversen Diskussionen für die evangelischen Kirchen in Deutschland am Ende als verbindliches Zeugnis in Zeiten der Krise angenommen.
Die Krise der evangelischen Kirchen in Deutschland wurde ausgelöst durch die Machtübernahme Adolf Hitlers und dessen radikale Kirchenpolitik. Ziel der Nationalsozialisten war, die Kirche dem Staat gleichzuschalten und der NS-Ideologie einzufügen. Dies sollte geschehen als Weiterentwicklung eines »deutschen Christentums« unter dem Stichwort DC, Deutsche Christen. Deutsch sollte die Kirche sein, das heißt etwa, von allem Jüdischen und dem »alttestamentarischen Denken« gereinigt sein. Deutsch sollte die Kirche werden, indem sie Adolf Hitler als Führer anerkennt, »denn durch Adolf Hitler ist Jesus Christus unter uns mächtig geworden«, hieß es. Deutsch sollte die Kirche sein, indem sie »im deutschen Volkssturm ihren Platz hat«.
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 Vater der Barmer Erklärung: Karl Barth (1886-1968).
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So befremdlich das heute auch klingen mag, es gab zur damaligen Zeit durchaus protestantische Traditionen des 19. Jahrhunderts, an denen man anknüpfen konnte. Dazu zählte ein zumindest latenter Antisemitismus. Dazu zählte auch die Idee, dass Volk und National-Staat Gotteswerk (Schöpfungsordnungen, wie man damals sagte) seien und man daher dem politischen Führer Gehorsam schuldig sei.
Die evangelischen Kirchen hatten aus dem Ersten Weltkrieg, aus Zusammenbruch des alten Systems zu wenig gelernt, blieben altem Denken zu sehr verhaftet. Das machte sie für den Nationalsozialismus anfällig. Und nun mussten sie in der Krise ihrer eigenen Kirchlichkeit neu lernen, in eigener Verantwortung dem Staat gegenüber zu entscheiden, was denn wirklich die Kirche trägt.
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Universität Basel
 Manuskriptseite eines Aufsatzes, den Karl Barth für die Reihe »Theologische Existenz heute« im Sommer 1934 über die »Theologische Erklärung der Barmer Bekenntnissynode« verfasste.
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Und dies war gar nicht so einfach, denn der deutsche Protestantismus war konfessionell und landeskirchlich zersplittert: Lutheraner, Reformierte und Unierte, je in ihren Landeskirchen und Kirchenbünden organisiert, waren sich gegenseitig fremd, nicht selten standen sie sich misstrauisch gegenüber.
Doch die Krise »prügelte sie zusammen«, wie es ein Zeitzeuge formulierte. Und heraus kam die »Barmer Theologische Erklärung«. Kein revolutionäres Bekenntnis, kein Aufruf zum Umsturz, sondern ein gemeinsames Wort, das nach innen verbindet und nach außen abwehrt. Es ist ein eher sperriger theologischer Text in sechs Thesen, die gleich aufgebaut sind: biblische Worte, eine theologische Erklärung, ein Abschnitt, der beginnt mit dem Satz: »Wir verwerfen…«
An den Anfang der Thesenreihe wird Jesus Christus gestellt, »das eine Wort Gottes, das wir zu hören und dem wir im Leben und Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben«. Damit wird verworfen, dass es in der Kirche noch 'andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten' gibt. Dies bezieht sich auf den Anspruch der Nationalsozialisten, dass etwa die Machtübernahme Hitlers ein geschichtliches Heilsereignis ist, das man anerkennen muss. Das Leben im Glauben und die Ordnung der Kirche hat sich gegen alle fremden Ansprüche an Gottes Wort in Jesus Christus zu orientieren.
Solche schlichten Erklärungen haben der Kirche zur Klarheit verholfen: die Deutschen Christen und ihre alten Traditionen haben ihre Glaubenslegitimität eingebüßt, und die innerkonfessionellen Streitereien haben an Bedeutung verloren. Man war gemeinsam auf einem neuen Weg, der aber manche auch in Kampf und Leiden führte. Denn der theologische Widerstand provozierte staatliche Gewalt. Auf diesem Wege wurde die Theologische Erklärung zum lebendigen Bekenntnis der Kirche - und ist es bis heute geblieben.
Trotz aller Klarheit ist an und in der Barmer Theologischen Erklärung manches dunkel geblieben - etwa das Schicksal der Juden in Deutschland. Das hatte man nicht benannt, zum Widerstand gegen Judenverfolgung hatte man sich nicht verpflichtet. Die Ordnung der Kirche stand im Mittelpunkt, nicht der Schutz der verfolgten Juden. Die Kirche, etwa die bayerische, blieb »intakt«: Sie wurde nicht Opfer der Nationalsozialisten, aber sie leistete auch keinen expliziten kirchlichen Einsatz für die Opfer des Systems. Das lastet bis heute als dunkler Schatten auch auf den »intakten« Kirchen. Auch bekennendes Christentum kann schuldig werden.
Welchen Weg hat die Barmer Theologische Erklärung nach dem Zweiten Weltkrieg genommen? Welchen Stellenwert hat sie heute? Zunächst: Sie ist auch in die Grundordnungen und tragenden Bekenntnisse der Kirchen eingegangen, über Deutschland hinaus.
Im Evangelischen Gesangbuch sind sie zu finden unter der Nummer 907. Sie hat Verbindlichkeit des Evangeliums im Wandel der Zeiten und über die Konfessionsgrenzen hinweg geschaffen. Damit aber ist sie fast so etwas geworden wie das gute Gewissen der Kirche, auf dem sie sich ausruhen kann. Die Erinnerungstage an die Entstehung werden dann schnell zu Vergewisserungstagen: noch habe die Kirche das Bekenntnis, also ist sie Bekenntniskirche.
Gegen diese gefährliche Selbstsicherheit hat der Mit-Autor der Erklärung, Karl Barth sich gewehrt, als er zum 30. Jahrestag einen Erinnerungsartikel schreiben sollte: »Es beunruhigt mich … tief, dass Barmen nun immer wieder (20, 25, 30 Jahre) Anlass zu so etwas wie Jubiläen gibt. Gingen die Dinge in Ordnung, da hätte man im Eifer und Schwung, auf der Linie von Barmen zu denken, zu leben, zu reden, gar keine Zeit, Lust, Kraft und Bedürftigkeit, sich immer wieder in Erinnerung zu rufen, wie bedeutsam diese Sache damals gewesen sein muss und wohl auch heute noch sein möchte. Es verdrießt mich, quasi den Museumsführer zu machen.«
Dem ist durchaus zuzustimmen. Die Musealisierung der Kirche schreitet, weil Zukunftsperspektiven fehlen, voran. Aber Erinnerung tut dennoch not, gefährliche Erinnerung. Die beginnt mit der Einsicht, dass auch Barmen zeitbedingt war und nicht einfach fortzuschreiben ist. Dass der Einsatz für die Juden nicht aufgenommen ist, gehört zu dieser Engführung. Eine Engführung besteht auch im Rückblick darin, dass man die Erklärung für sich nimmt und die Kontroversen innerhalb der Kirchen und die Kämpfe mit dem Unrechtsstaat ausblendet. Dann wird Barmen schnell zu einem heiligen Text und hört auf, hilfreiches Wort in Krisen und Konflikten zu sein, der nicht mehr ausgelegt und in einer pluralen Gesellschaft argumentativ eingebracht werden müsste. Er stabilisiert real existierende kirchliche Strukturen und sensibilisiert oder motiviert nicht mehr für neue Gefahren, vor Veränderungen und Verluste.
Es wäre kritisch zu prüfen, ob man in evangelischen Kirchen der Organisationsanalyse und Marketinganalyse in den 1990er-Jahren des letzten Jahrhunderts vielleicht mehr Raum gegeben hat, als ihr im Blick auf die Kirche zusteht. Denn diese befördert die Idee, man könne Kirche irgendwie doch in den Griff eines Steuerungsprozesses bekommen, wenn man sich nur anstrengt. Und sie schafft nicht zuletzt neue heilige und weltliche Hierarchien - während doch »die verschiedenen Ämter in der Kirche keine Herrschaft der einen über die anderen begründen«, diese sind zurückgebunden an die »Ausübung des der ganzen Gemeinde anvertrauten und befohlenen Dienstes« - so Barmen 4.
Es wäre 2009 zu überlegen, ob nicht der ökonomische Faktor das theologische Denken und kirchliche Handeln so in Beschlag genommen hat, dass man die Ökonomie als Garanten des Heils oder als Teufelswerk stilisiert hat und das Evangelium im Rahmen der Möglichkeiten des Ökonomischen verortet hat. Nun ist die Überraschung groß, dass der verlässliche Rahmen des Ökonomischen gesprengt ist.
An Barmen zu erinnern heißt nicht, an heilige Texte zu denken. An Barmen zu erinnern heißt auch nicht, Lösungen für gegenwärtige Fragen zu haben. Barmen ist kein Wunderwerk, sondern mühsame Arbeit von Bekennen und Verwerfen, von Glaube und Kritik - immer in der Hoffnung auf bessere Wege, immer auch mit dem Risiko des Absturzes, aber in Gewissheit, auch dann gehalten zu sein.
Die Barmer Erklärung ist im Gesangbuch auf Seite 1577 abgedruckt.
Wortlaut der Barmer Theologischen Erkärung in der Wikipedia. » lesen!
Barmen 2009 - Internetseite zum 75-jährigen Jubiläum mit Faksimile des Sonderdrucks der Barmer Zeitung. Webangebot der Union Evangelischer Kirchen in der Evangelischen Kirche in Deutschland (UEK). » lesen!
| 75 JAHRE BARMER THEOLOGISCHE ERKLÄRUNG
Bekennen und verwerfen. Zur Aktualität der Barmer Theologischen Erklärung - vor 75 Jahren wurde das Dokument verabschiedet. Von Hans Jürgen Luibl. » lesen!
Der Geist der Wahrheit. Gastkommentar zu 75 Jahren Barmer Theologischer Erklärung von Wolfgang Huber. » lesen!
INTERNET-TIPPS
Wortlaut der Barmer Theologischen Erkärung in der Wikipedia. » lesen!
Barmen 2009 - Internetseite zum 75-jährigen Jubiläum mit Faksimile des Sonderdrucks der Barmer Zeitung. Webangebot der Union Evangelischer Kirchen in der Evangelischen Kirche in Deutschland (UEK). » lesen!
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