Home
Diese Woche - die aktuelle Ausgabe
Themen
E-Paper: Sonntagsblatt digital
Jetzt im Sonntagsblatt-Shop bestellen!
Archiv
Die Redaktion
Abo-Service
Das Sonntagsblatt-Blog
Anzeigen-Service
Leserreisen
Zeitvertreib
Leserbriefe
Impressum



    
Heute: 09.02.2012
Aktuelle Ausgabe: 06 vom 05.02.2012
Artikel mit anderen teilen!
Dieser Artikel: Ausgabe 20/2009 vom 17.05.2009
Alle Artikel der » Ausgabe 20/2009 im Archiv aufrufen.
  Druckversion


»In der Reihe der Widerständler«

Münchner Historiker: Landesbischof Meiser billigte 1944 die Staatsstreich-Pläne


Vor gut vier Jahren begann die Debatte um den ersten bayerischen Landesbischof Hans Meiser und seine Rolle im NS-Staat. Meiser wurde zur Chiffre für viele grundsätzliche Fragen, die wir heute an jene Zeit richten - die »Meiser-Debatte« wird daher noch lange weitergehen. Jüngster Beitrag ist eine Untersuchung des Münchner Historikers Armin Rudi Kitzmann, die nahe legt, dass Meiser den geplanten Staatsstreich vom 20. Juli 1944 ausdrücklich billigte.

Eugen Gerstenmaier hatte Kontakt zu den Widerständlern im »Kreisauer Kreis«.
Foto: Archiv
   Eugen Gerstenmaier hatte Kontakt zu den Widerständlern im »Kreisauer Kreis«.

Gewährsmann für Kitzmanns These ist der Theologe und spätere Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier, der seit 1936 im Außenamt der Deutschen Evangelischen Kirche (DEK) tätig war und spätestens seit 1942 enge Kontakte zum »Kreisauer Kreis« um den Widerstandskämpfer Helmuth Graf von Moltke besaß.

In seiner Autobiografie schrieb Gerstenmaier schon 1981, dass er den württembergischen Landesbischof Theophil Wurm von den Staatsstreich-Plänen in Kenntnis gesetzt hatte. Wurm sollte nach den Plänen der Verschwörer per Rundfunkansprache um Vertrauen für die neue Regierung werben.

Die Landesbischöfe Theophil Wurm und Hans Meiser wurden von ihm über die Staatsstreich-Pläne informiert.
Foto: Archiv
   Die Landesbischöfe Theophil Wurm ...

In einer Ansprache, die Kitzmann im Nachlass Gerstenmaiers bei der Konrad-Adenauer-Stiftung gefunden hat, bezog dieser ausdrücklich auch Meiser in die Mitwisserschaft ein: »Der württembergische Landesbischof war sich also ebenso wie sein bayerischer Amtsbruder völlig klar darüber, wonach sie fragten, wenn sie nach der 'Tat der Generale' fragten.« Nach Gerstenmaiers Erinnerung wussten beide Bischöfe von den Staatsstreich-Plänen und billigten diese ausdrücklich: »Sie drängten und spornten ... Uns ging es gemeinsam um die Rettung Deutschlands aus der Hand des Tyrannen.«

Ob Wurm und Meiser dabei eher an eine Militäraktion mit Ausschaltung von Hitlers Hauptquartier oder an ein Attentat dachten, ist aus den Quellen nicht eindeutig zu entschlüsseln. Wurm betonte später, er sei über Einzelheiten nicht informiert gewesen. Auch Gerstenmaier selbst vermutete, die beiden hätten »keine wirkliche Kenntnis von den militärisch-technischen Plänen des Staatsstreiches« gehabt, lässt aber keinen Zweifel daran, dass beide das Vorhaben grundsätzlich befürworteten.

Die Landesbischöfe Theophil Wurm und Hans Meiser wurden von ihm über die Staatsstreich-Pläne informiert.
Foto: Archiv
   ... und Hans Meiser wurden von ihm über die Staatsstreich-Pläne informiert.

Kitzmann zieht aus seinem Quellenfund weitreichende Schlüsse. Wurm und Meiser seien nicht nur keine »Nazibischöfe« gewesen (so hatte die Nürnberger Abendzeitung Meiser zu Beginn der Diskussion tituliert), sondern seien, im Gegenteil, mit der Beseitigung der nationalsozialistischen Reichsführung einverstanden gewesen. Damit müsse man, so Kitzmann, beiden »einen Platz in der Reihe der Widerständler gegen den Nationalsozialismus« einräumen.

In einer weiteren Schrift setzt sich Kitzmann mit einer Behauptung des Bonhoeffer-Biografen Eberhard Bethge auseinander, der 1969 geschrieben hatte, Meiser habe sich 1953 geweigert, an der Enthüllung der Bonhoeffer-Gedenktafel im KZ Flossenbürg teilzunehmen, »weil es sich nicht um einen christlichen, sondern um einen politischen Märtyrer handelte«. Kitzmann fand heraus, dass Meiser zu der Feier gar nicht dezidiert eingeladen war; der Landeskirchenrat wurde damals durch den Regensburger Kreisdekan Koller vertreten, weil die bayerische Pfarrbruderschaft als Organisatorin der Feier vorab betont hatte: »Eine richtige Einweihung wollen wir nicht halten«.

Meiser befand sich zum Zeitpunkt der Einweihung in Italien und hatte sich dort eine fiebrige Lungenentzündung zugezogen. Bethge wiederum wusste auf Nachfrage des früheren Landesbischofs Dietzfelbinger keinen Beleg für seine Behauptung zu nennen. »Was bisher als belastende Wahrheit für Meiser galt, stellt sich als historische Legende heraus«, schreibt Kitzmann.

 

Kirche und Nationalsozialismus

Kirche und Nationalsozialismus (Bild: Dietrich Bonhoeffer und »Reichsbischof« Ludwig Müller)

Weitere Beiträge zum Thema »Kirche und Nationalsozialismus« finden Sie » hier.

 

 

KOMMENTAR

Armin Rudi Kitzmanns Beiträge sind neue, spannende Bausteine im Meiser-Mosaik, die jedenfalls weitaus mehr Seriosität haben als das im vergangenen Jahr erschienene polemische Pamphlet von Hans-Christian Meiser (»Der gekreuzigte Bischof«). Die vermeintliche Verächtung Meisers gegenüber Bonhoeffer hat Kitzmann überzeugend als Legende entlarvt.

Aber ob eine einzelne Erinnerungsquelle, die Schriften von Eugen Gerstenmaier nämlich, die Meiser ein sehr ungefähres Wissen um den geplanten Staatsstreich zuschreiben, ihn gleich zum Widerstandskämpfer machen? Da sind doch Zweifel angebracht. Immerhin ließ Meiser kurz nach dem missglückten Attentat eine ausgesprochen antisemitische Schrift an alle Pfarrämter als »Berufshilfe« verschicken. Zu diesem Zeitpunkt wusste er aber schon, was sich in den Vernichtungslagern in Osteuropa abspielte. Kitzmann erklärt die Schrift als »vorsorgliche Schutzmaßnahme« gegenüber den Gestapo-Nachforschungen im Zusammenhang mit dem Attentat.

Die Forderung, man müsse wegen eines einzelnen neu- oder wiederaufgefundenen Dokumentes gleich die ganze Geschichte umschreiben, geht fast immer daneben. Zumal es sich im Fall Gerstenmaier nicht mal um ein zeitgenössisches Dokument handelt, sondern eine nachträgliche Erinnerungsschrift, gewissermaßen also eine Quelle zweiter Klasse. Es ist zwar klar, dass unser Wissen über den Widerstand vor allem aus Erinnerungen schöpft. Schließlich wären Schriftstücke damals lebensgefährlich gewesen. Aber Erinnerungen werfen nun mal oft mehr Fragen auf, als sie beantworten - das kommt in den Forschungen Kitzmanns übrigens auch zum Ausdruck.

Es bleibt einmal mehr die Erkenntnis, dass die Bewertung des Dritten Reiches und seiner Handlungsträger genaues Hinsehen und viel Differenzierung benötigt - nach allen Richtungen. Schnelle (Um-)Bewertungen helfen da nichts. Thomas Greif

 

Der Sonntagsblatt-Shop und das Sonntagsblatt-Blog.
 

 

Thomas Greif

 


Valid HTML 4.01 Transitional

/news/aktuell/2009_20_22_01.htm
abgerufen 09.02.2012 - 00:26 Uhr

© Sonntagsblatt 1998-2012, ImpressumWebmaster
Angebote für Webmaster