Die Kraft der Gregorianik
Der Orgel-Literaturkanon (24): »Te Deum« von Jean Langlais
Louis Vierne, Gaston Litaize, Augustin Barié, Jean Langlais: Alle gehören zu den großen Namen der französischen Orgelschule an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Und alle vier verbindet ein gemeinsames persönliches Schicksal - die Meister von Weltruf waren blind.
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Marie-Louise Langlais
 Der Bretone Jean Langlais war 42 Jahre lang Titularorganist von Sainte-Clotilde in Paris, wo zuvor auch César Franck gewirkt hatte.
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Jean Langlais (1907-1991) schaffte es dank dieser Beeinträchtigung gar in die medizinischen Fachbücher. Als er nämlich nach einem zweiten Gehirnschlag im Alter von 77 Jahren einige Zeit halbseitig gelähmt war, erstaunte er die behandelnden Ärzte mit der Fähigkeit, in der Blindenschrift nur die Noten zu erkennen, nicht aber die Buchstaben - obwohl beide gleiche Zeichen haben. Offenbar, so schloss man aus dem Fall Langlais, arbeitet also das musikalische Gedächtnis des Menschen unabhängig vom Sprachgedächtnis.
Der gebürtige Bretone Langlais hatte zunächst eine musikalische Ausbildung am Pariser Blindeninstitut erhalten, bevor er Orgelschüler von Marcel Dupré am Konservatorium wurde. Wie alle prominenten Kollegen seiner Zeit sicherte er sich seinen Broterwerb durch Lehrtätigkeit, gewann seine künstlerische Reputation aber in erster Linie durch die (nur eher symbolisch honorierte) Position eines »organiste titulaire« an einer großen Pariser Kirche: Von 1945 bis 1988 war er als vierter Nachfolger von César Franck an Sainte-Clotilde tätig.
Von hier aus unternahm er zahlreiche Konzertreisen, vor allem in die USA, wie auch umgekehrt viele seiner Schüler von dort kamen. Besonders als Improvisator war er berühmt.
Als einer der wenigen französischen Meister seiner Zeit setzte er sich in seinem Orgelwerk, das rund 100 Titel umfasst, auch mit protestantischen Chorälen auseinander. Die zentrale Rolle in seinem Orgelschaffen aber spielte der gregorianische Choral, der liturgische Gesang der katholischen Kirche, der sich durch Einstimmigkeit, lateinische Sprache und weit ausholende Melodik auszeichnet.
Ein berühmtes Beispiel für Langlais' Liebe zur Gregorianik sind die »Trois Paraphrases Grégoriennes« op. 9, die zu seinen frühesten Kompositionen gehören. Nach »Mors et Resurrectio« (Tod und Auferstehung) und einem »Ave Maria, Ave Maris Stella« (Sei gegrüßet, Maria, du Meeresstern) beschließt die »Hymne d'Actions de grâces«, das Te Deum, das Tryptichon.
Langlais hat darin in der Art einer auskomponierten Improvisation Fragmente des berühmten, kraftvollen Themas verarbeitet, das bis heute auch in der evangelischen Tradition im liturgischen Gebrauch ist (EG 191): Zunächst in Abwechslung von Themenzitaten und schweren Akkordklötzen, dann in Verwebung des Schlussteiles »In Te Domine Speravi« mit drängenden Triolenketten. Das Crescendo symbolisiert die christliche Hoffnung, die im Schlussteil noch einmal bestätigt wird. Hier kehrt auch das Wechselspiel des Anfangs wieder.
Langlais' Tonsprache hat die Herbheit des 20. Jahrhunderts, steht aber unüberhörbar in der ungebrochenen spätromantischen Tradition - die französische Schule hatte keine tiefe Kulturzäsur zu überwinden wie die deutsche, zwischen Kaiserreich und Republik!
Weil ihm das Stück irgendwann zu pathetisch-martialisch klang, korrigierte Jean Langlais später seine eigenen Tempoangaben nach oben. Nun muss man um einiges schneller spielen, wenn man dabei werktreu sein möchte.
Zur Artikelserie erscheint eine siebenteilige CD-Edition. Bestellung unter www.orgelliteraturkanon.de oder unter der Telefonnummer (089) 121 72-130. Soeben ist die dritte CD erschienen: Sie wird vorgestellt am Sonntag, 10. Mai, um 17 Uhr in einem Konzert in St. Michael in Weiden.
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Der Orgelliteraturkanon
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AN DER ORGEL
 Foto:
Wildt
 Traugott Mayr, Kantor an der Dreifaltigkeits- kirche Kaufbeuren.
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»Es gibt Orgelstücke, die man - einmal gehört - nicht wieder vergisst. Neben Alains Litanies und der Duruflé-Toccata gehört für mich das Te Deum von Langlais zu diesen Stücken, die einen bleibenden Eindruck hinterließen. Schon der Anfang mit seinen Akkordfolgen und den triumphalen Quarten entfaltet eine fast magisch bezwingende Wirkung.
Ich lernte das Te Deum zum ersten Mal in einem Konzert anlässlich des Todes des Komponisten kennen. Bis dahin hatte ich von Jean Langlais kaum Musik gehört; dieses Stück wurde für mich ein Türoffner zum Verständnis seiner Tonsprache.
An Langlais schätze ich besonders, dass seine Orgelmusik bei aller Komplexität selbst in akustisch großen Räumen immer plastisch und verständlich bleibt. Seine Orgelstücke sind oft von großer Erhabenheit, ohne dabei ins Plakative und Banale abzugleiten; seine farbige Harmonik behält auch in dissonanten Partien oft noch einen heiteren Zug.
Das Stück ist der barocken Schmid-Orgel nicht auf den Leib geschrieben, lässt sich dort aber auch überzeugend darstellen.«
Traugott Mayr, Kantor an der Dreifaltigkeitskirche Kaufbeuren, spielt die »Hymne d'actions de grâce« (Te Deum) von Jean Langlais am Sonntag, 10. Mai, um 9.30 Uhr im Gottesdienst. Die Schmid-Orgel hat 57 Register auf 5 Manualwerken.
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